"Mehr Verschwörungstheorie als Analyse" Reaktionen zur Medienkritik von Ex-Präsident Christian Wulff

Mittwoch, 11. Juni 2014
Christian Wulff trat am 17. Februar 2012 vom Amt des Bundespräsidenten zurück
Christian Wulff trat am 17. Februar 2012 vom Amt des Bundespräsidenten zurück


Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat sein Buch "Ganz oben, ganz unten" veröffentlicht - und rechnet darin mit den Medien ab, allen voran mit der Springer-Presse. Auf der Bundespressekonferenz sagte Wulff, Medien und Justiz hätten sich gegenseitig die Bälle zugespielt. Dies bedrohe das Prinzip der Gewaltenteilung und sei eine "ernstzunehmende Gefahr für unsere Demokratie". Teile des Buches sind hier frei zugänglich. HORIZONT.NET zeigt ausgewählte Reaktionen auf Wulffs Medienschelte
.

Ralf Wiegand, "Süddeutsche Zeitung":

"Eine gewisse Bitterkeit dürfte ihn also schon geleitet haben, seine im März 2012 begonnenen Aufzeichnungen zu sortieren. Er hatte die Deutungshoheit über sein Leben abgeben müssen - an Zeitungen, an Filmemacher, sogar an seine Ex-Frau Bettina, die lange vor ihm eher für den Boulevard die Zeit in Schloss Bellevue als Autorin aufgearbeitet hatte. Jetzt ("Zeit hatte ich ja wirklich genug") arbeitet er sich an jenen ab, die das "Wulff-Bashing" betrieben haben, allen voran den Medien, und da an der Spitze: Springer. Dort sieht er die Urheber und - in unheilvoller Allianz mit der niedersächsischen Justiz - die Vollstrecker seines Sturzes, und er beschreibt entschlossen seine Überzeugung, wodurch er es sich mit dem Springer-Konzern verscherzt habe: Als er sich gegen Thilo Sarrazin stellte. Wochenlang hatten die Springer-Blätter den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Bundesbank-Vorstand für seine Thesen zur missglückten Integrationspolitik in Deutschland gefeiert, ehe Wulff in einem Interview den Satz sagte: "Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet - vor allem auch international." [...] Danach beschreibt Wulff gar eine "Osmose zwischen der Hellerhofstraße in Frankfurt" - dem Sitz der FAZ - "und der Axel-Springer-Straße in Berlin". Das ist doch mehr Verschwörungstheorie als Analyse."

Peter Tiede, "Bild":

"Es ist auch eine Abrechnung "mit Teilen der Medien" und der Justiz. Vor allem geht es ihm um die BILD-Zeitung, die als erste über Vorwürfe gegen ihn wegen eines Hauskredites von einer Unternehmerfamilie berichtet hatte. [...] Die Botschaft ist klar: Nach seinem Freispruch sieht er sich als Sieger. "Mir ist mehr Unrecht widerfahren, als ich angetan habe." Sein Beispiel sei "ein Lehrstück" dafür, dass sich in Deutschland Gewichte zu sehr in Richtung Medien verschoben haben. Er sagt, er wurde gejagt, "vom Springer Konzern verfolgt" und Teilen "bestimmter bürgerlichen Medien". Er glaubt, dass das ihm angetane Unrecht der gesamten Gesellschaft, Deutschland, schaden werde: "Wenn es so viele Jäger gibt, wer hat dann noch Lust, das gejagte Wild zu werden?", fragt er in die Runde der Journalisten, deren Auftrag es ist, den Lesern zu zeigen, wer sie wie regiert und hinter welcher Fassade die Wirklichkeit eine andere ist."

Roland Nelles, "Spiegel Online":

"Auch über ein weiteres Thema, das er in seinem Buch anreißt, muss geredet werden: Wie gehen Medien, wie geht die Gesellschaft mit ihren Politikern um? Wo hört kritische Berichterstattung und Recherche auf, wo beginnen Häme und Verfolgung? Doch im Kern zeigt Wulffs Werk vor allem: Er hat immer noch nicht verstanden, dass sein Rücktritt letztlich notwendig war. Alle Bücher und neuen "Abrechnungen" ändern nichts daran - Wulff hat ein politisches Spiel gespielt - und verloren. Deshalb musste er gehen. Christian Wulff hat an andere - nicht zuletzt an den früheren Bundespräsidenten Johannes Rau - höchste moralische Maßstäbe angelegt - und diesen letztlich selbst nicht genügt."

Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalistenverbands:

"Von Ausnahmen abgesehen, haben die Journalistinnen und Journalisten in der sogenannten Affäre Wulff 2011/12 ihre Wächterfunktion ernst genommen. Auch aus heutiger Sicht ist Wulffs Anruf auf der Mailbox des BILD-Chefredakteurs als versuchte Einflussnahme auf die Berichterstattung zu bewerten. [...] In einigen Punkten sind einige Kollegen über das Ziel hinaus geschossen."

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