Mathias Müller von Blumencron "Das durch Reichweite finanzierte Geschäftsmodell ist am Ende"

Donnerstag, 22. Oktober 2015
FAZ.net-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron
FAZ.net-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron
Foto: Medientage München

Kritiker eines oberflächlichen, eskalationsgetriebenen Online-Journalismus können aufatmen. "Wir werden in den nächsten Jahren einen Wettbewerb der Exzellenz im Digitalen erleben", kündigte FAZ.net-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron beim Publishing Gipfel im Rahmen der Medientage München an. Leser seien bereit, Geld auszugeben - für die besten Analysen, die besten Hintergrundberichte, die besten Reportagen. "Das durch Reichweite finanzierte Geschäftsmodell ist am Ende."

Mehr Prognosen wagte Müller von Blumencron in der Runde, in der HORIZONT-Chefredakteur Uwe Vorkötter die Diskutanten chronologisch durch die digitale Transformation der Printbranche führte, jedoch nicht. "Wir alle versuchen, durch den Nebel zu navigieren, der uns höchstens eine Sicht auf die nächsten zwei Jahre ermöglicht. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Scharlatan - oder Unternehmensberater", so der Chefredakteur für die Digitalen Medien der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

„Wir alle müssen das digitale Verkaufen erst noch lernen. Es ist eine Kunstfertigkeit, die wir noch nicht beherrschen “
Mathias Müller von Blumencron
Dabei müsse man Dinge ausprobieren, den richtigen Umgang mit Lesern auf sozialen Netzwerken beispielsweise, vor allem aber den optimalen digitalen Verkauf. "Natürlich sind Kanäle wie Facebook essentiell wichtig, um Leute zu berühren und sie mit der Marke in Kontakt zu bringen. Danach können wir sie hoffentlich zu zahlenden Kunden machen." Es reiche nicht, einfach ein Schloss vor einen Artikel zu hängen. "Wir alle müssen das digitale Verkaufen erst noch lernen. Es ist eine Kunstfertigkeit, die wir noch nicht beherrschen", so Müller von Blumencron weiter. Die Lust - oder die Notwendigkeit - zum Experimentieren eint den FAZ.net-Chefredakteur mit seinen Kollegen aus der Region, selbst wenn die digitale Disruption (die auch als Motto der diesjährigen Medientage dient) nicht überall gleich schmerzt. "In den nächsten 5 bis 15 Jahren werden wir das meiste Geld mit Print verdienen", prognostiziert etwa Ulrich Gathmann, Geschäftsführer Nordwest Medien. Und das sei auch gut so, um Zeit für die Etablierung digitaler Geschäftsmodelle zu haben. Dabei stelle vor allem die Technologie Verlage vor große Herausforderungen.
HORIZONT-Chefredakteur Uwe Vorkötter moderierte den Publisher-Gipfel mit Alexandra Föderl-Schmid, Martin Wunnike, Ulrich Gathmann und Mathias Müller von Blumencron (v.l.)
HORIZONT-Chefredakteur Uwe Vorkötter moderierte den Publisher-Gipfel mit Alexandra Föderl-Schmid, Martin Wunnike, Ulrich Gathmann und Mathias Müller von Blumencron (v.l.) (Bild: Medientage München)
Sehr entspannt zeigte sich dagegen Martin Wunnike, Vorsitzender der Geschäftsführung des Mittelbayerischen Verlags in Regensburg. Die gedruckte Zeitung sei noch immer der "Umsatztanker in der Flotte". Außerdem seien Regionalzeitungen so erfolgreich wie nie zuvor: "Wir erreichen mit unseren digitalen Angeboten sogar wieder junge Leser, stellen Sie sich das einmal vor!" Das Beispiel des Impulsredners Petteri Putkiranta, der zu Beginn des Publishing Gipfels das Geschäftsmodell seiner Zeitung "Helsingin Sanomat", Helsinki, vorgestellt hatte, mache Mut, diese zusätzlichen Reichweiten künftig auch monetarisieren zu können. "Es ist so eine spannende Zeit, gerade weil keiner von uns weiß, wie es weitergeht", so Wunnike weiter und bewies mit seiner Unaufgeregtheit in der Diskussion, dass sich Entspannung und Innovationsgeist  nicht ausschließen: "Nur wer gemütlich vor sich hinvegetieren will, muss sich Sorgen machen." kan

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