Kommentar Warum sich ein langer Atem im TV-Geschäft lohnen kann

Freitag, 08. November 2013
Die RTL-Serie "Doc meets Dorf" wird eingemottet (Bild: RTL / Gordon Mühle)
Die RTL-Serie "Doc meets Dorf" wird eingemottet (Bild: RTL / Gordon Mühle)
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RTL hat sich entschieden, von der schräg-schrulligen Serie "Doc meets Dorf" keine zweite Staffel zu produzieren. Sat 1 geht mit keiner der zu Jahresbeginn ausgestrahlten deutschen Serien in die Verlängerung. Es sind Beispiele für die Atemlosigkeit im deutschen Fernsehen, die auch aufwendig und liebevoll produzierten Formaten nur noch wenig Zeit gibt, ihre Zuschauer zu finden. Dabei könnte sich das lohnen - gerade in diesen Zeiten. Wie lange ist lang genug? Wann ist ein Format gescheitert?

Es gibt wohl kaum eine Frage, die die TV-Macher mehr beschäftigt als diese. Erreichen Neustarts nicht vom Fleck weg den Senderschnitt, so dauert es mittlerweile keinen Monat, bis sie auf einen anderen Platz verschoben, im Nachtprogramm versendet oder gar nicht mehr ausgestrahlt werden. Je höher das Investment, umso schmerzvoller ist eine solche Entscheidung. Die Korrelation zwischen hohen Produktionskosten und langem Atem ist aufgehoben. Was nicht funktioniert, muss weg, so schnell wie möglich.

"Der Cop und der Snob" wurde auf Sat 1 vorzeitig eingestellt
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Die Notwendigkeit, dem Werbemarkt möglichst viele Kontakte zu liefern und die Formate schnell kapitalisieren zu können, steigt. Werbekunden buchen immer weniger nach Umfeld, sondern achten allein auf die Leistungswerte. Stimmen diese nicht, ist das Programm uninteressant. Der Fit zwischen Marke und Sendung interessiert nur noch selten. Die Mediaagenturen rufen zwar laut nach Innovationen, warten jedoch erstmal ab, ob der Neustart auch funktioniert, bevor sie Gelder freigeben. "Money follows Eye balls" gilt auch hier.

Die TV-Konzerne wiederum sind börsennotiert und damit ihren Anlegern jedes Quartal aufs neue Rechenschaft schuldig. Der kurzfristige Gewinn wiegt damit oftmals höher als der langfristige Ertrag. Es ist eine Gemengelage, die nicht unbedingt dazu beiträgt, dass neue Ideen im Programm eine Chance haben. Es boomt die Adaption, was die Musikcastingshows und Krimiserien beweisen, die als vermeintlich sichere Bank gelten. Doch damit allein lässt sich die Masse nicht mehr binden. Zwar ist die tägliche TV-Nutzung mit im Schnitt 220 Minuten unverändert hoch, doch es sind vor allem die Älteren, die länger zusehen, während die Jüngeren sich zunehmend vom Immer-gleichen abwenden.

Die Fragmentierung ist denn auch das Zauberwort, mit dem die großen Sender ihre sinkenden Quoten begründen. Es gebe zuviel Angebot im TV, da springen eben schnell mal Zuschauer ab und wandern zu Nischensendern und richten sich dort auch häuslich ein, wenn sie nicht ohnehin nur noch via Video-on-demand TV-Inhalte konsumieren. Wenn doch aber die Auswahl so hoch ist, die die Zuschauer mit über 80 Free-TV-Sendern vorfinden, und der Zuschauer so unstet, müsste dann nicht eher länger an neuen Formaten festgehalten werden, als kürzer?

Anfangs flop, inzwischen top: Die RTL2-Serie "Berlin Tag & Nacht"
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Fernsehen war schon immer "Word of mouth", Themen über die man spricht. Aber was nicht gesehen ist, kann auch nicht weiterempfohlen werden. Hatten Serien früher an die 20 Folgen, werden heute Staffeln gedreht, die nur wenige Wochen füllen. Bei der schrullig-liebevoll geschriebenen RTL-Serie "Doc meets Dorf", die nun nicht verlängert wird, waren es gerade mal acht Folgen. Glück für den, der es in dieser Zeit auf dem aktiongeprägten Sendeplatz von "Alarm für Cobra 11" gefunden hat.

Und es gibt auch ein Paradebeispiel für diese These: "Berlin Tag & Nacht" startete mit mickrigen 4,1 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. RTL 2 hat trotzdem daran festgehalten, möglicherweise auch aus Mangel an Alternativen, war doch ein Großteil des Budgets mit der Produktion verbraucht. Und es hat sich gelohnt. Die Serie rund um mehrere Berliner WGs und der 2013 gestartete Spin-Off "Köln 50667" holen mittlerweile Werte jenseits der 16 Prozent.

Auch der "Tatort" in der ARD, nach Sport Deutschlands meistgesehenes Programm, hatte eine lange Durststrecke hinter sich, bevor er mit Folgen wie "Die chinesische Prinzessin" aus Münster im Oktober satte 12,44 Millionen Zuschauer erreichte.

Sicher ist Abwarten nicht immer die Lösung. Aber die aktuelle Atemlosigkeit kann es auch nicht sein. pap
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