Jochen Wegner über #D17 "Nennen wir es Vorbeugung"

Montag, 13. Februar 2017
Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner
Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner
Foto: Die Zeit / Michael Heck

Zeit Online hat mit Blick auf die Bundestagswahl im Herbst ein digitales Sonderressort auf die Beine gestellt. #D17 soll als übergreifendes Ressort die Stimmung im Land einfangen - und verhindern, dass wie bei der Wahl von Donald Trump in den USA oder der überraschenden Entscheidung für den Brexit in Großbritannien in der Berichterstattung wichtige Strömungen in der Gesellschaft untergehen. Gegenüber HORIZONT Online erklärt Zeit-Online-Chefredakteur Jochen Wegner, wie das gelingen soll.


Mit dem Projekt #D17 wollen Sie Deutschland Deutschland erklären. Das ist ein ziemlich hoher Anspruch… 
So, wie wir es meinen, ist der Anspruch gar nicht so hoch. Wir versuchen, die verschiedenen Lebenswelten unseres Landes einander näher zu bringen. Einer von vielen Ansätzen dafür ist unsere Serie "Heimatreporter", in deren Rahmen unsere Redakteure ihre Heimat besuchen, um dort eine klassische gesellschaftspolitische Geschichte zu recherchieren. Lokalredaktionen machen nichts anderes, wir versuchen aber, diese Geschichten für eine bundesweite Leserschaft aufzubereiten. Da die Autoren den Ort kennen, haben sie vielleicht besondere Empathie. Eine gewisse Distanz zur Region wird überregionalen Medien ja sonst gelegentlich vorgeworfen. Wir verfolgen im Rahmen von #D17 viele andere Projekte, die Unterschieden in Deutschland nachspüren und die Lebenswelten zusammenbringen wollen - auch ganz real.

Besteht nicht die Gefahr, dass am Ende wieder linksliberale Gutmenschen anderen linksliberalen Gutmenschen Deutschland erklären? Nein.

Unter ihrem Blogeintrag zu dem das Projekt schreibt ein Nutzer, er verstehe #D17 "als verzweifelte Umerziehungsmaßnahme, damit die Leser endlich wieder Ihnen folgen". Was antworten Sie solchen Kritikern? Wir verzweifeln nicht, jedenfalls nicht an uns. Ich habe eher den Eindruck, dass die Welt gerade an sich selbst verzweifelt, westliche Nationen waren seit den 80er Jahren nicht mehr so gespalten. Wir empfinden derzeit auch keinen Mangel an Followern, sondern sind eher überrascht, wie stark uns Leser zuwachsen. Ein eher zurückhaltender, einordnender, nachdenklicher Journalismus scheint in diesen unruhigen Zeiten attraktiv.

Wie erreicht man Menschen, nach deren Ansicht die „Mainstream-Medien“ ohnehin nur die Meinung der politischen Klasse in Berlin wiedergeben und die sich ihre Informationen und ihr Weltbild zunehmend in sozialen Medien zusammenklauben? Indem wir dorthin gehen, wo diese Menschen sind - und uns auf allen Plattformen engagieren. Auch in den Leserkommentaren bei ZEIT ONLINE äußern sich manche User sehr kritisch, auch AfD-Anhänger lesen uns offensichtlich. Vielleicht sind sie nur da, um sich zu beschweren, ich will das aber nicht so recht glauben.  Sie sind auch da, um sich zu informieren und sich mit uns zu streiten. Wir müssen die oft kruden Thesen mancher Menschen nicht teilen und sollten uns doch mit ihnen auseinandersetzen. Dazu starten wir in diesem Jahr ein Experiment: Wir werden versuchen, Leute mit sehr unterschiedlichen Meinungen an einen Tisch zu bringen. Hundertfach, vielleicht zu einem Gespräch bei einem Bier, jedenfalls in der Realität, nicht nur online.

Sie schreiben, "dass Journalisten das Gefühl für die Hälfte eines ganzen Landes verlieren können". Ist das Projekt #D17 auch ein Stück weit ein Eingeständnis des eigenen Scheiterns? #D17 ist eine Reaktion auf die Lehren, die angelsächsische Journalisten derzeit aus Brexit und Trump ziehen - beides haben viele von ihnen bis Stunden vor dem Ergebnis nicht wirklich für möglich gehalten. Wir sind uns nicht sicher, ob es im deutschen Journalismus ein ähnliches Unverständnis für das eigene Land gibt, wollen aber nicht bis nach der Wahl warten, um es herauszufinden. Nennen wir es Vorbeugung. 

Woran machen Sie fest, ob #D17 ein Erfolg wird? Wenn wir bei Menschen unterschiedlicher Lebenswelten echtes Interesse füreinander geweckt haben. Das wäre schon was. dh

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