Kommentar Was die Krautreporter gezeigt haben - und was nicht

Freitag, 13. Juni 2014
Die 15.000er-Marke wurde knapp 11 Stunden vor Fristeende erreicht (Foto: Krautreporter)
Die 15.000er-Marke wurde knapp 11 Stunden vor Fristeende erreicht (Foto: Krautreporter)

Pünktlich zum Start der Fußball-WM hat es nun ein Ende mit den täglichen aufgeregten Wasserstandsmeldungen in Sachen Krautreporter - nun dürfen sich alle Was-mit-Medien-Macher wieder für andere Spielstände interessieren. Glückwunsch an die Kollegen, die am Freitagmittag ihr Spendenziel von 900.000 Euro erreicht haben! Trotzdem: Das behauptete Geschäftsmodell zur stabilen Finanzierung von Online-Journalismus liefern die Krauts damit nicht.
In den vergangenen vier Wochen haben die 25 Krautreporter gezeigt, dass und wie Crowdfunding funktionieren kann: Mit viel Herzblut der Macher, mit Social Media, mit aufmerksamkeitsstarken, sympathisch-unprofessionellen Fehlern, mit prominenten Multiplikatoren, Fürsprechern und Förderern wie dem am Donnerstag verstorbenen Frank Schirrmacher und Jakob Augstein, mit Großspendern (ist es dann noch Crowdfunding oder schon eher Stiftung?), mit der Neugierde und dem Wohlwollen der meisten Journalisten und Medieninteressierten - aber eben auch mit wahnsinnig viel PR. Es fing an mit einem Anruf beim "Spiegel", über den die Krautreporter pünktlich zum Start die erste Projektmeldung lancierten, es ging dann gleich weiter mit Interviews nicht nur in der Branchenpresse - auch in HORIZONT.NET -, sondern auch in Publikumsmedien. Zwischendurch große Geschichten über die Krautreporter, etwa in der "Süddeutschen Zeitung". Und natürlich nahezu täglich die Wasserstandsmeldungen über den Spendenstand.

Was würde zu diesem Getöse der Medien wohl Krautreporter Stefan Niggemeier sagen, bekanntlich der Erfinder und Linienrichter des reinen, des wahren Journalismus, wenn seine geliebten Massen- und Fachmedien dieses Bohei etwa um einen Schokoriegel in der Pre-Launch-Phase getrieben hätten? Aber, Journalisten schreiben nun mal mit am liebsten über Journalismus - und das haben die Krautreporter mit Bravour ausgenutzt. Sie sollten nur nicht so tun, als hätten Menschen, Mäzene und Spenden von alleine (gar getrieben von schierer Abscheu gegenüber eben jenen etablierten Medien) zu ihnen, den Krauts, gefunden.

Unbedingt Recht haben die Krautreporter natürlich mit ihrer Beobachtung, dass (alleinige) Werbefinanzierung dem Online-Journalismus schadet - auch wenn diese Diagnose keineswegs neu ist. Denn medienökonomisch Interessierte erklären seit Jahren, dass und warum Werbung allein nicht ausreichen wird, um Journalismus im Netz zu finanzieren. Die Stichworte lauten: Überangebot an Werbefläche, Preisverfall, Reichweitenrennen, Qualitätsverfall. Ja, deshalb wird es auf Dauer ohne Bezahlmodelle nicht funktionieren.

Zeigen die Krautreporter dafür jetzt einen Weg auf? Mit ihrem Modell, das mehr mit Spenden zu tun hat als mit einer Clubmitgliedschaft, weil das Hauptprodukt - das journalistische Angebot - für alle konsumierbar ist, nicht nur für die, die bezahlen?

Nein, diesen Weg haben sie leider nicht aufgezeigt. Denn Crowdfunding funktioniert nur in Nischen, bezogen auf bestimmte Projekte, die am besten mit Countdown-Elementen als Ereignis inszeniert werden können, innerhalb einzelner Szenen und Milieus, mit (Stromberg-) Fans und (Journalismus-) Jüngern, mit Großspendern als stille und Szene-Promis als laute Motivatoren. Doch die meisten dieser Bedingungen sind im Alltäglichen nicht gegeben, und ein zweites Mal klappt so was selten. Die Aufmerksamkeitskarawane zieht weiter.

Für den Alltag des Journalismus, für die Mühen der Ebene - die auch die Krautreporter ereilen werden, spätestens dann, wenn es um die Vorfinanzierung von Recherchereisen in den Jemen geht (oder will man schwieriges Gelände lieber Spiegel Online und Bild.de überlassen?), um aufwendige Investigativ-Projekte (okay, es muss ja nicht gleich NSA sein), um Rechtstreitigkeiten oder auch nur um die Verlängerung der Spenden nach Ablauf des ersten Krautjahres ... - für diese Mühen der Ebene braucht es dauerhaft andere, stabilere Bezahlmodelle, die unabhängig sind von gutem Willen, Spendern, Mäzenen und Countdown-Krawall.

Denn die massen- und dauerhafte Versorgung mit Gütern funktioniert nicht über Spenden und Mäzene, sondern allein über Märkte. Mit Menschen, die bestimmte Produkte immer wieder kaufen wollen - und nicht nur eine sympathische Idee unterstützen oder Teil einer Bewegung sein möchten. Und das gilt nicht nur für Brot und Bier, sondern auch für den Journalismus (wenn man keine Finanzierung über Zwangsgebühren möchte). Und deshalb, sorry, tun Axel Springer und andere Verlage mit ihren Paid-Content-Gehversuchen (klar, aus Gewinntrieb) mehr für die Zukunftssicherung des Journalismus als die Krautreporter. Häme für die einen und Euphorie für die anderen - Leute, das passt nicht. Bitte lieber Daumendrücken für beide! rp
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