HORIZONT liest... "Tina" Weil Konstantes auch mal gut tut

Donnerstag, 25. Juli 2013
Bauer bezeichnet "Tina" als "Premium-Frauenmagazin"
Bauer bezeichnet "Tina" als "Premium-Frauenmagazin"

Andrea fühlt sich richtig beschwingt mit ihrem neuen Make-up und stellt fest, dass sie ihre Garderobe farblich noch ausbauen kann: "Dass mir Grün steht, hätte ich nie gedacht" wird die 41-jährige zitiert, die immerhin 56 Kilo abgenommen hat und zurecht stolz im neuen Styling posiert, zu dem ihr die "Tina"-Redaktion verholfen hat. Dass das irgendeine Leserin außerhalb ihres Freundeskreises wirklich interessieren könnte, gehört wahrscheinlich auch in die Kategorie "nie gedacht". Ebenso wie die Tatsache, dass die "Vorher-Nachher"-Rubrik von "Tina" ein wöchentlicher Hingucker ist und eines von vielen Beispielen, wie ein Heft, das von Woche zu Woche Gleiches abbildet, trotzdem funktionieren kann.

Inhalt

Die anspruchsvolle Zeitschriftenleserin, die aktuelle Mode- und Beautytrends auch gerne hochwertig fotografiert sieht, danach gerne eine längere Reportage liest, um schließlich anregende Tipps für Bücher und Kino zu bekommen, ist bei "Tina" tatsächlich nicht an der richtigen Adresse. Vielmehr produziert das Team um Chefredakteurin Sabine Ingwersen ein Heft, das auf durchgängige Konstanz in allen Bereich setzt und dabei gelegentlich vornehmlich im Rezept- und Dekoteil auch auf Inhalte anderer Verlagstitel (Bauer) zurückgreifen kann. Böse Zungen würden das Produkt vielleicht mit "gepflegte Langeweile" umschreiben, doch das würde der Strategie des Hefts wahrlich nicht gerecht.

Zunächst einmal, weil Langeweile gar nichts Schlechtes ist, sondern erwiesenermaßen Kreativität und Gesundheit fördert. Zum anderen, weil der Mensch nun einmal ein Gewohnheitstier ist und ihm stets Wiederkehrendes Sicherheit gibt. Darauf ist "Tina" aufgebaut: Keine Überraschungen, wenig Text, viel Bild, überschaubare Themenbereiche. Oder anders gesagt verlässliche Rubriken, die wöchentlich gleich aneinandergereiht werden. Vorher-Nacher, Mode, das Portrait einer sozial engagierten Frau, Gesundheitstipps, eine herzige Geschichte aus dem Tierreich, Rezepte, Blumendeko, Rätsel. So läuft jedes Heft und fasziniert mit diesem perfektionierten Konzept. Man muss das nicht mögen aber wer es mag, bewegt sich auf zuverlässigem Terrain.

Mit ebensolcher Zuverlässigkeit widerspricht sich inhaltlich so einiges: Praktisch jede Woche korrespondieren schon auf dem Cover ein Diät-Tipp mit sahnigen Kuchenrezepten. Im Gesundheitsteil stehen regelmäßig heilungsfördernde Kräuter und Gemüse auf dem Programm, der Doktor rät zu kalorienarmer Ernährung, im Anschluss setzt der Rezeptplaner der Woche auf Mengen von Käse, Butterschmalz und Fleisch.

Die Leserinnen scheint das nicht zu stören. Ihre Verbundenheit mit dem Produkt ist offenbar groß, was nicht zuletzt die Leserbriefseite zeigt: Es mangelt nicht an eingesandten Bilder von Enkelkindern und Tieren, um deren Abdruck gebeten wird. Und das Foto eines mit auf Reisen gegangenen Stofftiers kann schon mal eine wochenlange Welle von Bildern ähnlich unternehmungslustiger Plüschbären und -frösche nach sich ziehen. Kann man belächeln, aber mal ehrlich: Gehört nicht ganz schön Mut dazu, sich im fortgeschrittenen Alter mit einem Schmusetier am Rande des Grand Canyon in einer Zeitschrift abbilden zu lassen?

Ein klassisches Sommerthema: Speiseeis
Ein klassisches Sommerthema: Speiseeis

Aktuelles Heft

Die prominenteste Person dieser Woche ist mit Sicherheit Pater Anselm, der Benediktinerpater, der als Autor und geistiger Berater weithin bekannt ist. In einfachen Worten erklärt er, warum sich der Mensch mit dem Alleinsein schwer tut und promotet dabei gleich sein aktuelles Buch zum selben Thema. Und der Mann, der immer die Ruhe selbst zu sein scheint, gibt zu, dass es ihn nervt, wenn "Leute am Mittagsbuffet vor den Gerichten stehen und ewig nicht wissen, was sie nehmen sollen." Tja, wer kennt es nicht?

Ansonsten wie zu erwarten kaum Aufreger: Die Modestrecke zeigt Pastell, die Beauty-Seite Tipps zur Sonnenbräune, Hackfleisch und Eierlikör beherrschen den Rezeptteil und in der Reihe "Deutschlands schönste Dörfer" wird Passade vorgestellt, ein Ort nahe Kiel, der nicht nur wie ein schwedisches Astrid-Lindgren-Idyll aussieht, sondern in dem auch eine funktionierende Dorfgemeinschaft das Zusammenleben von Jung und Alt zum puren Glück macht. Oft gehörte Weisheiten zur Heilkraft von Lavendel, Knoblauch und Johanniskraut und ein paar Entspannungsübungen für den Körper nicht neu, aber nie verkehrt. Und dann ist es eben doch ganz nett, über die drei Frauen zu lesen, die sich mit Eisdielen selbstständig gemacht haben und wie die Ehefrau eines Mannes zurecht kommt, der mit einem Intelligenzquotienten von 196 noch schlauer als Einstein ist. Hätte man den auch, man würde "Tina" vielleicht nicht anfassen. Für die ganz normale Leserin mit einem ganz normalen Alltag und ganz normalen Ansprüchen ist das das ganz normale Heft.

Im Rezeptteil geht es gerne deftig zu.
Im Rezeptteil geht es gerne deftig zu.

Auflage

"Tina" hat im 2. Quartal 2013 443.069 Exemplare verkauft
"Tina" hat im 2. Quartal 2013 443.069 Exemplare verkauft
Im 2. Quartal 2013 kommt "Tina" laut IVW auf eine verkaufte von 443.069 Exemplaren. Das entspricht 2,74 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum und einem Minus von 5,84 Prozent im Vergleich zum 1. Quartal 2013. Im Verlauf der vergangenen fünf Jahre sank die Auflage um rund 74.000 Exemplare.

Zielgruppe

Frauen zwischen 30 und 59 Jahren sind für Bauer die fokussierte Kernzielgruppe. Beschrieben werden die Leserinnen als positiv, mitten im Leben stehend und familienorientiert. Auch anspruchsvoll seien sie und dem kleinen Luxus nicht abgeneigt.

Facts

"Tina" erscheint wöchentlich am Mittwoch im Bauer Verlag. Am Kiosk ist sie zum Copypreis von 1,35 Euro erhältlich. Für die Vermarktung zeichnet Bauer Advertising in Hamburg verantwortlich. Der Anzeigenpreis (Tina Plus) liegt bei 37.390 Euro. son

Angesichts solch eines Dorfes geht das Herz auf.
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