Klick- und PR-Maschine Wie "Heftig" die Journaille an der Nase herumführt

Mittwoch, 28. Mai 2014
Heftig.co schreibt über "Dinge, die wichtig sind" - das ist natürlich Definitionssache
Heftig.co schreibt über "Dinge, die wichtig sind" - das ist natürlich Definitionssache


Eine URL mit kolumbianischer Endung, registriert über einen anonymen Dienst aus Panama, gehostet auf einem Server in Kalifornien und betrieben aus dem Steuerparadies Belize: Das Viral-Portal Heftig.co spielt seit seiner Gründung im Dezember ein Versteckspiel, das an die traditionelle Apple-Heimlichtuerei vor Produkteinführungen erinnert. Seit gestern kennt man die Köpfe, die hinter dem Internetphänomen stecken - und weiß jetzt, das man eigentlich nichts weiß. Die Klickmaschinerie von Heftig.co, das nach amerikanischem Vorbild Inhalte von anderen Seiten aggregiert und unter reißerischen Headlines maßlos überverkauft, ist in der Tat beeindruckend - mit nur 90 Beiträgen erreichte Heftig.co im April laut der Analyseseite 10.000 Flies insgesamt 2,356 Millionen Social-Media-Interaktionen, also etwa Likes, Shares und Tweets. Zum Vergleich: Spiegel Online und Bild.de erreichten zusammengenommen mit ihren Inhalten - etwa 6000 Artikel - lediglich 300.000 Interaktionen mehr. Im Mai dürfte der Siegeszug weitergegangen sein.

Michael Glöß (l.) und Peter Schilling (Foto: DS Ventures)
Michael Glöß (l.) und Peter Schilling (Foto: DS Ventures)
Nicht minder interessant ist aber auch die PR-Maschinerie von Heftig.co, das still und heimlich im vergangenen Dezember gelauncht wurde - während etwa die deutsche "Huffington Post" zwei Monate zuvor mit großem Getöse an den Start gegangen war. Seit einigen Wochen steht Heftig.co im Fokus der Medieninteressierten, das geheimnisvolle Impressum mit der Betreiberadresse in Belize tat ihr Übriges dazu. Die Hamburger Firma Online Marketing Rockstars Daily lobte sogar eine "Kopfprämie" von 1000 Euro für Hintergrundinformationen zu den Betreibern aus. Nun enttarnten sich die beiden Betreiber Michael Glöß und Peter Schilling selbst (und via "Wirtschaftswoche").

Man weiß also: Hinter Heftig steckt eine Firma namens DS Ventures, die sich wenig bescheiden auf die Fahnen schreibt, "digitale Formate für die Medienrevolution" zu entwickeln. Man weiß dank einer Pressemitteilung auch, dass die nach eigenen Angaben "am schnellsten wachsende Mediensite im deutschsprachigen Raum" Mitarbeiter einstellen und ihr Angebot professionalisieren will. Wie? Unklar. Über das Geschäftsmodell lässt sich ebenfalls nur spekulieren, aktuell ist auf dem Portal zumindest nur wenig Werbung zu sehen. Immerhin, so heißt es, sei man auf der Suche nach Vermarktungspartnern. Fragen wirft zudem das ominöse Unternehmensportfolio auf (siehe nachstehendes Foto).

Eins aus vier - der Rest des DS Venture-Portfolios bleibt geheim (Screenshot: DS Ventures)
Eins aus vier - der Rest des DS Venture-Portfolios bleibt geheim (Screenshot: DS Ventures)
Hinter der PR-Strategie steht die Berliner Agentur Semanticom, geleitet von Ex-Gruner-Mann Thomas Huber. Zu den Dienstleistungen, die Semanticom anbietet, gehört auch die strategische Kommunikation, die "Platzierung von Unternehmen in Medien (Wirtschaft, Politik, Boulevard)" - so heißt es auf der Website. Das jedenfalls ist Huber und seiner Agentur bislang vorzüglich gelungen.

Unterdessen sieht sich Heftig.co Vorwürfen wegen Urheberrechtsverletzungen ausgesetzt. Man sehe sich explizit nicht als journalistisches Angebot und müsse sich demnach auch nicht den gleichen Spielregeln unterwerfen wie manche Konkurrenten. Gegenüber der "Rhein Zeitung" sagte PR-Mann Huber, dass die Wahrung der Urheberrechte für Heftig.co Priorität habe: "Wir haben in der Vergangenheit stets geprüft, ob die Inhalte zur Veröffentlichung frei waren und, wenn dies nicht der Fall war, uns um die Genehmigungen der Rechteinhaber bemüht." In Zukunft werde das Portal noch mehr eigene Inhalte erstellen und das Rechtemanagement für Fremdinhalte weiter professionalisieren. fam
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