Jeff Bezos 5 Gründe, warum der Amazon-Gründer die "Washington Post" kauft

Dienstag, 06. August 2013
Jeff Bezos wird nun auch Zeitungsunternehmer (Bild: Amazon)
Jeff Bezos wird nun auch Zeitungsunternehmer (Bild: Amazon)


Seit heute morgen bekannt wurde, dass Jeff Bezos die "Washington Post" übernimmt, rätselt eine ganze Branche: Was will der Amazon-Gründer nur mit einer Tageszeitung? Hier sind ein paar mögliche Erklärungen:

Grund 1: Weitsicht

Bezos ist nicht an kurzfristigem Erfolg interessiert, der Amazon-Gründer denkt in größeren Zeiträumen. Das war schon so, als er das Internet-Versandhaus als Bestellplattform für Bücher ins Leben rief: Innerhalb der ersten vier bis fünf Jahre war kein Gewinn vorgesehen - was natürlich viele Investoren abschreckte, Geld in das angeblich zu langsam wachsende Unternehmen zu stecken. Die Zeit gab Bezos jedoch Recht: Amazon gehörte zu den wenigen Startups, die das Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende überlebten. Höchstwahrscheinlich dürfte Bezos mit der "Washington Post", deren Umsätze im Zeitungsgeschäft langsam, aber sicher erodieren, ähnlich verfahren. "Wann immer es die Gelegenheit gibt, Möchtegern-Profite in ein bestehendes Projekt zu investieren, das sich möglicherweise erst morgen auszahlt: Bezos wird sie ergreifen", schreibt "Business Insider" Henry Blodget. Soll heißen: Wenn Bezos keine Chancen wittern würde, auf irgendeine Weise Erfolg mit der " Washington Post" zu haben, hätte er die Zeitung nicht übernommen.

Grund 2: Synergien mit Amazon

Offiziell übernimmt Bezos die Washington Post als Privatmann, Amazon hat vordergründig mit dem Deal also nichts zu tun. Gleichwohl wäre es naiv, zu glauben, das Versandhaus und die Zeitung würden nicht auf irgendeine Weise voneinander profitieren. Die "Washington Post" könnte auf vielfältige Weise in das Amazon-Imperium integriert werden - etwa indem die digitale Ausgabe in das reguläre Angebot des Versandhändlers aufgenommen und mit speziellen Kindle-Tarifen aufgehübscht wird. "Nutzer können schon jetzt Bücher ausleihen. Warum nicht auch eine Tageszeitung für Prime-Mitglieder?", fragt Olaf Kolbrück auf dem E-Commerce-Blog etailment.de. Im Gegenzug könnte Amazon das "Post"-Netzwerk zum Beispiel für Werbezwecke nutzen oder den an der schnellen News interessierten Leser zu einem Einkauf nebenbei animieren. Und das führt gleichzeitig zu...

...Grund 3: Keine Lust auf Scheitern

Der Erfolg der "Washington Post" dürfte also schon bald direkt mit dem Erfolg von Amazon verbunden sein möglicherweise sogar umgekehrt. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ein Misserfolg schnell zu Bezos' persönlichem Misserfolg werden könnte - allen Beteuerungen zum Trotz, er werde sich aus dem operativen Tagesgeschäft bei der Zeitung heraushalten. Und das könnte bittere Konsequenzen für den Entrepreneur nach sich ziehen: Die "Washington Post" besitzt in den Staaten einen Ruf wie Donnerhall (Stichwort: Watergate) und wird auch über die Landesgrenzen hinaus geschätzt. Finanziell würde Bezos einen Fehlschlag aushalten. Das traditionsreiche Blatt in den Untergang zu wirtschaften, könnte sein Renommee und sein Standing bei zukünftigen Investitionen jedoch nachhaltig beschädigen. Dieses Risko wird selbst der Multimilliardär nicht eingehen wollen.

Grund 4: Prestige

Dass Amazon heute dort steht, wo es ist, gelang nicht nur durch pure Größe und Geld, sondern auch durch hohe Innovationsgeschwindigkeit und Weitsicht. Wenn Bezos sich nun eine von den Herausforderungen der Digitalisierung schwer bedrohte Tageszeitung kauft, könnte man das auch als Prestigeprojekt verstehen: Möglicherweise will er ein Best-Practise-Beispiel dafür liefern, wie man ein strauchelndes Printprodukt fit für die digitale Zukunft macht. "Söldner fragen sich zuerst: Wie viel Geld werde ich verdienen? Bei den Missionaren steht die Leidenschaft für ein Produkt oder einen neuen Service im Vordergrund", sagte Bezos einst in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Sich mit Leidenschaft in etwas reinzuhängen, was viele bereits abgeschrieben haben: Einem wie Bezos würde das Spaß bereiten - und ganz nebenbei wohl höchste Befriedigung.

Grund 5: Idealismus

Eine wesentliche, nicht zu unterschätzende Triebfeder des Amazon-Chefs dürfte ideeller Natur sein: Bezos sagt, der Journalismus, noch dazu der aus der Hauptstadt, spiele in einer freien Gesellschaft wie den USA eine wichtige Rolle. Es gibt keinen Grund, ihm das nicht zu glauben. Immerhin hat der Unternehmer ein ganz besonderes Verhältnis zur Freiheit: Sein Stiefvater Miguel floh als 15-Jähriger aus Kuba und lebte anschließend als typisch amerikanischer Selfmade-Man seinen eigenen American Dream. Bezos selbst lebte seine Vorstellung von einem funktionierenden Gemeinwesen aus, indem er immer wieder Millionenbeträge zu wohltätigen Zwecken spendete, ebenso wie seine Bezos Family Foundation. Doch um die Werte der Freiheit und der Demokratie hochhalten zu können, ist eine international renommierte Zeitung wie die Washington Post das perfekte Mittel - egal ob gedruckt oder digital. ire
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