"Millionärswahl" im HORIZONT-Check Die gescheiterte Fernsehdemokratie

Freitag, 10. Januar 2014
Die Millionärsanwärter warten mit Jeannine und Elton auf die Publikumsentscheidung
Die Millionärsanwärter warten mit Jeannine und Elton auf die Publikumsentscheidung


Ein bisschen fühle sie sich ja wie "Wetten, dass..?"-Moderator Markus Lanz, sagte Jeannine Michaelsen am Donnerstagabend, als sie während der "Millionärswahl" auf Pro Sieben zum ersten Mal zu ihrer jungen Kollegin in den Außenbereich der Show schalten durfte. Ein bisschen fühlt sie sich heute vielleicht immer noch so. Die ersten Kritiken vernichtend, die Quoten unterdurchschnittlich, die Facebook-Community aggressiv - und sieben weitere Folgen kommen noch.
Nun könnte man nach der Premiere auf Pro Sieben auch erleichtert sein, dass die Suche nach dem ersten demokratisch gewählten Millionär nicht noch schlimmer anzusehen war. Hält das Konzept per se doch viele Unwägbarkeiten und ebenso viele potenziell möglichen bösen Überraschungen aus der selbstdarstellungsreichen Welt des Internets bereit.

"Mach, was Du willst. Tu, was Du kannst. Hauptsache, Du wirst gewählt": Dieser Aufforderung waren bis Ende November vergangenen Jahres mehr als 26.000 Teilnehmer gefolgt und haben sich online für die gemeinsame Show von Pro Sieben und Sat 1 registriert. Die 49 Kandidaten, die im Vorfeld der TV-Übertragung die meisten Stimmen sammeln konnten, treten in insgesamt acht Live-Shows gegeneinander an. Abgestimmt wird vom Publikum, in der Demokratie entscheidet schließlich das Volk. Die Kandidaten können sich außerdem selbst unterstützen und jeweils vier Punkte an ihre Mitstreiter verteilen, eben ein bisschen wie in der Großen Koalition. Gewinnen kann letztlich aber nur einer, und der bekommt die Million.

Am Donnerstagabend war es soweit, die Spreu vom Weizen, die das deutsche TV- und Internetpublikum in die erste Live-Show katapultiert hatte, stellte sich den Zuschauern. Junge, turnende Muskelpakete, musizierende Alt-Rocker, aufklärende You-Tube-Filmemacher und der Onkel, der für seine behinderte Patentochter sogar seine Höhenangst überwindet: Erwartungsgemäß servierte die Demokratie der Vielen ein oberflächliches Unterhaltungsprogramm, das von allem ein bisschen, auf gar keinen Fall aber etwas Originelles parat gehalten hätte.

Wenn sportliche Höchstleistung und Wohltätigkeit die wichtigsten Garanten für die Unterstützung des Publikums sein sollen, dann braucht es dafür nicht noch eine Castingshow. Vor allem dann nicht, wenn das einzige Alleinstellungsmerkmal - die zentral und viel beschworene Demokratie - gleich am Ende der Premiere ausgehöhlt wird: Publikumsliebling Ralf, der Patenonkel, fliegt kurzerhand aus dem Rennen, weil letztplatzierter Breakdancer Benedikt die meisten Punkte der anderen Kandidaten einsammelt. Weil die Gesetze eben immer noch im Parlament gemacht werden. Zunächst jedenfalls: Nach dem wütenden Protest der Zuschauer hat der Sender bereits die Änderung des Wahlverfahrens angekündigt.



Eine allzu große Überraschung darf der Misserfolg - in der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen schalteten 1,21 Millionen Zuschauer ein, ein Marktanteil von 10,7 Prozent - für Pro Sieben Sat 1 dennoch nicht sein, zumindest Teil der Kalkulation. Gehörte der Kontrollverlust doch zum Konzept, die Massen sollten den Inhalt bestimmen. Das ist das eine. Zentraler ist jedoch die Frage, wie es besser hätte gelingen sollen. Wenn eine Sendergruppe, von der der Zuschauer eigentlich mit gutem Programm versorgt werden will, diesem selbst die Gestaltung des Abends überlässt, ist das Risiko des Scheiterns hausgemacht. Denn welche Menschen sollen es sein, die sich mit einem Online-Video um eine Million bewerben? Welche andere Leistung sollte mehr gewürdigt werden als die, einem kranken Kind das Leben leichter zu machen? Doch lieber die des behinderten Rollstuhlfahrers? Oder letztlich eben doch der Sextalk, für die erste eigene Aufklärungs-App?

Patenonkel Ralf überwindet seine Höhenangst - und fliegt am Ende trotzdem raus
Patenonkel Ralf überwindet seine Höhenangst - und fliegt am Ende trotzdem raus

Zur Entscheidung zwischen Höchstleistung und Gewissen kommt die dank Youtube gewonnene Erkenntnis, dass es oft gerade die weder amüsanten noch schlauen Videos sind, die die meisten Klicks generieren. Und genau das könnte auf der Website der "Millionärswahl" das Problem der Vorauswahl gewesen sein. Für den Sender wird es deshalb nicht leichter bei den sieben anstehenden Folgen - es kann aber auch noch schlimmer kommen. kl

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