Nannen Preis "Stern" für Kriegsreportage ausgezeichnet, "Spiegel" für Sommermärchen-Demontage

Freitag, 29. April 2016
Die Gewinner der Nannen-Preise 2016
Die Gewinner der Nannen-Preise 2016
Foto: Gruner + Jahr

Früher war mehr Lametta – doch würdig ist’s geblieben: Mit bewusst weniger Bühnenzauber, weniger Gästen (auch Werbekunden) und eben auch weniger Kosten hat am Donnerstagabend Gruner + Jahrs "Stern" seine Nannen-Preise verliehen. Schreiber, Rechercheure und Fotografen von "Stern", "Spiegel", "Zeit Magazin", "Geo" und "Berliner Morgenpost" konnten die begehrten "Journalisten-Oscars" mit nach Hause nehmen.

Nach einem Jahr Besinnungspause ging die renommierte Veranstaltung nun wieder über die Bühne. Zur Erinnerung: 2015 hatte G+J sie ausfallen lassen. Angesichts von Sparmaßnahmen und Stellenstreichungen sei der festliche und opulente Rahmen, den der Verlag dem Event seit 2005 gegönnt hatte, nicht mehr angemessen, erklärte G+J im Herbst 2014. Doch es ganz zu streichen war keine Option: "Für ein Haus wie G+J ist es selbstverständlich, den Journalismus zu feiern", sagte Verlagschefin Julia Jäkel am Abend.

Für dieses Jahr wurde der Wettbewerb nun inhaltlich überarbeitet: Knackiger im Namen (Nannen-Preis statt Henri-Nannen-Preis), weniger und teils neue Kategorien, ohne Preisgelder (früher insgesamt 35.000 Euro), Lettern-Kubus statt Henri-Skulptur als Trophäe, nur noch mit dem „Stern“ (und nicht mehr auch G+J) als Absender, halb so wenig geladene Gäste (550 statt 1200), entsprechend kleinere Hamburger Location (Curio-Haus statt Schauspielhaus oder Ausweich-Bühnenkomplex „Kampnagel“), Party-limitierend (2 Uhr statt open End) donnerstags statt freitags, gelockerte Kleiderordnung (dunkler Anzug statt Black Tie).

Tat das dem Hauptzweck der Veranstaltung, der „Präsentation ausgezeichneter journalistischer Inhalte“ („Stern“-Chefredakteur Christian Krug), einen Abbruch? Nein. Die Nannen-Preisverleihung ging abgespeckt über die minimalistische Bühne – aber nicht weniger gehaltvoll als in den vergangenen zehn Jahren. Schließlich standen und stehen herausragende Pressearbeiten im Mittelpunkt, und die verlieren nicht an Eindrücklichkeit, wenn die Bühnenshow kleiner und der rote Teppich kürzer ausfällt. Das Lametta hat nicht groß gefehlt.
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Man war allerdings mehr unter sich. Ein Klassentreffen von Journalisten und Verlagsleuten; Begleitungen waren nicht mehr zugelassen. Außerdem wurden weniger Werbekunden aus Unternehmen und Agenturen gesichtet – vielleicht, weil auch sie spärlicher eingeladen wurden. Oder weil sie seltener kommen mochten, so ohne Privatbegleitungen an ihrer Seite und ohne die smarte Möglichkeit, an die Dienstreise gleich ein Wochenende in Hamburg dranzuhängen. Wie auch immer: Mit dem Nannen-Preis könnte G+J noch mehr Marketingleuten zeigen, was Journalismus bedeuten kann – und welch wertiges, intensives Werbeumfeld er schaffen kann im Vergleich zu vielem, was die Social- und Funktionsportale im Internet so bieten.

Die Verleihung? War kürzer und knapper als früher, ohne Musik-Acts, weniger Show – und ließ (trotzdem? deswegen?) mehr Raum für spontane Sprüche, launige Bemerkungen und Branchen-Selbstironie. Nicht nur bei der souverän-charmanten Moderatorin des Abends, der „Tagesthemen“-Frau Caren Miosga, sondern auch bei manchen Einspielfilmen, etwa zur Jurysitzung und der Straßenumfrage zum Image von Journalisten: Vielleicht ja auch ein Kollateralnutzen des Gefühls, an diesem Abend unter sich zu sein, mit nur wenig Prominenz aus Politik (Top-Act: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier), Wirtschaft (einige Bertelsmann-Vorstände, auch CEO Thomas Rabe) und Show (Schauspieler Sebastian Koch).

Die Stars waren die diesjährigen Preisträger: Die Königsdisziplin, den Nannen-Preis für die beste Reportage (Egon-Erwin-Kisch-Preis), gewinnt der "Stern"-Reporter Jan Christoph Wiechmann für seine Afghanistan-Kriegserzählung "Drei Krieger". Die Trophäe in der Kategorie Investigation geht an ein "Spiegel"-Team für die Aufdeckung der Schwarzgeldaffäre bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 ("Sommer, Sonne, Schwarzgeld"). Die zwölfköpfige Hauptjury bestand aus Chefredakteuren und führenden Journalisten großer Medien, die nicht mitvotieren durften, wenn Beiträge der eigenen Titel zur Wahl standen.

Und hier die weiteren Gewinner.

- Beste Dokumentation: Wolfgang Bauer, "Zeit Magazin", für ein Stück über das Grauen von Boko Haram in Nigeria.

- Beste Fotoreportage: Arne Svenson, ebenfalls "Zeit Magazin". Er fotografierte aus dem Fenster seines Studio in Manhattan seine Nachbarn gegenüber ("Die Welt ist mir zu viel").

- Beste Web-Reportage: ein Team der "Berliner Morgenpost", das per Linienbus durch die Hauptstadt gefahren ist und dort Menschen porträtiert hat ("M29 – Berlins Buslinie der großen Unterschiede").

- Beste inszenierte Fotografie: Adrian Sonderegger und Jojakim Cortis, "Geo", für ihre ikonischen Bilder, die Zeitgeschehen auf unerwartete Weise nachgestellt haben ("Trauen Sie ihren Augen nicht!").

Ein Sonderpreis geht an den syrischen Fotografen Hosam Katan, der den Krieg in seiner Heimatstadt Aleppo in eindrücklichen Bildern festhält, unter Lebensgefahr und "als letzter Fotograf in Aleppo", wie Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in seiner Laudatio betont.

In diesem Jahr haben G+J und sein "Stern" damit zum 11. Mal journalistische Bestleistungen mit den (Henri) Nannen-Preisen ausgezeichnet, in den Vorjahren bisweilen begleitet von hübschen Branchen-Eklats. "Stern"-Gründer Henri Nannen (1913-1996) hatte 1977 den Kisch-Reportagepreis aus der Taufe gehoben, zunächst fast drei Jahrzehnte verliehen im Rahmen eines Empfangs im G+J-Pressehaus. 2005 schließlich hatte G+J weitere Kategorien hinzugefügt und unter dem Namen "Henri Nannen Preis" den Veranstaltungsrahmen opulent vergrößert – und nun eben wieder etwas verkleinert. rp

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