Medienschelte Frank Schirrmachers furiose Abrechnung mit Claus Kleber

Freitag, 28. März 2014
Frank Schirrmacher geht hart mit ZDF-Mann Claus Kleber ins Gericht
Frank Schirrmacher geht hart mit ZDF-Mann Claus Kleber ins Gericht


Es ist eine Fundamentalkritik am grassierenden "Echtzeit-Eskalationsjournalismus", wie man ihn in dieser Schärfe noch nicht gelesen hat. Autor des Aufsatzes "Dr. Seltsam ist heute Online": "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Anlass der Streitschrift: ein Fernsehinterview des ZDF-Anchorman Claus Kleber mit Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser. Schirrmacher spricht von "Inquisition" und einer "Sternstunde der Selbstinszenierung des Journalismus".
Was ist passiert? Am Mittwochabend interviewte der ZDF-Vorzeigejournalist Claus Kleber im "Heute Journal" Siemens-Chef Joe Kaeser, der auf seiner Stippvisite in Russland unter anderem mit Wladimir Putin gesprochen hatte. Für Siemens steht viel auf dem Spiel, Russland ist einer der wichtigsten Handelspartner des deutschen Industriegiganten. Eigentlich ein interessantes und kontroverses Thema - freilich keines, das Kleber auch nur in Ansätzen zu interessieren schien. Schirrmacher: "Die Deutschen sollten nicht erfahren, was Joe Kaeser in Moskau tat, sondern wie Claus Kleber darüber denkt."

Dass Schirrmachers Text eine solche Wucht entfaltet, liegt freilich nur zum kleineren Teil an der wütenden (und komplett berechtigten) Kritik an Klebers Selbstinszenierung. Was "Dr. Seltsam ist heute Online" zur Pflichtlektüre für Medienschaffende macht, sind Schirrmachers grundsätzlichen Ausführungen zu einem Journalismus, der sich zunehmend an sich selbst berauscht und aus dem Ruder zu laufen droht. Der "FAZ"-Herausgeber spricht von "Echtzeit-Automatismen" und einer "vollautomatisierten Medienökonomie". Und weiter: "Formal ist nicht zu unterscheiden, ob es um Uli Hoeneß, den Konflikt auf der Krim oder den heroischen Verteidigungskampf von Ritter Sport gegen die Sanktionen der Stiftung Warentest geht."

Tatsächlich ist die Debatte, die Schirrmacher anstößt, überfällig - dass er es so grundsätzlich tut und dabei den ganz großen analytischen Werkzeugkoffer öffnet, wird wohl nicht jedem gefallen. Seine Analogie zu "Hochgeschwindigkeitsbörsen" hat aber viel für sich. Und als Fachmedium für die Werbeindustrie darf man hinzufügen: Das Phänomen, es zunehmend mit Systemen zu tun zu haben, die den nächsten Schritt quasi deterministisch vorgeben, ist auch hier auf dem Vormarsch. Big Data diktiert das Drehbuch für die Werbeindustrie: Je exakter die Nutzerdaten, desto präziser die Auslieferung von Werbung. Was dabei genau "ausgeliefert" wird, gerät zunehmend aus dem Blickfeld - es geht um Media-Logistik und nicht um die inneren Wirkungsmechanismen von Werbung. Auch der Journalismus folgt laut Schirrmacher immer stärker einer Logik, deren oberste Gebote Schnelligkeit und Eskalation sind und eben nicht Aufklärung, Information, Widerspruch. Das Big-Data-Spiel gewinnt derjenige, der die Maschine am besten füttert.

Gibt es ein Gegenmittel? Ja, gibt es. Schirrmacher: "Modernität hieß immer auch, sich durch Reflexion zu immunisieren." Im Grunde handelt es sich um das schöne, alte Programm der Aufklärung. Man kann die Logik des Internet-Journalismus verinnerlichen, was in der Praxis dann zu oft bedeutet: Man folgt erstens komplett dem Mainstream und versucht zweitens, noch ein bisschen mehr zu eskalieren als die anderen Medien. Oder man kann dem etwas entgegensetzen. Schirrmachers Artikel endet mit den schönen, provozierenden und ganz und gar nicht dem Mainstream verpflichteten Worten: "Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Henry Kissinger haben alle höchst abwägend und behutsam auf die aktuellen Ereignisse reagiert. Der Echtzeitdramaturg sagt: weil sie alt sind. Alter ist kein Kriterium für Rationalität. Entschleunigung aber ist es." js

Claus Kleber im Gespräch mit Siemens-Chef Joe Kaser
Claus Kleber im Gespräch mit Siemens-Chef Joe Kaser
Meist gelesen
stats