"NYT"-Autor Rutenberg zu Donald Trump "Für Menschen, die nachdenken, ist das offensichtlicher Bullshit"

Montag, 27. März 2017
Jim Rutenberg ist Medienkritiker bei der "New York Times"
Jim Rutenberg ist Medienkritiker bei der "New York Times"
Foto: NYT
Themenseiten zu diesem Artikel:

New York Times Donald Trump Jim Rutenberg Philip Roth


Jim Rutenberg ist seit 2016 Medien-Kritiker der „New York Times“. Er arbeitet seit 16 Jahren bei der Zeitung und war zuvor politischer Korrespondent in Washington. Im HORIZONT-Interview erläutert Rutenberg, wie das US-Leitmedium mit Donald Trump und seiner Art der Medienkritik umgeht.

Herr Rutenberg, wie fühlt man sich als „Feind des Volkes“? Ach, ich finde diese Beschimpfungen von Trump albern. Das ist uns ziemlich egal. Leute, die so etwas glauben wollen, werden es glauben. Aber für Menschen, die nachdenken, ist das offensichtlicher Bullshit.

Sie fühlen sich nicht eingeschüchtert? Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, wir haben das Gefühl, dass es ein Schlaglicht auf die Bedeutung unserer Arbeit wirft und uns dadurch die Gelegenheit gibt, uns noch stärker auf das zu konzentrieren, was wir tun.

Herrscht bei der „Times“ derzeit ein gesteigertes Gefühl der Bedeutung von traditionellem Qualitätsjournalismus? Auf jeden Fall, aber nicht wegen irgendwelcher pubertärer Bemerkungen von Trump. Es ist eher so, dass von dieser Regierung eine derartige Menge von Unsinn in die Welt gesetzt wird, dass das, was wir tun, immer wichtiger wird. Seriöse Berichterstattung von klassisch ausgebildeten Reportern ist heute unbezahlbar. Er kann uns beschimpfen, wie er will, aber letztlich hat unsere Arbeit trotzdem dazu geführt, dass sein nationaler Sicherheitsberater zurücktreten musste und dass sein Justizminister sich aus der Untersuchung der Einmischung Russlands in die Wahl zurückziehen musste. Er kann so viel „Fake, Fake, Fake“ rufen wie er will und uns böse nennen. Angesichts der Tatsachen, die wir zutage fördern, hilft ihm das nicht viel.

„Von dieser Regierung wird eine derartige Menge von Unsinn in die Welt gesetzt, dass das, was wir tun, immer wichtiger wird. “
Jim Rutenberg
Die Strategie der „Times“ in diesen Zeiten ist es also, sich auf die Urtugenden des klassischen Journalismus zu besinnen und sich nicht beirren zu lassen. Ja, aber das war immer unsere Strategie, daran hat sich durch Trump nichts geändert.

Stößt klassischer Journalismus an seine Grenzen, wenn der Präsident abstruse Gerüchte von dubiosen Nachrichtenquellen, wie etwa die angebliche Obama-Abhöraffäre, verbreitet? Mich würde interessieren, wie viel Prozent der Bevölkerung solche Sachen glauben. Ich behaupte, es sind genauso viele, wie diejenigen, die geglaubt haben, dass Obama Muslim ist oder nicht in den USA geboren worden ist. Und sicher gibt es auch Leute, die er mit solchen Manövern von seinen Verbindungen mit Russland ablenkt. Dagegen können wir als Journalisten nichts tun. Wir sind nicht die Opposition, so wie Trump uns darstellt. Was wir aber sehr wohl können, ist, die Fakten darzulegen und solche Erfindungen zu entlarven.

Ist es frustrierend, dass Sie so enorm viel Zeit auf solche Geschichten verwenden müssen? Das ist natürlich ein Problem. Aber wir sind bei der „Times“ in der glücklichen Lage, dass wir genügend Ressourcen haben, um uns um die wirklich wichtigen Geschichten zu kümmern, wie etwa Trumps Deregulierung der Banken und anderer Branchen. Andere Medien sind nicht in einer derartig privilegierten Position.

Die „New York Times“ ist zusammen mit einigen anderen etablierten Medien von der Pressekonferenz des Weißen Hauses ausgeschlossen worden. Ist das ein Problem für die Pressefreiheit? Oder eher eine symbolische Geste? Es war ein Experiment seitens der Trump-Regierung. Ich glaube, dass wir von solchen Dingen in Zukunft noch mehr erleben werden. Die Regierung will nur noch mit Journalisten reden, die mit ihr übereinstimmen. Aber ich glaube nicht, dass sie das durchhalten kann. Wenn sie Gesetze oder Bestimmungen durchsetzen will, für die sie die Zustimmung der Opposition braucht, dann braucht sie auch eine kritische Presse. Außerdem sind diese Pressegespräche im Weißen Haus für unsere Arbeit gar nicht so besonders wichtig. Ich war selbst Korrespondent im Weißen Haus und habe diese Briefings immer eher als lästig empfunden. Sie bringen einen nicht wirklich weiter. Was einen weiterbringt, ist Recherche.

„Die Regierung will nur noch mit Journalisten reden, die mit ihr übereinstimmen. Aber ich glaube nicht, dass sie das durchhalten kann. “
Jim Rutenberg
Sie haben kürzlich darüber geschrieben, wie die Einschüchterungstaktik der Trump-Regierung bei einigen Medien zur präventiven Selbstzensur führt. Ich glaube, bislang ist das noch kein großes Problem, aber es könnte eines werden. Deshalb fand ich es wichtig, dieses Beispiel eines kleinen öffentlichen Radiosenders aufzugreifen, der aus Furcht vor Mittelkürzungen beinahe den Kommentar eines Reporters gekippt hätte. In diesem Fall ist es gut gegangen, weil sich andere zu Wort gemeldet haben und weil es unter den Reportern eine Solidarität gab. Ich glaube, es ist wichtig, wachsam zu sein, ohne in Hysterie zu verfallen. Und es ist wichtig, dass wir als Journalisten zusammenhalten.

Wie groß ist für Sie die Bedrohung der Pressefreiheit im gegenwärtigen politischen Klima? Ich bin auf der einen Seite besorgter als je zuvor in meinen 25 Jahren in der Branche. Auf der anderen Seite bin ich recht zuversichtlich, dass wir ein System haben, das uns schützt. Philip Roth hat es im „New Yorker“ vor kurzem auf den Punkt gebracht, als er gesagt hat, dass bislang niemandem verboten wird, etwas zu schreiben. Wir sind ja noch da und die wahren Geschichten setzen sich gegen all die Verschwörungstheorien durch. Wir schreiben jede Woche Geschichten, die die Regierung zwingen zu reagieren.

Hat all das auch sein Gutes? Es scheint so, dass das Publikum traditionelle Nachrichtenquellen wieder wertschätzt. In der Tat. Die „New York Times“ und die „Washington Post“ erleben den größten Zulauf seit Watergate. Das ist für alle gut. 

Man hat die traditionellen Medien dafür kritisiert, dass sie Trump zu viel Aufmerksamkeit geschenkt und ihn dadurch möglich gemacht haben. Gibt es Kurskorrekturen bei der „Times“? Es mag sein, dass wir im Wahlkampf Trump zu viel Aufmerksamkeit geschenkt haben. Aber ich glaube, das war im Fernsehen ein größeres Problem als bei Zeitungen. Das größere Problem für uns ist im Nachhinein jedoch, dass wir uns zu sehr auf Daten und Umfragen verlassen haben und deshalb Trump unterschätzt haben.

Meist gelesen
stats