Karola Wille Die Agenda der neuen ARD-Vorsitzenden

Montag, 11. Januar 2016
Karola Wille
Karola Wille
Foto: MDR/Martin Jehnichen
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Es passte zu diesem Montag, an dem allein in Leipzig zum ersten Jahrestag von Legida mehr als zehn Demonstrationen, Kundgebungen und Mahnwachen geplant waren. Karola Wille, die Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, trat erstmals in ihrer zusätzlichen Funktion als Vorsitzende der ARD auf und sprach von der zunehmenden Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks "für das Funktionieren der Demokratie in Deutschland".

Mit dem Verweis auf terroristische Anschläge, in Teilen der Gesellschaft erodierende Wertegrundlagen und einer zunehmenden Gewaltbereitschaft, auch Journalisten gegenüber, sagte Karola Wille wörtlich: "Die ARD muss in diesen Zeiten erklären, was ist, Werte vermitteln, Meinungen widerspiegeln und einem offenen und freien Meinungs- und Willensbildungsprozess und damit auch dem sozialen Zusammenhalt und der Stabilität unseres Gemeinwesens dienen".

Damit gab Wille vor, worin sie die Schwerpunkte ihrer voraussichtlich zweijährigen Amtszeit als ARD-Vorsitzende sieht. Es geht ihr insbesondere um die zuletzt auch von Politikern angezweifelte Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Journalismus: "Glaubwürdigkeit, eine breite gesellschaftliche Akzeptanz und eine überzeugende Legitimation des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks" seien "untrennbar miteinander verbunden", sagte die ARD-Vorsitzende und zitierte eine Untersuchung, wonach ein Viertel der Bevölkerung an der Glaubwürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen zweifle: "Davon ist jeder Einzelne einer zu viel", sagte Wille.

Als Impulsgeberin verstehe sie sich und wolle sich in dieser Funktion dafür einsetzen, dass die ARD ihren "Anspruch als verlässlicher Qualitätsanbieter erfüllt". Die ARD müsse transparenter werden, sagte sie: nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in ihrem journalistischen Handeln. "Wir müssen Fehler akzeptieren, korrigieren und auch kommunizieren", nur das schaffe dauerhaft Vertrauen. Achten werde sie darauf, dass die Berichterstattung die größtmögliche Vielfalt an Themen, Akteuren und Meinungen spiegle, "auch außerhalb von Mainstream-Korridoren und der gängigen politischen Agenda". Das erfordere "größtmögliche Nähe zur Lebenswirklichkeit der Menschen". Als jemand, der in der DDR sozialisiert worden sei, sagte Wille, wisse sie um die Gefahr einer "Diskrepanz zwischen Erlebtem und Berichtetem".
„Die ARD muss in diesen Zeiten erklären, was ist, Werte vermitteln, Meinungen widerspiegeln und einem offenen und freien Meinungs- und Willensbildungsprozess und damit auch dem sozialen Zusammenhalt und der Stabilität unseres Gemeinwesens dienen.“
Karola Wille
Maßstab jeder Berichterstattung dürfe einzig Relevanz sein. Notwendig sei außerdem der von gegenseitigem Respekt geprägte Dialog mit den Beitragszahlern. Dabei sollte sich die ARD "angesichts unseres finanziellen Privilegs in Bescheidenheit üben".

Konkret bedeutet das für die ARD, das Potenzial, das die Online-Welt bietet, mehr als bisher zu nutzen, um für die laut Wille in Teil- und Gegenöffentlichkeiten auseinanderfallende Gesellschaft eine Gesamtöffentlichkeit zu schaffen. Auch sollen mit Blick auf das sich ändernde Nutzungsverhalten die Mediatheken modernisiert werden, etwa durch personalisierte Funktionsweisen. Weiterhin sprach Wille von der einmaligen Chance, dem von ihr bereits bei ihrer Wahl zur MDR-Intendantin angemahnten Generationenabriss entgegenzuwirken. Damit meint sie das junge Digital-Angebot, das ARD und ZDF gemeinsam am 1. Oktober dieses Jahres starten wollen.

Schließlich kündigte Wille an, nicht nur innerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems Kooperationen auszubauen, also mit ZDF und Deutschlandradio. Auch mit privaten Medienhäusern wolle sie strategische Partnerschaften eingehen.

In diesem Zusammenhang sagte sie, sie wolle erneut die Chance einer zuletzt aus kartellrechtlichen Gründen gescheiterten, gemeinsamen Videoplattform für private und öffentlich-rechtliche Sender testen. Dasselbe gelte für die Idee einer gemeinsamen, europäischen Suchmaschine. Insbesondere, sagte Wille, wolle sie mit den Zeitungsverlagen Wege suchen, gerichtliche Auseinandersetzungen wie den seit Jahren schwelenden Konflikt um die aus Verlegersicht wettbewerbsverzerrende "Tagesschau"-App beizulegen. usi

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