Kommentar Was das Ende von "Wetten, dass..?" mit "Game of Thrones" zu tun hat

Dienstag, 08. April 2014
Das Aus für "Wetten, dass..?" markiert das Ende einer Ära - nicht nur für das ZDF
Das Aus für "Wetten, dass..?" markiert das Ende einer Ära - nicht nur für das ZDF


Am Samstag verkündete das ZDF nach 33 Jahren das Ende von "Wetten, dass ..?", am gleichen Wochenende fielen die Castingshows "Deutschland sucht den Superstar" und "The Voice Kids" auf neue Tiefstwerte. Der zeitliche Zusammenhang mag Zufall sein, die Beispiele zeigen aber, dass die klassische Unterhaltungsshow in der Krise steckt. Dafür feiern fiktionale Formate weltweit Erfolge - auch weil sie den geänderten Sehgewohnheiten viel besser entsprechen als das klassische Lagerfeuer-TV. Seit dem Wochenende steht fest: "Wetten, dass..?", der letzte Dinosauerier aus dem Zeitalter der großen Samstagabendshows, wird zum Ende des Jahres eingestellt. Das Publikum hat noch drei Ausgaben Zeit, Abschied zu nehmen und in Erinnerungen zu schwelgen, danach ist "Wetten, dass..?" nach 33 Jahren endgültig TV-Geschichte.

Aber auch Shows, die auf jüngere Zuschauer abzielen, kämpfen zunehmend mit Problemen: "Deutschland sucht den Superstar", die erfolgreichste Castingshow der vergangenen zehn Jahre, zog am Samstag im direkten Duell mit "Wetten, dass..?" den Kürzeren - auch bei den jüngeren Zuschauern. Gerade einmal etwas mehr als 3 Millionen Zuschauer hatten die Castingshow mit Dieter Bohlen eingeschaltet, in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen musste sich "DSDS" mit mageren 1,66 Millionen Zuschauern zufrieden geben - ein neuer Minusrekord. Auch "The Voice Kids" rutschte am Freitag bei Sat 1 auf einen neuen Tiefstwert von gerade einmal 2,73 Millionen Zuschauern.

Die klassische Unterhaltungsshow steckt derzeit in einer tiefen Krise - womöglich kündigt sich mit dem Aus von "Wetten, dass..?" sogar ihr baldiges Ende an. Die große Samstagabendshow für die gesamte Familie ist ohnehin bereits Geschichte. Während "Wetten, dass..?" vor allem bei den älteren Zuschauern noch viele treue Fans hatte, schauen die Jüngeren inzwischen lieber "DSDS", "Schlag den Raab", "Das Supertalent" oder "The Voice of Germany". Nach rund zehn Jahren neigt sich aber auch die Ära der Castingshows langsam aber sicher ihrem Ende entgegen. "Rising Star", bei der TV-Messe MipTV in Cannes im vorigen Jahr als der kommende Hit gefeiert, hat es trotz zahlreicher Verkäufe - in Deutschland hat sich RTL die Rechte gesichert - bislang noch in keinem Land außerhalb von Israel auf den Fernsehschirm geschafft. Ein neuer großer Trend, der die beliebten Casting- und Realityshows ersetzen könnte, ist nicht in Sicht.

Natürlich mag nicht jeder in den Abgesang auf das Zeitalter der großen TV-Shows einstimmen: "Die große Samstagabendshow ist nicht am Ende", betont Marcus Wolter, Geschäftsführer von Endemol Deutschland. "Vielleicht müssen wir neu definieren wann eine Sendung massenattraktiv und damit erfolgreich ist. Erreicht eine Show heute zwischen 5 und 6 Millionen Zuschauer ist das unter Berücksichtigung von veränderten Sehgewohnheiten und einer wachsenden Medienvielfalt durchaus ein großer Erfolg", sagt Wolter mit Blick auf "Wer wird Millionär?".

Dennoch machen in letzter Zeit eher fiktionale Formate als Shows von sich reden: Der Start der vierten Staffel der Fantasy-Serie "Game of Thrones" sorgt seit Tagen für Schlagzeilen und reichlich Buzz in den sozialen Medien. Der Streamingdienst HBO Go brach unter dem Ansturm der Fans sogar zeitweise zusammen. Ähnlich riesig war das Interesse am Finale von "Breaking Bad" oder der letzten Staffel von "How I Met Your Mother". Die "New York Times" fragte kürzlich, ob hochkomplexe und erzählerisch anspruchsvolle Serien wie "The Wire" oder "The Sopranoes" die Romane des digitalen Zeitalters sind. Kevin Spacey, Hauptdarsteller der hochgelobten Netflix-Serie "House of Cards" verkündete im vergangenen Jahr in einer vielbeachteten Rede "The New Golden Age of Television".

Der entscheidende Vorteil von Serien: Im Gegensatz zum klassischen Lagerfeuer-TV, um das sich die Fernsehnation jahrzehntelang versammelte, sind serielle Formate viel besser für die Verbreitung über digitale Plattformen und für den zeitunabhängigen Konsum geeignet. "Das Publikum will Qualität sehen, wann es will, wo es will und auf der Plattform, die ihm gerade gelegen kommt", betonte Spacey in seiner Rede. Durch den Megatrend des zeitunabhängigen und individuellen TV-Konsums haben es klassischen Fernsehshows zunehmend schwer, ihr Publikum zu finden. Shows, die sich gerade dadurch auszeichnen, das sie möglichst vielen Zuschauern ein Gemeinschaftserlebnis bieten, werden im digitalen Zeitalter und angesichts fragmentierter Zielgruppen zunehmend zu einem Anachronismus.

Thomas Gottschalk konnte diese Entwicklung durch sein Charisma im Fall von "Wetten, dass..?" noch verlangsamen - früher oder später hätte die Show aber wohl das gleiche Schicksal ereilt, das nun seinem Nachfolger Markus Lanz mit angekreidet wird. Das Ende von "Wetten, dass..?" markiert das Ende einer Ära - aber auch den Beginn eines neuen, goldenen TV-Zeitalters. dh

Serien wie "Game of Thrones" sind die TV-Events des digitalen Zeitalters
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