Kontroverse um Tichys Einblick Warum Xing mit einem Boykott-Aufruf zu kämpfen hat

Montag, 09. Januar 2017
Xing-Herausgeber Roland Tichy
Xing-Herausgeber Roland Tichy

Vor wenigen Tagen hat Xing die größte Werbekampagne seiner Unternehmensgeschichte gestartet. Mit den von Pushh und der Ministry Group entwickelten TV- und Hörfunkspots sowie den Plakaten will das Business-Netzwerk den Wettbewerber Linkedin auf Abstand halten und sich als die Plattform rund um das Thema "Neues Arbeiten" positionieren. Doch anstelle von neuen Mitgliedern droht der Plattform nun eine Art Nutzer-Boykott. Grund ist ein umstrittener Beitrag, der auf dem Blog von Roland Tichy, dem Herausgeber des Xing-Newsangebots, erschienen ist.
In dem Beitrag von Jürgen Fritz, der zunächst auf Tichys Einblick veröffentlicht und inzwischen wieder entfernt wurde, soll der Autor "grün-linke Gutmenschen" als "geistig-psychisch krank" bezeichnet haben. Auch wenn der Beitrag nicht auf Xing selbst erschienen ist und sich Tichy inzwischen auch dafür entschuldigt hat: Dass der als rechtskonservativ geltende ehemalige "Wirtschaftswoche"-Chefredakteur als Herausgeber für Xing auftritt, reicht einigen Nutzern offenbar aus, um gegen Xing Stimmung zu machen und der Business-Plattform den Rücken zu kehren.
Den Wirbel ausgelöst hat offenbar Mathias Richel, Kreativdirektor bei der Berliner Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG). Der Kreative hatte am Samstag auf Twitter mit den Worten "Kurz und schmerzlos, das könnt ihr auch" angekündigt, sein Xing-Konto nach mehr als 10 Jahren zu kündigen - und das mit der Rolle Tichys bei der Plattform begründet. Dieser veröffentliche auf Tichys Einblick "neurechte Beiträge", "in denen Andersdenkende pathologisiert werden", so Richel in dem Tweet, der inzwischen mehr als 1400 Mal geliked und 665 Mal retweetet wurde. Am Sonntag veröffentlichte der TLGG-Mann einen weiteren Tweet, in dem er seine Entscheidung ausführlicher begründete. 

Was folgte, dürfte Xing nicht gefallen haben. Denn auch andere Nutzer kündigten via Twitter an, dem Beispiel Richels zu folgen und ihre Mitgliedschaft bei der Plattform zu kündigen. Dass #Xing mehr war als ein kurzes Aufflackern in der Shitsorm-anfälligen Social-Media-Welt, zeigte die Liste der Trending Topics auf Twitter, die #Xing am Sonntag anführte. Sogar am Montagmorgen war der Hashtag dort noch zu finden. 



Der Aufruf zum Xing-Boykott erinnert etwas an den Shitstorm um Scholz & Friends Ende 2016. Auslöser war#KeinGeldFürRechts - eine Aktion, die ein Mitarbeiter der Agentur privat initiiert hatte und mit der er Unternehmen aufforderte, nicht mehr bei tatsächlich oder vermeintlich rechten Medien zu werben. Genau wie aktuell Xing wurde damals Scholz & Friends Opfer von Boykottaufrufen. 

Auch wenn Richel auf Twitter Beifall bekommt - dass Abstrafaktionen dieser Art zumindest zweifelhaft sind, zeigt sich auf dem Kurznachrichtendienst ebenfalls. "
Jeder der  verlässt, müsste nach dieser Logik auch Twitter verlassen, da ist @TichysEinblick auch. Aber Twitter ist zu cool zum löschen", schreibt ein Nutzer auf dem Kurznachrichtendienst.

Xing hat sich zu dem Thema bislang noch nicht geäußert. Als wäre nichts geschehen, sind auf der Twitter-Seite derzeit die Anzeigenmotive der neuen Werbekampagne zu sehen. Die Pressestelle hat sich trotz mehrfacher Anfrage von HORIZONT Online zu dem Thema nicht geäußert. mas
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