Journalistenrunde beim Publishers' Summit Deutsche Medien im Sprachsilo?

Mittwoch, 08. November 2017
Wolfgang Blau auf dem Publishers' Summit
Wolfgang Blau auf dem Publishers' Summit
© VDZ

Wolfgang Blau sieht den deutschsprachigen Journalismus in der Pflicht, die Stimme für Europa zu erheben. In einer medienübergreifenden Allianz sollten Journalisten die Welt nicht nur beschreiben, wie sie ist, sondern auch, wie sie sein könnte, sagte er. Dafür erntete der Präsident von Condé Nast International Verständnislosigkeit und Widerspruch.

War das schon der Beginn des schleichenden Annäherungsprozesses zwischen BDZV und VDZ? Oder sind Zeitungen inzwischen schlicht innovativer als Zeitschriften? Der Publishers' Summit ist zwar der Kongress des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger. Dennoch war der Anteil der Redner, die aus der Welt der Zeitungen kommen, in diesem Jahr auffallend hoch.

Da waren nicht nur die Vertreter von "New York Times" und "Washington Post" am ersten Tag des Kongresses. Auch bei der Journalistenrunde am zweiten Tag bediente sich der VDZ  bei Zeitungschefredakteuren. Liegt es am Mangel eigener Protagonisten?

Zwar appelliert der neue VDZ-Präsident, bunte Blätter seien keine Medien zweiter Klasse. Um der beim Publishers' Summit traditionellen Chefredakteursrunde Gewicht zu verleihen, will man dann aber eben doch nicht über Promis, Herzschmerz und Schicksalsschläge diskutieren, auch nicht über Themen der Fachpresse, sondern über Politik. Dummerweise gehören die dafür in Frage kommenden Magazinchefs Verlagen an, die sich vom VDZ inzwischen abgekehrt haben.

Auf die Bühne gebeten wurden daher Jörg Quoos von der Funke Zentralredaktion und Marion Horn von der "Bild am Sonntag". Die beiden früheren "Bild"-Journalisten diskutierten mit Robert Schneider vom "Focus", einst ebenfalls bei "Bild", über zuvor von Wolfgang Blau aufgestellte Thesen.

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Blau ist neuerdings President Condé Nast International. Doch auch, worüber er sprach, hatte mit seiner aktuellen Aufgabe weniger zu tun als mit seinen früheren Erfahrungen beim  "Guardian" und bei "Zeit Online".

Seine Thesen: Es reiche nicht mehr aus, an journalistischen Routinen festzuhalten und Akteuren, denen an gesellschaftlicher Auseinandersetzung nicht gelegen ist, überparteilich zu begegnen. In Zeiten weltweiter Unsicherheiten und Werteverschiebungen sei ein "Mission Statement" notwendiger denn je. Neben dieser inhaltlichen Standortbestimmung gehöre zu den journalistischen Pflichten auch nicht mehr nur, Missstände aufzudecken und zu beschreiben, was ist. Es gehe darum, "die Welt zu beschreiben, wie sie sein könnte".

Damit provozierte er den Widerspruch aller Mitdiskutanten: Auf diese Weise bekämen die Medien ein noch größeres Glaubwürdigkeitsproblem, sagte Quoos.

Blau fragte: "Kann sich Deutschland, kann sich der deutsche Journalismus erlauben, im internationalen Diskurs nicht wahrgenommen zu werden?" Er selbst verneinte diese Frage. Weder die Diskussion über Flüchtlinge noch die über Europa seien Themen, die auf das Sprachsilo des eigenen Landes beschränkt bleiben dürften, sagte er. Solange das so sei, überlasse man es nämlich den angelsächsischen Medien, die Sicht Deutschlands im Rest der Welt zu interpretieren. Schuld sei die Sprachbarriere. Angelsächsische Medien würden auf der ganzen Welt gelesen, deutsche nicht: Wie wenig sie gegen angelsächsische ausrichten, zeige schon der Blick auf die im Vergleich geringe Zahl ihrer Follower in den sozialen Netzwerken, sagte Blau.

Er schlug daher eine Medienallianz vor, um gemeinsam eine Distribution zu schaffen, um Visionen zu formulieren, um zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen und zur international wahrnehmbaren Stimme zu werden. Es müsse darum gehen, "welche EU wir wollen", darum, die "Geschichten der Welt selbst zu erzählen".

Die Gegenreden reichten von Marion Horn ("Es ist Aufgabe der Politiker, Europa sexy zu machen und nicht unsere, diese Geschichten zu erzählen") über Robert Schneider ("Ich sehe mich nicht als Marketingchef der EU") bis zu Jörg Quoos' Widerspruch, die Wahrnehmung Deutschlands in der Welt sei durchaus hoch, sei es in medialer, sei es in ökonomischer Hinsicht.

Während die Diskussion zerfaserte, zeigte sich Blau sichtlich unverstanden. Noch einmal setzte er an, dass das Gegengewicht deutschsprachiger Medien zu den zahlreichen anti-europäisch agierenden Netzwerken gegenwärtig zu schwach sei: Der deutsche Journalismus sei in seiner Tiefe und Breite Weltklasse. Gerade deshalb  müsse er mehr dafür tun, in der Welt wahrgenommen zu werden. usi

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