Konditionen-Kampfjahr 2017 Verlage und Grossisten starten Verhandlungsmarathon "Hand in Hand"

Mittwoch, 08. März 2017
Philipp Welte
Philipp Welte
© Flo Fetzer für Hubert Burda Media
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Philipp Welte Burda Axel Springer Der Spiegel Frank Nolte


Am Anfang steht die Diplomatie: Die Verhandlungen zwischen Verlagen und dem Grosso-Verband um die Konditionen ihrer neuen Handelsverträge, die ab März 2018 gelten sollen, beginnen mit grundsätzlichen Worten von Burda-Zeitschriftenvorstand Philipp Welte – und mit gegenseitigem rhetorischen Händchenhalten bei einem ersten Treffen in München.

Dort, bei Burda, haben am Montag die Verantwortlichen von Axel Springer, Bauer, Burda, Funke, Klambt und Spiegel erstmals offiziell mit dem Vorstand des Grosso-Verbandes geredet. Die Beteiligten sprechen von einem "Strategietreffen". Man habe sich "darauf geeinigt, konstruktiv und mit vereinten Kräften das deutsche Pressevertriebssystem fortzuentwickeln". Das gemeinsame Ziel sei die nachhaltige Absicherung der Medienvielfalt und des freien Zugangs zu Printmedien in Deutschland.

Die sechs Verlage, die zusammen rund 60 Prozent der Grosso-Umsätze in Deutschland erzielen, hatten sich Anfang Februar für die Preisverhandlungen mit den Zwischenhändlern zusammengeschlossen. Die demonstrative (aber eben auch nur sehr grundsätzliche) Einigkeit untereinander und nun sogar auch mit dem Grosso-Verband zeigt erstens den Willen aller zur möglichst eskalationsfreien Einigung und zweitens das gemeinsame Ziel.

Doch über den Weg dahin herrscht Uneinigkeit; hier haben kleine Verlage andere Leistungs- und Konditionen-Interessen als große Häuser, Tageszeitungen andere als Magazine – und alle Verlage andere als die Zwischenhändler (siehe HORIZONT 6/2017 vom 9. Februar). Diese naturgegeben unterschiedlichen Interessen werden im Laufe der kommenden Treffen (das nächste findet Anfang April statt), die dann in Verhandlungen übergehen, wohl aufbrechen.

In diesem vertikalen (Verlage versus Grosso) und horizontalen (Verlage gegeneinander) Verteilungskampf, der zuletzt 2011 tobte, geht es diesmal um jährlich bis zu 80 Millionen Euro Verhandlungsmasse. Dabei argumentieren beide Seiten ziemlich ähnlich: Um ihren (verlegerischen bzw. distributiven) Auftrag der Pressevielfalt über Journalismus bzw. über die Sicherstellung der Überallerhältlichkeit der Presse ausfüllen zu können, müssten Verlage bzw. Grossisten profitabel arbeiten. Beide Seiten erkennen das in München auch gegenseitig an.

Denn noch regiert die Diplomatie: Die sechs Verlage und der Grosso-Verband hätten vereinbart, "im Schulterschluss die Vielfalt der Presseerzeugnisse durch eine Modernisierung des Vertriebssystems langfristig zu sichern", sagt Burda-Vorstand Philipp Welte im Namen der sechs Verlage. Er gilt als treibende Kraft dieser Koalition, und nun sogar "Hand in Hand mit dem Grosso" (Welte). Auch Grosso-Verbandspräsident Frank Nolte ist milde gestimmt: "Wir begrüßen, dass wir gemeinsam mit führenden Verlagen eine neue Branchenvereinbarung erarbeiten, die das bewährte Grosso-Vertriebssystem fortentwickelt und zukunftsfest macht."

In seiner Grundsatzrede vor Verlagskollegen und Grosso-Vertretern schlug Welte einen weiten Bogen von der Medienvielfalt in Deutschland und seinem „vermutlich besten Pressevertriebssystem der Welt“ über die aus seiner Sicht nun weltweit gefährdete Pressefreiheit (Trumps Medienschelte, Repressionen in der Türkei, Fake News) und über die „staatsbürgerliche Verantwortung“ der Verlage (Sicherung der Informations- und Meinungsvielfalt) mit ihren über 22.000 (von insgesamt 30.000) festangestellten Journalisten bis hin zu seinem Appell: „Nie war unser Auftrag von größerer Bedeutung als heute!“

Doch die Verlage agierten heute unter veränderten Bedingungen: Zum einen die digitale Transformation und sinkende Werbeerlöse. Zum anderen – und hier wurde Welte dann schon mal vertrieblich konkreter: Der unbegrenzte Zugang aller Titel zum Grosso – „einer unserer gemeinsamen Glaubenssätze“ – führe unter neuen Produktionsbedingungen zu einer Übersättigung des Marktes und damit zu einer „fatalen Bedrohung unserer Lebensader, des Zeitschriftenregals“. So gebe es aktuell 26 „Kopien“ des Burda-Klassikers „Freizeit Revue“, die trotz maximal monatlicher Frequenz im Umfeld präsentiert würden. Und das, obwohl sie zusammen nur etwas mehr als die Hälfte des „Freizeit Revue“- Jahresumsatzes ausmachten.

Höhere Markteintrittshürden für selten erscheinende Billigtitel, die den Umsatzbringern Platz im Presseregal wegnehmen – das wäre dann schon mal eine erste Forderung. „Es geht nicht um Partikularinteressen, sondern sehr grundsätzlich um die Modernisierung des Systems, um eine gerechte Steuerung und um seine Profitabilität“, so Welte. Und macht auch klar: „Wir Verlage“ (und nicht die Grossisten) seien die „Garanten der Pressevielfalt“. rp

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