Jochen Wegner zur SXSW "Man findet dort Input für ein Jahr"

Freitag, 20. März 2015
Jochen Wegner wird Chefredakteur von Zeit Online
Jochen Wegner wird Chefredakteur von Zeit Online

Während die Film- und Musikleute noch feiern, ist die Interactive-Meute bereits abgereist: Die Technologiemesse SXSW in Austin/Texas ist vorüber, doch die Erlebnisse und Eindrücke werden bei den meisten Besuchern noch lange nachklingen. Jürgen Alker, Chef des Hamburger Digital-Studios Swipe, monierte zwar, dass zu wenige deutsche Marken bei der Digitalmesse Präsenz zeigen, dennoch ist das Interesse der Deutschen an dem Event größer denn je. Nachdem Opel-Manager Björn Osterndorff die South by Southwest Conference aus der Kundenperspektive betrachtet hat, verrät nun Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, weshalb die Veranstaltung auch für innoative Medienmanager ein absolutes Pflichtprogramm ist:
Was hat Sie dazu bewogen, zur SXSW zu fahren?
Die SXSW Interactive ist einzigartig. In fünf Tagen geben mehrere tausend Sprecher in vielen hundert oft hervorragend kuratierten Sessions einen Einblick in die jüngsten digitalen Entwicklungen. Auch, wenn langjährige Teilnehmer den Graswurzel-Geist der frühen Jahre vermissen, hat die Konferenz doch ihren eigenen Charakter bewahrt. Es geht nicht nur ums Geschäft, sondern auch um digitalen Bürgersinn. Die besten Ideen gibt es beim Gespräch am Kimchi-Fries-Stand vor dem Convention Center oder am Abend auf der Grillparty. SXSW oder CeBIT? Kann man diese beiden Events überhaupt vergleichen?
Die CeBIT ist großartig, ich war dort sicher 10, 15 Mal - schon seit den frühen 80ern, als sie noch Teil der Hannover Messe war. Aber der Charakter der CeBit verhält sich zu dem der SXSW wie Hannover, Niedersachsen, zu Austin, Texas. Hannover wird dominiert von der Trade Show, die Hunderttausende anzieht, in Austin mit einigen zehntausend Teilnehmern spielt das nur eine Nebenrolle.

Welche europäische Veranstaltung ist überhaupt mit der SXSW vergleichbar?
Jeder Vergleich ist wegen der schieren Menge an Themen in Texas schwer, und neben der übervollen SXSW Interactive finden noch "Music" und "Film" statt. Es gibt aber auch in Europa viele anregende Veranstaltungen für Digitales, sei es Mobile World Congress oder Le Web, re:publica oder Chaos Communication Congress, DLD oder NEXT, Web Summit oder Webit - und demnächst Newsgeist in Helsinki.

Wie haben Sie die Atmosphäre vor Ort empfunden?
Die Gastgeber sind stets freundlich und hilfsbereit, das überträgt sich auf die Gäste. Alle scheinen bester Dinge, die Veranstaltungen sind zum großen Teil anregend, in der Stadt ist Volksfest, die Auswahl der perfekten Abendparty ist ständiger Gesprächsstoff.

Welchen Zielgruppen würden Sie unbedingt einen Besuch bei der SXSW empfehlen?
Wer sich für digitale Trends interessiert, findet dort Input für ein Jahr.

Was kann die deutsche Medien-, Marketing- und Werbeindustrie von der SXSW lernen?
Dass die alleinige Fokussierung aufs Geschäft noch keine exzellente Konferenz oder Messe ergibt. Ich wünsche mir manchmal weniger Anzüge und mehr Irritation und Inspiration.

Was sind die größten Trendthemen, die in Austin besprochen wurden?
Wer kann das sagen? Schon jene Themen, die uns direkt betrafen, waren dort in solcher Zahl vertreten, dass wir nur mit mehreren Kollegen den Überblick behalten konnten. So lief zur selben Uhrzeit im selben Hotel ein Panel über die neue Zusammenarbeit von Technik und Redaktion bei der frisch umgekrempelten Washington Post, eines über die Viralitäts-Prognose bei Mashable und eines zu neuen Medien-Geschäftsmodellen mit "New York Times", Blendle und TheStreet.

Ähnlich dicht war es wohl auch bei vielen anderen Aspekten des digitalen Lebens wie Gaming, Wearables, Robotik. Bemerkenswert, dass das Thema Snowden/NSA im Gegensatz zum vergangenen Jahr auch bei SXSW fast keine Rolle mehr spielte. Ein kleiner Star der Konferenz war sicher die Livevideo-App Meerkat, die kurz zuvor gelauncht war - in vielen Sessions saßen Menschen mit Handys, um sie zu streamen. Beeindruckend waren auch die zum Teil tiefen Einblicke in datengetriebene Medienmodelle, die etwa Buzzfeed, Netflix oder Mashable präsentierten.

Was nehmen Sie persönlich an Erfahrungen und Learnings mit nach Hause?
Bemerkenswert fand ich, wie die radikale Haltung vieler jüngerer Medien nun auch traditionellen Häuser wie die "New York Times" oder "Washington Post" erfasst. Es gibt diese zündende Mischung aus datengetriebener, selbst entwickelter Technik im Publishing, gepaart mit stark emotionsgeprägten Inhalten, nach der nun auch viele traditionelle Medien konsequent suchen. Das ist nicht nur bemerkenswert, sondern auch ein wenig besorgniserregend. Interview: Bärbel Unckrich
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