Interessenskonflikt mit Folgen Warum Zeit Online sich von Autor Moritz Gathmann trennte

Mittwoch, 12. März 2014
Auf seiner Homepage listet Gathmann seine Auftraggeber (Bild: Screenshot)
Auf seiner Homepage listet Gathmann seine Auftraggeber (Bild: Screenshot)


Moritz Gathmann ist freier Journalist in Russland und beliefert namhafte deutsche Medien wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", den "Spiegel" oder "11 Freunde" mit Berichten aus dem Riesenreich. Zeit Online ist nicht mehr unter seinen Auftraggebern. Grund dafür ist ein Interessenskonflikt. "Meine fünf Minuten Ruhm hatte ich mir auch anders vorgestellt. Aber man hat es eben nicht immer selbst in der Hand": Dieser Eintrag auf der Homepage des freien Journalisten Moritz Gathmann zeugt von der großen Überraschung darüber, plötzlich selbst zum Medienthema geworden zu sein. Was war passiert? Gathmann war von Zeit Online vor die Tür gesetzt worden, weil seine Arbeit für das Kreml-finanzierte Beilagenblatt "Russland Heute" nicht mit der Arbeit für die Wochenzeitung vereinbar gewesen sei. So berichtete es Newsroom.de.

Überrascht worden sind die Hamburger von der Existenz von Gathmanns russischem Auftraggeber sicher nicht. Denn dieser stand klar ersichtlich unter dem Punkt "Berufserfahrung" auf seiner Homepage. Gegenüber Newsroom.de begründete der stellvertretende Zeit-Online-Chefredakteur Markus Horeld Gathmanns Demission folgendermaßen: "Es widerspricht unseren internen Grundsätzen, dass Autoren, die in Journalismus nahen Bereichen wie Marketing oder PR arbeiten, für uns über dieselben Themenbereiche schreiben. Wir haben diese Zusammenarbeit im Vorfeld nicht ausreichend geprüft, das müssen wir uns nun vorwerfen. Wir kritisieren uns selbst und nicht etwa die Tatsache, dass Moritz Gathmann für ,Russland Heute' arbeitet."



Fragen wirft die Art und Weise auf, wie die Trennung von Gathmann verkündet wurde. Denn es gibt einen öffentlichen Twitter-Sermon zwischen David Schraven, Leiter des Investigativ-Ressorts bei der "WAZ", und Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online. Schraven, der auch im Vorstand von Netzwerk Recherche sitzt, störte sich daran, dass Gathmanns Tätigkeit für "Russland Heute" bei Zeit Online nicht transparent gemacht worden sei. Wegner, obwohl zum Zeitpunkt von Schravens Anfrage in den USA, kündigte eine umgehende Rückmeldung an. Diese las sich schließlich so: "Wir haben dies unter den Beiträgen kenntlich gemacht und die Zusammenarbeit beendet." Von Schraven folgte ein knappes "Danke".

Auf Nachfrage von HORIZONT.NET bekräftigt Horeld, dass man in der Sache die eigenen Standards habe einhalten müssen. Selbstverständlich habe man mit Gathmann über die Beendigung der Zusammenarbeit gesprochen. Von irgendwelchen Standards hat Gathmann allerdings wohl nichts gewusst - auch über diesen Umstand regt sich Kritik. "Selbstverständlich hat ZO das Recht, einen Autoren sofort kalt zu stellen, wenn der Verdacht aufkommt, das es nicht lauter zugeht. Das würde ich überhaupt nicht anders halten. Aber selbstverständlich haben Autoren auch das Recht, anständig über 'Standards' informiert zu werden zumal es keine DIN-Normen im Journalismus gibt", schreibt etwa der Blogger Hardy Prothmann.

Gathmann hat seine Tätigkeit für "Russland Heute" mittlerweile beendet. Eine Rückkehr in den Autorenpool der "Zeit" ist aber dennoch vorerst ausgeschlossen: Ein "Zeit"-Autor könne erst nach einer gewissen Übergangszeit über ein Thema schreiben, für das er zuvor PR gemacht habe, so Horeld gegenüber dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier. "Zeit Online hat es vorher verschlafen, sich darum zu kümmern, ob der Reporter den Verhaltenskodex erfüllt, erzwingt diesen Verhaltenskodex aber im Nachhinein gnadenlos", lautet dessen Urteil.

Am Handwerk hat es jedenfalls nicht gelegen, dass Gathmann nicht mehr für Zeit Online schreiben darf. Man sei mit seinen Texten sehr zufrieden gewesen, betonte Horeld gegenüber Newsroom.de. Und so soll die Tür auch nicht endgültig zu sein, wie der stellvertretende Zeit-Online-Chefredakteur zu HORIZONT.NET sagt: Ob es wieder eine Zusammenarbeit mit dem Journalisten geben wird, sei derzeit noch nicht entschieden.

Gathmann selber ist die Sache mittlerweile offensichtlich leid. Auf seiner Homepage schreibt er: "Mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen. Und jetzt würde ich mich sehr gerne wieder mit meiner Leidenschaft beschäftigen - dem Journalismus." ire
Meist gelesen
stats