Letzte "Wetten, dass..."-Ausgabe "Ein würdeloser Abgang" - Das sagen die Medien

Montag, 15. Dezember 2014
Der seit seinem "Wetten, dass...?"-Auftritt vor vier Jahren querschnittsgelähmte Samuel Koch stattete der Sendung einen Besuch ab
Der seit seinem "Wetten, dass...?"-Auftritt vor vier Jahren querschnittsgelähmte Samuel Koch stattete der Sendung einen Besuch ab
Foto: ZDF/Sascha Baumann
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Markus Lanz ZDF


Nach fast 34 Jahren ist nun Schluss mit "Wetten, dass..?". Am Samstagabend flimmerte die letzte Ausgabe der ZDF-Wettshow über die Mattscheiben. 9,3 Millionen Zuschauer sahen zu. Mit Tränen in den Augen verabschiedete sich der viel kritisierte Moderator Markus Lanz vom Publikum. Eher Freudentränen waren es wohl beim Gros der Journalisten, wie die nachfolgende Medienschau zeigt.

Arno Frank, Spiegel Online

"Zum Ende von 'Wetten, dass..?' sagte ZDF-Intendant Thomas Bellut einer Sonntagszeitung, das 'deutsche Umfeld' sei nun einmal 'besonders kritisch'. Nicht anspruchsvoll, nicht intelligent, nein, 'besonders kritisch', im Sinne von 'nie zufrieden' oder 'ziemlich verwöhnt#. Und weil dieses 'deutsche Umfeld' auch sentimental sein kann, fühlte sich die letzte Ausgabe wie eine dieser Beerdigungen an, bei denen alle Beteiligten sich um Fröhlichkeit bemühen. Er hat ja so gerne gelacht, der Verstorbene."
Wetten dass
Bild: ZDF/Sascha Baumann

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Carolin Gasteiger, "Süddeutsche Zeitung"

"'Achs' und 'Ohs' bei Einspielern aus der Vergangenheit: Tatsächlich sind diese Rückblicke berührend. Und sie wären noch berührender, könnte das Publikum sie mit jenen teilen, die die Samstagabendshow mindestens so geprägt haben wie Gäste und Spiele. 'Die alten Moderatoren haben gefehlt', bedauert eine Dame nach der Sendung. Besonders auf Gottschalk haben viele gehofft - und so mischt sich in die Rührung darüber, was war, die Enttäuschung darüber, was nicht ist. 'Im Moment fehlt die Vision', singen die Fantastischen Vier auf der Bühne. Der Satz trifft auf so vieles zu, auch auf das Konzept der Abschiedssendung, die mit Rückblicken, Gästen und Wetten überfrachtet ist."

Oliver Jungen, "FAZ"

"Den Tränen nah verabschiedete sich Markus Lanz nach einer insgesamt doch recht würdigen Abschiedsvorstellung schließlich von seinem treuen Restpublikum, das von nun an ohne leberwurstleckende Hunde und purzelbaumschlagende Gabelstapler auskommen muss, wenn auch natürlich nicht ohne all die Sofaplattsitzer, die nun eben in anderen Kulissen Nichtigkeiten austauschen und furchtbare Schlager singen werden. Mit der Eurovisionshymne wurde der Sack dann zugemacht, ging ein Stück Kulturgeschichte zu Ende, keines, auf das man allzu stolz sein müsste. Aber einen wehmütigen Seufzer darf man dem alten Wettvorleger doch hinterherschicken: Man konnte bombig mit dir einschlafen."

Frédéric Schwilden, "Die Welt"

"Je länger diese Sendung dauert, je länger das alles geht, desto größer wird diese natürliche Aggression gegenüber der Sendung, gegenüber den Machern, gegenüber der Zeit, aus der diese Sendung stammt. (...) Am Ende hat Markus Lanz Tränen in den Augen. Seine Augen sind rot. Unheilig singt: 'Es wird Zeit zu gehen.' Jakob wird Wettkönig. Und 'Wetten, dass..?' ist der erste live im Fernsehen übertragene Tod einer öffentlich-rechtlichen Sendung. Aber in Würde stirbt man besser daheim und nicht im Fernsehen."

Jürn Kruse, "taz"

"Selbst zur letzten 'Wetten, dass...?'-Sendung schaffte es das ZDF nicht, eine bessere Show abzuliefern. Unwürdiger hätte das Ende nicht werden können. (...) Dabei wirft ein solcher Abend wie der gestrige mit seinen vielen Rückblicken das Licht auf das, woran 'Wetten, dass..?' wirklich krankte: Es war zu bieder geworden. Wo einst Cher mit zu knapper Bekleidung und nahezu freiem Blick auf ihren Po für ein Skandälchen sorgte, tritt diesmal eine Barbie im Hosenanzug namens Helene Fischer auf – mit Fliege und güldenem Mikrofon. Es gibt wenig, das in den vergangenen 33 Jahren spießiger geworden ist. 'Wetten, dass..?' gehört dazu. Und bei diesem Kindergeburtstag des Grauens dem langweiligsten Schüler die Partyplanung überzuhelfen, war der endgültige Partykiller."

Simone Deckner, "Stern"

"Das letzte Mal 'Wetten, dass..?' war der Tiefpunkt in Lanz' Karriere: Chauvi-Sprüche und das Taktgefühl eines Zwölftonners. Der respektlose Umgang mit Samuel Koch macht wütend. (...)
Es wurde schlimmer als je zuvor. Lanz unterbot sich bei seiner letzten Vorstellung noch einmal selbst. An seine auswendig gelernten Witze, die nie zünden, hatte man sich ja schon fast gewöhnt. Auch an die Unart, seinen Gästen langweilige Fragen zu stellen und sie dauernd zu unterbrechen. Lanz' Interview mit Samuel Koch aber war der Tiefpunkt: medial und menschlich. 'Komm nach vorne, damit wir dich alle sehen!', fordert Lanz den im Rollstuhl sitzenden Samuel Koch auf. Das Publikum steht auf, klatscht minutenlang. Lanz umarmt Koch umständlich ('Wir umarmen uns immer, wenn wir uns sehen'), fragt mit bedeutungsschwerer Stimme: 'Wie geht es Dir?'."
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