Motor Presse Stuttgart-Chef Volker Breid „Wir leben in Deutschland fast auf einer Insel der Glückseligen“

Montag, 19. Dezember 2016
Volker Breid, Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart
Volker Breid, Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart

Schlimmer geht’s nimmer? Doch, sagt Volker Breid, seit fast fünf Jahren Geschäftsführer der Motor Presse Stuttgart (MPS): Im Ausland rütteln Digitalisierung und soziale Plattformen noch viel heftiger an den Grundfesten verlegerischer Geschäftsmodelle. Umso mehr kommt es, so Breid, hierzulande jetzt vor allem auf eines an.

In Deutschland scheint die Transformation der MPS mit ihren knapp 30 Marken („Auto Motor und Sport“, „Men’s Health“) bereits geglückt: Hier können steigende Digitalerlöse – Werbung, Paid Content (vor allem Abo-Modelle und In-App-Verkäufe bei den Service-Apps) und B2B-Softwarelizenzen – die sinkenden Print-Umsätze schon mehr als wettmachen. Dies ist umso bemerkenswerter, als 70 Prozent der MPS-Erlöse (2015: 238 Millionen Euro) noch auf Print entfallen.

Dennoch hat Breid höchsten Respekt vor Facebook und Co: „Wir müssen mit unseren Inhaltsangeboten Reichweite auf diesen Plattformen generieren, neue Geschäftsmodelle kreieren und unsere Kundenkontakte intelligent nutzen – und sie nicht den Digitalplattformen überlassen, die sich dazwischenschieben wollen.“

Es gelte, den eigenen Content sowie die Nutzungs- und Nutzerdaten mit CRM-Systemen intelligenter zu managen und die Medienmarken als Absender relevant halten. Auch deshalb: „Im Content Marketing rüsten große Unternehmen wie etwa Daimler auf, die Top-Journalisten wie Dominik Wichmann holen und die sozialen Medien mit Content bespielen. Es wird also auch darauf ankommen, mit unseren Marken einen eindeutigen Footprint zu hinterlassen, damit auf diesen Plattformen zwischen unabhängigem Journalismus und Unternehmenskommunikation differenziert werden kann.“

Dies erklärt Breid im HORIZONT-Interview über die Neuerfindung des Autos, den Kampf mit Facebook um Kundenkontakte – und seinen Rollenkonflikt bei der VDZ-Präsidentenwahl. Abonnenten lesen es in der Ausgabe 50/2016 vom 15. Dezember. In HORIZONT Online erläutert Breid, warum die MPS nun auch in Start-ups investiert. Und was im Ausland los ist.

"Wer sich ein bisschen mit ausländischen Vertriebsmärkten beschäftigt, der weiß das deutsche Grosso-System umso mehr zu schätzen."

Herr Breid, groß in Mode bei Verlagen sind Investitionen in Start-ups, die sie vor allem mit Anzeigenfläche bezahlen (Media-for-Equity). Ist das ein Thema für die MPS? Mittlerweile ja. Zuvor haben wir primär auf Unternehmen geschaut, die bereits relevante Umsätze und Ergebnisse erzielen. Doch im Automarkt bieten da oft große internationale Player mit, das führt zu riesigen Bewertungen. Nun haben wir eine Venture-Gesellschaft gegründet, die sich ähnliche Geschäftsmodelle anschaut wie oben beschrieben. Wir wollen dabei lernen und können uns gewinnorientierte Exits ebenso gut vorstellen wie Mehrheitsübernahmen, wenn es sich mit unseren Geschäften verknüpfen lässt. Einen ersten Deal haben wir gerade abgeschlossen und uns über unsere Venture-Tochter an einem Digital-Start-up im Bereich Mobilitätsservices beteiligt.

Wie hält es die MPS mit eigenen Content-Marketing- oder Corporate-Publishing-Angeboten? Das ist für uns ein Wachstumsfeld. Die Unternehmen sind froh, dass es mit der MPS einen Player im Markt gibt, der sich mit ihren Themen wirklich auskennt und der die notwendigen Zugänge hat. Mit Blick auf unsere hohe Glaubwürdigkeit bei Produkttests gehen wir hier jedoch selektiv vor, nämlich ganz transparent im Special-Interest-, Motorsport- und Tourismusbereich.

Hierzulande liegen Ihre Umsätze stabil. Doch im Auslandsgeschäft, dessen Umsatzanteil von 41 Prozent (2012) auf 33 Prozent (2015) gesunken ist, haben Sie sich etwa aus Frankreich verabschiedet und in Osteuropa auf Lizenzvergaben umgestellt. Was läuft im Ausland denn so viel schlechter als hierzulande? Wir leben in Deutschland – bei allen Herausforderungen – fast auf einer Insel der Glückseligen. Anderswo herrschen zum Teil konjunkturelle Dauerkrisen. Außerdem fällt der strukturelle Auflagenschwund in Ländern, in denen Printmedien kulturell weniger stark verankert sind, deutlich heftiger aus als bei uns. Dies geht einher mit einer rasch abnehmenden Zahl von Verkaufsstellen und Vertriebsdienstleistern – was wiederum die Abverkäufe belastet. Wer sich ein bisschen mit ausländischen Vertriebsmärkten beschäftigt, der weiß das deutsche Grosso-System umso mehr zu schätzen. Und eine weitere Beobachtung: Die US-Digitalriesen spielen in manchen Ländern eine noch mächtigere Rolle, sodass dort selbst für große Verlage wenig Möglichkeiten bleiben, sich im Digitalen auszudehnen. Für einen Mittelständler wie die MPS ist die Transformation gleichzeitig in so vielen Ländermärkten kaum zu bewältigen.

Als Sie vor fast fünf Jahren bei der MPS antraten, war das Haus noch in zwölf Ländern mit eigenen Dependancen unterwegs, jetzt sind es nur noch acht. Stehen weitere Verkäufe an? Ich kann das nicht ausschließen. Wir versuchen auch, weiter auf Lizenzen umzustellen. Derzeit haben wir 14 Lizenzpartner in elf Ländern. Und wir internationalisieren unsere Technologien und Angebote konsequent. Das Digitalgeschäft lebt von Skalierung, vom breiten Ausrollen digitaler Angebote. Wir denken nun mehr in Sprachräumen als in Ländern. Die „Men’s Health“-Personal Trainer App etwa ist weltweit auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch und Chinesisch verfügbar und bereits 1,7 Millionen Mal heruntergeladen worden. rp

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