Medientage München Klaas Heufer-Umlauf rockt den Fernsehgipfel

Mittwoch, 22. Oktober 2014
Klaas Heufer-Umlauf beim Fernsehgipfel
Klaas Heufer-Umlauf beim Fernsehgipfel
Foto: Foto: Medientage

Es ist ein Befreiungsschlag für die Medientage München. Die traditionelle Elefantenrunde mit einem Dutzend Diskutanten musste einem abgespeckten Fernsehgipfel Platz machen. Der Schnitt hat sich gelohnt. Pro-Sieben-Moderator Klaas Heufer-Umlauf domptierte das diskutierfreudige Panel unterhaltsam, kritisch und mitunter erfrischend respektlos. Floskeln, Platitüden und Eigenwerbung hatten wenig Platz. Das Publikum goutierte die lebhafte Diskussion mit Applaus und auch, ja, langer Anwesenheit.

Die Elefantenrunde galt als Muss auf den Medientagen, scheiterte jedoch regelmäßig daran, die Vertreter der verschiedenen Gattungen auf einen Nenner zu bringen und die Redezeit so gleichmäßig aufzuteilen, dass trotzdem noch spannende Gespräche zustande kamen - und wurde so regelmäßig vom Muss zur Qual. Mit dem Bekenntnis zum TV heben die Medientage nun ein Thema nach vorne, das ohnehin seit jeher das Dominante auf der Veranstaltung ist.

Dass die Diskussion "Next TV - wer dirigiert den Big-Screen im Wohnzimmer" so einigen Schmiss hatte, liegt nicht zuletzt daran, dass sich hier nicht die obligatorischen Senderchefs trafen. Sondern Vertreter der unterschiedlichsten Bereiche, mit unterschiedlichsten Blickwinkeln: Ufa-Fiction-Vorsitzender Nico Hofmann, Christoph Schneider, Geschäftsführer von Amazon Deutschland, ARD-Intendant Lutz Marmor, Wolfgang Link, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Pro Sieben Sat 1 Deutschland, Gary Davey, Executive Vice President Sky Deutschland, sowie mit Christoph Krachten, President Mediakraft Networks, und Sharazad Rafati, Gründerin von Broadband TV, zwei Vertreter von Multichannel-Networks.
„Meiner Mutter ist es egal, dass Fernsehen aus dem Internet kommt. Sie wusste auch vorher nicht, dass es aus der Buchse kommt“
Klaas Heufer-Umlauf
Das Podium spiegelt in seiner Zusammensetzung wider, dass die Digitalisierung auch das Fernsehen durcheinanderwirbelt - wenn auch deutlich langsamer, als es in der Printindustrie der Fall war. Multichannel-Netzwerke entwickeln eigene, neue Ökosysteme, die auch die TV-Konzerne für sich entdecken, so ist die RTL Group bei Broadband TV eingestiegen. Ob die etablierten Player eigentlich netter zu ihr geworden seien, seit sie Milliarden Abrufe im Monat vorweisen kann, will Heufer-Umlauf von Broadband-Gründerin Rafati wissen. "Ja", sagt sie knapp. Die Konzerne hätten erkannt, dass Multichannel-Networks helfen, die Vernetzung mit der Youtube-Welt erfolgreicher zu machen. "Ich glaube an die Qualität von Programmen - und des Programmierens. Man braucht aber auch großartige Technologien, um die Zuschauer zu verstehen."

"Es ist aber bei Youtube oft nicht der Punkrock, den man erwartet hat, sondern sehr anwendungsorientiert, zum Beispiel Schminktipps", stichelt Heufer-Umlauf. Eine Wahrnehmung, die Mediakraft-Chef Krachten so nicht gelten lassen will: "Wir haben tausende Kanäle, hunderte sind erfolgreich und das ist dann tatsächlich Punk! Da werden Chancen genutzt, die ein Sender nicht so nutzen würde." "Wir sagen auch, probiert etwas aus! Risikiert etwas", sagt ARD-Vorsitzender Marmor, verweist aber auch darauf, dass immer noch ein Fünftel der Deutschen offline sind. Ein Fakt, der in der Diskussion um die Erosion in jüngeren Zielgruppen, die vermehrt online fernsehen, häufig untergeht.

Nico Hofmann glaubt, dass der Zuschauer sehr viel wählerischer geworden ist und sich dies angesichts der fragmentierten Medienwelt auch leisten können: "Die Leute picken wie Trüffelschweine die Qualität aus dem Programm." Was gefällt, wird dann auch über alle Plattformen genutzt. Die Abrufe für seine hauseigene Produktionen "Unsere Mütter, unsere Väter" und "Adlon" in den ZDF- und ARD-Mediatheken seien in die Millionen gegangen.

Die Qualitätsdiskussion müsse vor diesem Hintergrund ganz anders geführt werden, wenn die deutschen Produzenten mit den amerikanischen mithalten wollen. Die Zuschauer selbst entscheiden zu lassen, welche Inhalte produziert werden, wie es Amazon nach der Ausstrahlung von Pilotfilmen macht, hält er jedoch für einen großen Irrweg. Davey pflichtet ihm bei: "Keiner weiß, was das Publikum will, nicht mal das Publikum", sagt er zynisch.

Qualität, das ist das überragende Thema, das sich nun auch in der Bewegtbildindustrie zum Treiber herauskristallisiert und über das derzeit alle nachdenken. Man müsse sich abkehren von der "Tyrannei der Quoten", sagt Davey. Nach Jahren, in denen Scripted Reality als Allheilmittel für Zuschauermarktanteile galt, setzt im Moment eine Rückbesinnung ein. Das beobachten zumindest Hofmann, Link und Marmor. "Die Zuschauer sind unbarmherziger geworden", sagt Link. pap

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