Kommentar zum Boulevard-Bann von Bayern München Selbstjustiz gegen Gossenjournalismus

Freitag, 04. April 2014
Das umstrittene "Dirty Schwein"-Cover des "Mirror" (Bild: Mirror Sport)
Das umstrittene "Dirty Schwein"-Cover des "Mirror" (Bild: Mirror Sport)

Was muss man sich von Journalisten gefallen lassen? Nicht alles, meinen die Bayern. Und sperren englische Reporter aus der Allianz-Arena aus. Ist das der richtige Schritt? Ein Kommentar von HORIZONT-Chefredakteur Uwe Vorkötter. Hitler hat ausnahmsweise nicht mitgespielt. Wenn deutsche und englische Fußballteams aufeinander treffen, greifen die Artdirectoren von Sun und Mirror eigentlich reflexartig auf den Fotoordner mit den Nazi-Utensilien zu - keine Titelseite ohne Stahlhelm, SS-Uniform und Wehrmachtspanzer. Diesmal haben sie darauf verzichtet, weil ihnen etwas anderes, aber nicht weniger Dummes eingefallen ist: "You Schwein" titelte die "Sun" und der "Mirror Sport" setzte mit "You dirty Schwein" noch eins drauf. Anlass dieses Wortspiels aus der untersten Schublade war Bastian Schweinsteigers Foul an Wayne Rooney und die darauf folgende Gelb-Rote Karte. Ob es ein überhaupt ein Foul war oder eine Schwalbe, spielt hier keine Rolle, das sollen die Kollegen vom Sport ausdiskutieren.

Eine Rolle spielt hier vielmehr die Reaktion der Bayern-Verantwortlichen, die auf die Entgleisungen der beiden Medien ihrerseits mit Platzverweisen reagierten: "Sun" und "Mirror" bekommen für das Rückspiel in München keine Presseakkreditierung. Menschlich ist diese Reaktion verständlich. Auch englische Boulevardjournalisten, die des Deutschen nicht mächtig sind, wissen natürlich, was sie da schreiben - die vermeintlich witzige Schlagzeile ist eine Beleidigung, sie drückt Verachtung aus, und zu Recht macht der FC Bayern geltend, dass sie mit jenem Respect, den die UEFA Champions League sich auf ihre Fahnen und auf die Trikots aller Spieler geschrieben hat, so gar nichts zu tun hat. Muss man diese Art von Journalisten auch noch auf die eigene Tribüne einladen? Sogar der deutsche Journalistenverband findet, das muss man nicht.

Bei allem menschlichen Verständnis: Falsch ist die Entscheidung trotzdem. Sie entspringt offenbar dem Gefühl, dass man sich anders gegen den Gossenjournalismus von "Sun" & Co. nicht wehren kann. Tatsächlich aber hätte es einen anderen Weg gegeben, nämlich den Rechtsweg. In Großbritannien ist nach dem Skandal um die schmutzigen Praktiken des Murdoch-Titels "News of the World" intensiv über die Pressefreiheit und ihre Grenzen diskutiert worden. Das Skandalblatt musste schließen und die Regeln wurden geändert. Die Bayern hätten sich an den neuen, von Verlegern und Redaktionen unabhängigen Presserat wenden können, der im Wege einer Königlichen Charta installiert wurde. Verstöße gegen Gesetze und Anstandsregeln werden dort mit hohen finanziellen und publizistischen Sanktionen belegt.

Stattdessen haben die Bayern zur medienpolitischen Selbstjustiz gegriffen. Motto: Mia san mia, also entscheiden wir auch selbst, wer aus der Allianz-Arena schreiben und senden darf. Respect geht anders.
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