Hans-Ulrich Jörges „Die bewusste Lüge ist nicht unser Problem“

Donnerstag, 21. Januar 2016
Spricht von "Rudeljournalismus": Hans-Ulrich Jörges
Spricht von "Rudeljournalismus": Hans-Ulrich Jörges
Foto: Alex Grimm / Getty Images

Hans-Ulrich Jörges, bekannt für seine Zwischenrufe im „Stern“, las der Branche beim Deutschen Medienkongress am Mittwoch die Leviten. Es gebe Gründe für den Vertrauensverlust des Publikums, sagte er – und verlangte von Journalisten mehr Charakter.

Erschütternde Resultate liefern jüngste Umfragen, die den Medien über alle Bildungsschichten und politischen Milieus hinweg ein Glaubwürdigkeitsproblem bescheinigen. Darauf bezog sich Jörges, Mitglied der „Stern“-Chefredaktion, bei seinen Anmerkungen zur „Lügenpresse“ – ein Reizwort, das aus seiner Sicht „nur der Katalysator für ein dramatisch um sich greifendes Unbehagen an den Medien“ gewesen sei. Denn nicht bewusstes Lügen sei das Problem, „wohl aber Schönfärberei, Propagandismus, Oberflächlichkeit, Gedächtnisverlust und Verstoß gegen Recherchepflichten“. 

Die Symptome

Jörges nannte Beispiele. Schönfärberei gegeben habe es etwa zu Beginn der aktuellen Flüchtlingsdebatte, „als deren Probleme ignoriert wurden, weil die Stimmung ganz anders war als heute“. Falsch sei aber auch, dass nach den Kölner Übergriffen nun nur noch über die Probleme berichtet würden, denn „Schwarzmalerei ist nur die andere Seite der Medaille“, sagte Jörges. 
Hans-Ulrich Jörges beim Deutschen Medienkongress
Hans-Ulrich Jörges beim Deutschen Medienkongress (Bild: Alex Grimm / Getty Images)
Propagandismus wiederum habe sich durch die gesamte Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt gezogen. Offenbar ukrainischer Desinformation sei man aufgesessen, „als etwa ein Sturm russischer Truppen auf die Metropole Mariupol vorausgesagt wurde und Fernsehteams schon vorausgeschickt wurden, um ihn nicht zu verpassen“. 

Die Diagnose

„Opportunismus, Konformismus und Alarmismus sind eine gefährliche, eine brisante Verbindung eingegangen. Alle, fast alle, rennen in dieselbe Richtung. Rudeljournalismus nenne ich das“. Seine Geburtsstunde? Die Kampagne, mit der Christian Wulff aus dem Amt des Bundespräsidenten getrieben worden sei. „Seither sind viele Medien vereint in mächtigen Erregungswellen. Skandalisierung, Emotionalisierung und Boulevardisierung sind die Segel, unter denen sie auf diesen Wellen dahinjagen. 
Der 8. Deutsche Medienkongress fand erneut in der Alten Oper statt
Bild: dfv

Mehr zum Thema

Alle News, Bilder, Videos Das war der Deutsche Medienkongress 2016

Die Ursachen

1. 
Die Auflösung der ideologischen Lager, auch in den Medien, mit dem Ende des Kalten Kriegs: Die ist natürlich zu begrüßen, doch die Kehrseite ist: weniger Meinungsvielfalt. Früher fand jedes Urteil zuverlässig Widerspruch. Heute herrscht enormer Konformitätsdruck. 2. Die Medienkrise, verbunden mit einem verschärften Kampf um Auflagen und Quoten, aber auch der Ausdünnung von Redaktionen. Die Folge: Qualitätsverlust.

3. 
Es gibt eine neue Hierarchie der Medien. Online-Medien sind Meinungsführer. Die anderen folgen, hängen am Draht. Die Online-Medien aber arbeiten mit wahnwitziger Beschleunigung, messen ihre Klickzahlen minütlich – und setzen zunehmend auf Skandalisierung, Emotionalisierung und Boulevardisierung.

Der Hunger der Online-Medien auf immer Neues sei unersättlich, sagte Jörges: Gebe es „frisches Futter, wird An- oder Abgenagtes achtlos fallen gelassen. Immer nur ein Thema ist top. Zwei sind schon zu viel“. Es herrsche eine Art Dauer-Hysterie, zusätzlich befeuert durch die sozialen Netzwerke.

Das Gegenmittel

„Alte Qualitäten“, sagt Jörges, und nur die – als da sind: „Innehalten, unabhängig urteilen, Nerven, Verstand und Haltung bewahren. So viel Charakter müssten wir schon aufbringen“.

Der vollständige Wortlaut des Vortrags erscheint in der kommenden Ausgabe von HORIZONT.

Meist gelesen
stats