Kongress der Deutschen Fachpresse "Jemand hat über unseren Köpfen Messgeräte abgeworfen: Smartphones"

Mittwoch, 17. Mai 2017
Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin von Termark Technologies, beim Kongress der Deutschen Fachpresse in Frankfurt
Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin von Termark Technologies, beim Kongress der Deutschen Fachpresse in Frankfurt
© Fernando Baptista

Social Media als Plattform für Meinungsfreiheit? Ein verhängnisvoller Irrglaube. "Das sind Werbeplattformen amerikanischer Technologiekonzerne", stellt Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin von Termark Technologies, beim Kongress der Deutschen Fachpresse in Frankfurt, in ihrer fulminanten Keynote klar. Und es ist nicht die einzige Sichtweise, die Hofstetter anprangert. Die Menschen müssten sich überlegen, in welcher Welt sie leben wollten und dürften die Digitalisierung nicht auf den technologischen Fortschritt reduzieren.

Big Data

Big Data ist ein aus Hofstetters Sicht ein dreistufiger Prozess. Es geht darum, die Daten zu generieren, dann die Situation zu analysieren und eine Prognose über den weiteren Verlauf zu schaffen und am Ende Entscheidungen davon abzuleiten. Die Datenbasis wird dabei immer umfangreicher. Smartphones helfen beim Datensammeln. "Jemand hat über unseren Köpfen Meßgeräte abgeworfen: Smartphones", sagt Hofstetter. Dass die mobil generierten Daten von Unternehmen für Werbezwecke und anderes genutzt werden, ist vielleicht nicht vom Gesetzgeber legitimiert, aber soziologisch: "Wir machen alle mit", sagt Hofstetter mit Blick auf Google und Facebook.

Künstliche Intelligenz

Je mehr Datenpunkte die Menschen jedoch mit ihren Smartphones und ihren anderen digitalen Aktivitäten erzeugen, desto größer wird das "Ökosystem mit neuen Maschinen". Künstliche Intelligenz sei kein Werkzeug, dass die Menschen benutzen und danach zur Seite legen. "Die KIs können uns analysieren, unser Verhalten voraussagen. Sie arbeiten asynchron und autonom." KIs wie IBMs Watson seien zwar - noch -  keine "Supermaschine", sondern nur ein Cloudservice mit ein paar Tools wie zum Beispiel Bilder klassifizieren zu können. "Es sind lernende Maschinen. Sie lernen wie Haustiere." Das Problem sei jedoch, dass immer weniger Menschen verstehen könnten, was in den Maschinen passiert. "Wir kommen in eine Blackbox-Gesellschaft", warnt Hofstetter. Die KIs werden für Profiling von Nutzern genutzt - und damit für Targeting in der Werbung. Um so mehr über die Nutzer bekannt ist, um so höher ist jedoch die Gefahr, das grundlegende Freiheitsrechte gefährdet sind.

Zum einen die Sicherheit. Jedes vernetzte Flugzeug, Auto und jede vernetzte Industrieanlage sind unsicherer als Flugzeuge, Autos und Industrieanlagen, die nicht ans Internet angeschlossen sind. "Die Konzerne schauen zuerst auf die Funktionalität, nicht die Sicherheit - weil man Sicherheit nicht monetarisieren kann."

Technologischer Rassismus

Zum anderen gefährdet Big Data die Privatsphäre. In Chicago arbeitet die Polizei zum Beispiel schon mit Predictive Profiling. Dabei werden Datenbanken zu straffällig gewordenen Personen mit deren Facebook-Spuren und anderen Datenbanken verknüpft. Aus den gewonnenen Profilen wird abgeleitet, ob die Personen in den nächsten Monaten straffällig werden könnten. Sie werden dann von der Polizei gewarnt, Straftaten zu unterlassen. "Das ist ein klarer Eingriff in die Menschenwürde."

Zudem befördere das Profiling den "technologischen Rassismus". Denn da tendenziell mehr Schwarze als Weiße von der Polizei kontrolliert würden, seien schon in den Rohdaten Verzerrungen enthalten, erklärt Hofstetter. Nach dem Motto "Shit in - Shit out" sei dadurch die Gleichberechtigung der Menschen gefährdet.

Facebook hilft der Demokratie nicht

Es sei zudem ein Mißverständnis, dass Facebook ein demokratisierendes Medium sei, das die Meinungsfreiheit befördere. "Facebook ist ein Wirtschaftsunternehmen und bestimmt die Spielregeln." Wer Facebook nutzt, stimmt über die Nutzungsbedingungen zu, dass er im Netz verfolgt wird und die Rechte an den veröffentlichten Inhalten an Facebook abtritt. "Diese Regeln sind ok", sagt Hofstetter. Aber sie verhindern, dass Facebook zur Meinungsfreiheit beiträgt. Facebook gehe es darum, mit Werbung Geld zu verdienen. Um nicht mehr, aber auch um nicht weniger.

Diese Haltung bekommt durch das amerikanische Rechtsverständnis Vorschub. Unternehmen versuchen Geld zu verdienen, der Staat hält sich weitgehend heraus.

Drei Forderungen

Aus all den Beobachtungen leitet Hofstetter drei Forderungen ab. Erstens müssten die Europäer eine eigene Infrastruktur bauen "und damit meine ich nicht Glasfaserkabel zu verlegen", sagt sie. Führende deutsche Wissenschaftler würden mit Millionenbudgets ins Silicon Valley gelockt, während es hier nur wenig Geld und keine technologische Heimat für sie gebe. "Wir haben einen massiven Braindrain."

Zweitens müsse der Gesetzgeber den Markt regulieren. "Die Gesetzgebung ist die schärfste Waffe der Demokratie", sagt Hofstetter, die nicht nur Managerin einer Technologiefirma, sondern auch Juristin ist. "Wir als Juristen sind hilflos. Unser geschriebenes Recht hält nicht mehr."

Drittens müssten sich Technologen Gedanken darüber machen, was sie da eigentlich bauen, darauf achten, was die Technologie für andere Bereiche wie die Juristerei und Philosophie bedeutet. "Macht was!", lautet ihr Schlusswort. pap

Meist gelesen
stats