Magazine Die kurze Halbwertszeit der Chefredakteure

Dienstag, 26. August 2014
Jörg Quoos und Dominik Wichmann (r.) mussten schon gehen - Wolfang Büchner (m.) könnte folgen
Jörg Quoos und Dominik Wichmann (r.) mussten schon gehen - Wolfang Büchner (m.) könnte folgen

Was ist nur bei den Magazinen los? Innerhalb weniger Wochen müssen zwei bedeutende Chefredakteure gehen (bei "Stern" und "Focus"), einer wackelt (beim "Spiegel"). Alle Fälle haben eines gemein: Der jeweilige Chefredakteur bekam nur relativ wenig Zeit, um seine Pläne umzusetzen - und stolperte am Ende nicht allein über sinkende Auflagen.
Beispiel Jörg Quoos: Anderthalb Jahre stand der 51-Jährige an der Spitze des "Focus", soeben wurde sein Abgang verkündet. Nun könnte man einwenden, dass der Focus sich seit dem Ende der Ära Markwort nicht gerade durch Kontinuität auf der Position des Chefredakteurs auszeichnete. Dennoch kommt Quoos plötzlicher Abgang zu diesem Zeitpunkt überraschend - auch wenn immer wieder Ablösungsgerüchte kursierten (HORIZONT 48/2013). Immerhin hat der Ex- Bild -Mann dem Burda-Titel in seiner Amtszeit einige deutliche Stempel verpasst. Unter Quoos sollte der Journalismus gegen über Nutzwert-Themen wieder an Gewicht gewinnen - was teilweise auch gelang. So gelang dem "Focus" der Scoop mit der Steuer-Affäre von Uli Hoeneß und die Enthüllung des Nazi-Kunstschatzes in München. Zudem bastelte der Chefredakteur am Outfit des Magazins und führte strukturelle durch wie die Verlagerung der Ressorts Politik und Kultur nach Berlin.

Der verkauften Auflage brachte das alles bislang jedoch nicht viel - und an der muss sich ein Chefredakteur eines Publikumstitels am Ende des Tages messen lassen. Zudem lässt die Formulierung in der offiziellen Burda-Mitteilung erkennen, dass Quoos den Rückhalt des Verlags verloren hat: Von "unterschiedlicher Auffassung bezüglich der künftigen Ausrichtung des Magazins" ist dort die Rede. Immerhin: Dass Quoos sich mit seiner Mannschaft überworfen habe, hört man in Zusammenhang mit seiner Demission nicht.

Anhaltender wirtschaftlicher Druck kann das Durchregieren nach innen allerdings schwieriger machen, so viel steht fest. Deutlich wurde das zuletzt bei Dominik Wichmann: Der kürzlich geschasste "Stern"-Chefredakteur konnte in seiner Amtszeit zwar keine großen Markterfolge verbuchen (- 7 Prozent bei der Heftauflage). Dabei handelte es sich allerdings kaum um ein titelspezifisches, sondern eher um ein branchenspezifisches Problem.

Das allein kann Wichmann also folglich nicht zum Verhängnis geworden sein. Es kam wohl noch etwas anderes hinzu: Im Zusammenhang mit Wichmanns Entlassung war immer wieder zu hören, dass ihm intern mangelnde Kommunikation und ein autoritärer Führungsstil vorgeworfen worden sei. Das kostete ihn am Ende wohl den Rückhalt seiner Mannschaft. Zuvor hatte Wichmann sich mit aller Kraft gegen den Sinkflug des Stern gestemmt - inhaltlich wie arbeitsorganisatorisch. Der Einführung einer Matrixstruktur für die Redaktion folgte ein umfangreicher Relaunch des gedruckten Heftes, der in diesem Jahr ein Update erfahren sollte. Zudem plante Wichmann "die Revitalisierung der Marke Stern" auch über die digitalen Kanäle. In diesem Jahr erfolgte etwa ein Relaunch von stern.de.

Nochmal anders stellt sich die Situation beim "Spiegel" dar: Der Verlag macht mit seiner Medienmarke bei steigender Reichweite zwar immer weniger Umsatz. Doch das gilt nicht als das Problem, an dem Chefredakteur Wolfgang Büchner, der ohnehin erst knapp ein Jahr im Amt ist, nun zu scheitern droht. Dem ehemaligen dpa-Chef macht eher die komplizierte Gesellschafterstruktur zu schaffen, in der die Mitarbeiter des gedruckten Blattes und des Verlagsbereichs ein gehöriges Mitspracherecht haben. Die derzeitige Auseinandersetzung lässt sich denn auch nicht an wirtschaftlichen oder inhaltlichen Gesichtspunkten allein festmachen. Die Reibereien Büchners mit seiner Redaktion haben eher den Charakter eines Kulturkampfes: Auf der einen Seite die privilegierte, selbstbewusste Printredaktion, die sich einen Blattmacher und Meinungsführer als Chef wünscht, der darüber hinaus sensibel mit den Befindlichkeiten der Redakteure umgehen soll. Auf der anderen Seite ein Chefredakteur, der sich eher als Manager hervortut denn als der von seinen Mitarbeitern erhoffte publizistische Leitwolf. Der Gewohntes in Frage stellt und Neues wagen will - wie die Verzahnung von Print und Online.

Sollte sich der "Spiegel" also nach einem Nachfolger für Büchner umsehen, ist die Aufgabe ungleich schwieriger als bei "Stern" und "Focus": Ein neuer Chefredakteur müsste nicht nur ein glänzender Blattmacher und hervorragender Manager sein - er sollte auch eine überzeugende Art haben, seine Agenda konsequent abarbeiten und dabei aber möglichst wenigen Menschen auf die Füße treten. Doch gerade letzteres, das zeigen die Chaoswochen bei "Spiegel" und "Stern", scheint heutzutage immer schwieriger zu werden. ire
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