Nach Ausspähverdacht "taz" verschlüsselt interne Kommunikation

Freitag, 20. März 2015
Chefredakteurin Ines Pohl ist erschüttert über die Datenklau-Affäre
Chefredakteurin Ines Pohl ist erschüttert über die Datenklau-Affäre
Foto: taz

Gut drei Wochen nach dem Auffliegen eines mutmaßlichen Spähangriffs auf die "tageszeitung" (taz/Berlin) hat das Blatt erste Konsequenzen gezogen. Die Redaktion sei teilweise auf verschlüsselte Kommunikation umgestiegen, und es gebe für Ressortleiter Schulungen in Sicherheitsfragen, sagte die Chefredakteurin Ines Pohl am Donnerstagabend in Berlin. Der Vorfall habe gezeigt, dass es "verdammt leicht" sei, Zugang zu Daten zu bekommen. "Das verändert etwas am Gefühl." Die Redaktion der "taz" sei extrem offen.
Der stellvertretende Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt", Ulf Poschardt, warnte davor, die Offenheit in Redaktionen als Reaktion auf den Fall aufzugeben. "Das wäre fatal", unterstrich er bei einer Diskussion bei der "taz". Er könne nicht mit einer Paranoia leben, von Kollegen ausgespäht zu werden. "Dann werde ich aufhören." Die "Welt" habe keine Konsequenzen gezogen. Die Sicherheitsvorkehrungen seien sehr hoch. "Richtige Sicherheit kann es nicht geben", betonte Poschardt. Nach dem Ausspähverdacht war Strafanzeige gegen einen langjährigen Mitarbeiter gestellt und ihm daraufhin gekündigt worden. Das Ermittlungsverfahren läuft. Laut der "taz"-Chefredaktion war er dabei beobachtet worden, wie er einen sogenannten Keylogger aus dem USB-Slot eines Redaktionscomputers abzog. Per Keylogger werden Eingaben eines Benutzers am Computer protokolliert, darunter auch Passwörter. "Der Fall hat uns schwer erschüttert", betonte Pohl. Die USB-Zugänge an den Rechner der Redaktion seien aber nach wie vor offen.
„Wir müssen uns darauf einstellen, dass Informationen von anderen auch unerlaubt abgeschöpft werden können.“
Ines Pohl
Nach Ansicht von Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Presserats, "ist es ein No-Go, wenn sich Journalisten gegenseitig bespitzeln". Er verwies auf den Pressekodex, wonach unlautere Methoden bei der Recherche verboten seien. Pohl gab zu bedenken: "Die Diskussion darf nun nicht auf der Hardware-Ebene geführt werden." Es müsse sich angesichts der digitalisierten Welt etwas am Bewusstsein ändern. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass Informationen, die uns anvertraut werden, von anderen auch unerlaubt abgeschöpft werden können." dpa
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