N-TV-Chefredakteurin Schwetje zur Medienschelte "Recherche ist die Existenzberechtigung der Medien"

Donnerstag, 11. Februar 2016
Sonja Schwetje ist Chefredakteurin von N-TV
Sonja Schwetje ist Chefredakteurin von N-TV
Foto: N-TV

Sonja Schwetje, Chefredakteurin des Nachrichtensenders N-TV, hält die Medienschelte für wenig differenziert. Journalistische Tugenden sind für sie wichtig: "Recherche ist die Existenzberechtigung der Medien. Gerade in diesen Zeiten", sagt sie im Interview mit HORIZONT.

Terroranschläge in Paris, Flüchtlingskrise, Übergriffe an Silvester in Köln – sind es im Moment gute oder schlechte Zeiten für Nachrichtensender?
Es sind spannende, interessante Zeiten, weil die Themen sehr komplex sind. Es gibt keine einfachen, schnellen Lösungen. Auch einzelne Ereignisse wie die Übergriffe in Köln sind Teil einer viel weitergehenden Diskussion. Für die Menschen ist es wichtig, Zusammenhänge verstehen zu können. Und diese darzustellen, das ist unsere Aufgabe. Dabei wird auch unser neues Studio helfen, mit dem wir im Frühjahr on air gehen werden. Die Raumsituation wird so angepasst sein, dass Studio-Talks und Schalten noch besser möglich sind.

Wenn man dem alten Journalisten-Credo glaubt, "only bad news are good news", dann gibt es davon im Moment zumindest genug.
Die Frage ist: Was ist unsere Arbeit? Als Nachrichtensender müssen wir das tun, wofür wir ausgebildet sind und das ist die Breaking News. Dabei kommen unsere Qualifikation und unsere Stärke am besten zum Tragen. Hier in der Redaktion kommen die Kollegen schon von selbst rein, wenn sie hören, dass etwas passiert ist. Sie wissen, dass es Zeiten sind, in denen sie gefragt sind.

Viele Bürger sehen das im Moment leider anders und kritisieren, dass die Presse nicht ordentlich oder nur einseitig berichtet. Verstehen Sie solche Kritik?
Ich habe viele Rückmeldungen bekommen, gerade zu Köln. Ich würde mir wünschen, dass nicht pauschal geurteilt wird, sondern dass die Differenzierung, die wir bei unserer Berichterstattung an den Tag legen und die auch immer von uns eingefordert wird – also nicht alle über einen Kamm zu scheren – , auch in Bezug auf Kritik an den Medien zum Tragen kommt. Wenn man nachfragt, tun sich die Kritiker meist schwer mit konkreten Vorwürfen. Das ist schade, denn an konstruktiver und anregender Kritik bin ich sehr interessiert.

Gerade im Internet werden Nachrichten immer schneller verbreitet. Der angebliche Tote vor dem Lageso ist das aktuellste Beispiel dafür. Hat man angesichts der Klickorientierung überhaupt noch Zeit zu recherchieren?
Natürlich! Gerade die journalistischen Tugenden unterscheiden uns doch von den sozialen Netzwerken! Recherche ist die Existenzberechtigung der Medien. Gerade in diesen Zeiten. Es ist gut, dass es die sozialen Netzwerke gibt und Menschen dort auf Missstände aufmerksam machen können. Aber die Medien müssen dann prüfen und recherchieren. In Fällen wie beim Lageso oder in Köln ist das nicht immer ganz trivial. In Köln ging es um die Informationspolitik der Behörden und der Polizei, die nicht sehr klar war – und das ist das Positivste, was ich an Formulierungen dazu finden kann. Bewusst lancierte Falschmeldungen wie Lageso gab es auch schon in der Vergangenheit. Solche Fälle haben wir alle immer im Hinterkopf. Deshalb gilt bei uns immer noch: Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.

Kann man sich das als Nachrichtensender, der auch im Internet vorne mitspielen will, leisten?
Als Nachrichtensender müssen wir natürlich schnell sein. Aber eben auch verlässlich. Darauf haben Zuschauer und Nutzer ein Anrecht, deshalb kommen sie zu uns. Verlässlich zu sein steht bei uns daher über allem. Guter Journalismus ist nicht einfach mal kurz dahin gepostet. Man muss den Sachen auf den Grund gehen und das erfordert Zeit, Manpower und gut ausgebildete Leute. Wir bei n-tv haben den Anspruch, nichts ungeprüft zu übernehmen. Das heißt, es gibt eine zweite verlässliche Quelle. Wenn man die nicht hat, dann muss man die Aussage klar als Zitat kenntlich machen. Auch das ist legitim. Aber das ist Handwerkszeug. Die meisten Journalisten, die ich kenne, verstehen ihre Arbeit so.

Ist das, was Sie Handwerkszeug nennen, nicht out? Wo doch im Moment vor allem "Meinung" zählt und Kommentare als bestes Mittel gelten, die Zugriffe hochzutreiben – auch wenn der Schreiber keine große Kenntnis der Materie hat?
Zu recherchieren und alle Seiten darzustellen, das sind keine besonderen Werte. Das ist unsere normale Arbeit. Dazu gehört auch, dass Einordnung wichtiger wird. Wir möchten zur Meinungsbildung beitragen. Das machen wir, indem wir versuchen, möglichst unterschiedliche Standpunkte darzulegen und Denkanstöße zu geben, indem wir verschiedene Beteiligte und Experten zu Wort kommen lassen und vielfältige Darstellungsformen wählen.

Sind die Medien heute noch die vierte Kraft im Staat? Füllen sie ihre Aufgabe, die staatlichen Instanzen zu kontrollieren, noch richtig aus?
Das denke ich auf jeden Fall. Das ist die gesellschaftspolitische Aufgabe, die wir haben. Und wir versuchen, sie so gut wie möglich wahr zu nehmen. Es ist auch in Zukunft notwendig, dass wir uns so verstehen und unseren Job machen.

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