Medienschau So urteilt die Branche über #Hoodiejournalismus

Dienstag, 25. März 2014
Stein des Anstoßes: Die Kolumne "Die lieben Kollegen" in der "FAS"
Stein des Anstoßes: Die Kolumne "Die lieben Kollegen" in der "FAS"


Der Hoodie hält Medien-Deutschland nach wie vor in Atem. Ist Stefan Plöchinger, der den Online-Auftritt der "Süddeutschen Zeitung" verantwortet und auch in die Chefredaktion der Print-Ausgabe aufrücken soll, etwa kein richtiger Journalist? Ein in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erschienener Text könnte diesen Schluss durchaus nahelegen. Was folgte, war eine große Twitter-Welle. Mittlerweile widmen sich zahlreiche Journalisten dem Thema aber auch mit längeren Texten.
Noch gestern hätte man durchaus den Eindruck bekommen können, dass die zahlreichen Selfies von Journalisten in Kapuzenpullis das einzige sind, was vom Hashtag #Hoodiejournalismus übrig bleibt. Neben HORIZONT.NET äußerte etwa der Publizist und Berater Christoph Kappes diese Befürchtung. Inzwischen hat sich jedoch einiges getan. So schrieb Frauke Böger, Ressortleiterin taz Online, einen viel beachteten Kommentar zur Rolle von Online-Journalisten in Redaktionen:

„Als Onlinerin ist man es langsam leid, das eigene Medium gegen die immer gleichen Vorwürfe mit den immer gleichen Argumenten zu verteidigen: Im Internet verdient man kein Geld? Nur übers Internet können neue Leser gewonnen werden und mit neuen Bezahlmodellen wird auch irgendwann das Geld reinkommen. Im Internet geht es nur um das Schnelle und Witzige, Ausgewogenes findet keinen Platz? Das wandelt sich gerade, man muss nur wollen und die Leserzugriffe sagen etwas anderes. Und so weiter und so weiter.“
Glaubt man dem freien Journalisten Andrej Reisin, dann hat der Online-Journalismus gegenüber Print noch immer nicht die Relevanz, die ihm seine Vertreter gerne selber zuschreiben. Und das ist Reisin zufolge selbst verschuldet, wie er in seinem Beitrag für publikative.org durchblicken lässt:

„Wo bitte sind sie spektakulären Enthüllungen, die großen Stories, die vernetzten Produkte, die crossmediale Recherche, die unabhängigen Plattformen, vor allem aber: Wo ist die politische, gesellschaftliche und somit journalistische Relevanz? Mit staunenden Augen schaut man zu, wie der politische Journalismus der Old Boys angesichts von großen Themen wie der Krim-Krise fest im Sattel sitzt (oder sogar: zurückschlägt?), wie marginalisiert Netz-Themen als solche verhandelt werden (nämlich unter: ferner liefen), während Onliner im Hoodie vermissten Flugzeugen hinterher tickern (der Live-Ticker als Online-Leitkultur*) und davon auch noch Selfies bei Instagram hochladen. Substanz, Tiefe, Analyse, Gewicht? Da zieht man die Kapuze lieber nochmal etwas tiefer ins Gesicht...“
Der Befund trifft teilweise sicherlich zu, es gibt aber auch jede Menge Gegenbeispiele für guten, relevanten Online-Journalismus. Man denke etwa an das mit einem Grimme Online-Award bedachte Projekt von Zeit Online zur Vorratsdatenspeicherung oder die "Spiegel"-Berichterstattung zu den Enthüllungen von Edward Snowden, die immer auch Online stattfanden. Der freie Journalist Marc Röhlig plädiert auf Tagesspiegel.de denn auch dafür, nicht das Medium, sondern die abgelieferte Arbeit zur Bewertungsgrundlage zu machen:

„Wenn journalistische Arbeit nicht an ihrer Qualität bemessen wird, sondern daran, ob ein Autor die Ergebnisse seiner Recherche in Pixeln oder auf Papier veröffentlicht - dann müssen sich hiesige Redaktionen schwindende Auflagen, Quoten oder Klicks nicht wundern. Für den Leser kommt Journalismus aus vielen Quellen - aber doch immer vom Journalisten. Ob nun die Tagesthemen, ein Online-Blog oder eine Tageszeitung; Hauptsache, jemand hat sich die Mühe gemacht, Aktuelles zu erfassen, zu komprimieren und einzuordnen. Auch interessiert sich keiner der Empfänger, ob die Medienschaffenden im Hemd oder im Kapuzenpulli zur Arbeit kommen. Wer nicht gerade mit der Bundeskanzlerin rumreist, liefert Nachrichten sowieso meist aus dem Großraumbüro.“
Dass solche Argumente auf Sachebene auch verfangen, bezweifelt indes Jens Rehländer, der einst das Portal Geo.de aufbaute und heute die Kommunikationsabteilung der Volkswagenstiftung leitet. Auf seinem persönlichen Tumblr schreibt er:

„Nun hat man aber offenbar in der Online-Szene eingesehen, dass man dem diffusen Dünkel der Print-Oligarchen mit Argumenten nicht beikommen kann. Allen Diskussionen über die unausweichliche Medienkonvergenz zum Trotz, verteidigen trendresistente Print-Redakteure ihren Schützengraben gegen das Kapuzenpulli-Pack. Der letzte Sonntag hat bewiesen: Der Frontverlauf zwischen beiden Lagern ist intakt. Die Positionen sind zementiert. Und dieser Kulturkampf produziert nur Verlierer.“
Wenn dies tatsächlich der Sachstand ist, dann wundert es nicht, dass Onliner mit teilweise selbstironischen Selbstportäts reagieren, anstatt die immer und immer wieder vorgetragenen Argumente erneut wiederzukäuen. Was, trotz der Relevanz der Diskussion, durchaus verständlich ist.

Spiegel Online-Geschäftsführerin Katharina Borchert etwa sieht in den Hoodie-Selfies eine Art Ultima Ratio: In einem Tweet zum Hoodie-Kommentar auf HORIZONT.NET schreibt sie, auf "Kapuzenpulliträger" habe man nur noch mit der Sprache des Internets antworten können, also mit einem Mem.

Das eigentliche Zuschütten der Gräben zwischen Print und Online findet vielmehr im Daily Business statt. Und das Tagesgeschäft besteht bekanntlich beileibe nicht nur aus dem Streit um Begrifflichkeiten. Es bietet noch viel mehr Diskussionsstoff, findet Jürgen Kalwa in seinem Beitrag für das Portal carta.info:

„Gewiss. Debatten sollten wir tatsächlich führen. Aber richtige. Über die Honorierung von Online-Journalismus zum Beispiel und das Bezahlen von Kosten, die entstehen, wenn man rausgeht und recherchiert. Und Solidarität sollten wir tatsächlich üben, aber auf breiter Basis, um vielleicht endlich solche Stichwörter wie Arbeitskampf in die Runde zu werfen und mit Konsequenzen zu drohen.“
ire
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