HORIZONT liest... "Philosophie Magazin" Absolute Wahrheiten für ein nicht-akademisches Publikum

Donnerstag, 21. November 2013
Die aktuelle Ausgabe "Philosophie Magazin"
Die aktuelle Ausgabe "Philosophie Magazin"

Für all jene Zeitschriftenleser, die sich für die philosophische Betrachtung von gesellschaftlichen Großthemen interessieren, bei der Kant-Lektüre aber schon am Kategorischen Imperativ gescheitert sind, gibt es eine Lösung: das "Philosophie Magazin". Das Heft, das dieser Tage sein zweijähriges Jubiläum feiert, präsentiert sich erfrischend bodenständig, ohne eine allzu verkopfte Attitüde, schafft es aber dennoch, philosophische Themen in den Kontext von Gegenwartsdiskussionen zu bringen - und vermittelt diese auch noch mit einer sympathischen Leichtigkeit.

Inhalt

Das "Philosophie Magazin " präsentiert sich schon beim Blick auf das Inhaltsverzeichnis vielfältig in seiner Themenauswahl. In jeder Ausgabe kommen zahlreiche große Denker und Meinungsführer unserer Zeit zu Wort (z.B. Slavoj Zizek, Peter Singer, Peer Steinbrück, Julian Assange), die bedeutsame gesellschaftliche Fragestellungen diskutieren - sei es im Interview, im philosophischen Gespräch untereinander oder als Gastbeitrag. In seiner Aufteilung folgt das Magazin übersichtlich den übergeordneten Rubriken "Zeitgeist", "Dossier" und "Die Philosophen". Auffällig ist das Konzept des Magazins, mit klaren Überschriften und einem verständlichen Stil, der versucht, auf Fachbegriffe zu verzichten, ein breites Publikum abzuholen. Die Redaktion hat es sich laut eigenen Angaben auf die Fahnen geschrieben, sämtliche Inhalte leicht zugänglich aufzubereiten. Und dieses Vorhaben gelingt. Rubriken wie "Pro & Contra" und der "Dialog" sowie das Dossier mit verschiedenen Perspektiven und Artikeln zu einem wichtigen Thema sind so abwechslungsreich angelegt, dass auch längere Passagen präzise bleiben und ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren - was bei philosophischen Abhandlungen gewiss nicht immer der Fall ist.

Die Rubrik "Dialog" im Zeitgeist-Teil des Magazins
Die Rubrik "Dialog" im Zeitgeist-Teil des Magazins

Wer als Kontrastprogramm dann doch einmal in die Klassiker hinein schnuppern will, der kann das mit der Sammelbeilage, die mit jedem Heft erscheint. Dabei werden einzelne Kapitel aus Klassikern der Philosophie-Geschichte abgedruckt - in der aktuellen Ausgabe die ersten beiden Meditationen von René Descartes über die Grundlagen der Philosophie, in der der wohl bedeutendste französische Rationalist des 17. Jahrhunderts beginnt, an den Erkenntnissen der Sinne und später seiner eigenen Existenz zu zweifeln.

Das aktuelle Heft

Die Ausgabe 1/2014 macht mit einer grundsätzlichen und allgemein gehaltenen Frage auf, die wohl jeden mehr oder weniger beschäftigt: Woher kommt das Böse? Das Dossier widmet sich dem Thema gebührend auf 22 Seiten. So kommt es nicht zu kurz und findet vielmehr ein angemessenes Maß für eine lebhafte und bisweilen überraschende Diskussion, an der sich Denker aus der Evolutionsbiologie, Theologie und Psychoanalyse beteiligen. Und auch hier regiert die Maxime der Abwechslung: Längere Beiträge und Interviews werden durch prominente Zitate von berühmten Philosophen der Antike bis heute aufgelockert.

Eine provokante philosophische Fragestellung: Was genießen wir am Bösen?
Eine provokante philosophische Fragestellung: Was genießen wir am Bösen?

In dem besonders lesenswerten "Zeitgeist"-Teil, der die Brücke zwischen alten Weisheiten und gegenwärtigen Gesellschaftsthemen schlägt, ragt im aktuellen Heft vor allem der von "Philosophie Magazin" initiierte Briefwechsel zwischen dem Philosophen Slavoj Zizek und der inhaftierten Politikaktivistin und Pussy-Riot-Mitglied Nadja Tolokonnikova heraus. Der über sieben Monate aufgezeichnete Dialog wurde nicht nur in deutschen Titeln wie "Der Spiegel" und "Die Zeit" kommentiert, sondern schaffte es mit einer Eins-zu-eins-Übersetzung auch in den englischen Guardian.

Die aktuelle Winterausgabe schafft den Spagat zwischen anspruchsvollen Meinungsartikeln, die - der Maßgabe einer philosophischen Publikation entsprechend - in großer Fülle zu finden sind, und einer Schreibe, die auch Nicht-Magister anspricht. Dabei wird die Redaktion auch ihrem immer sichtbaren ideologischen Anspruch gerecht, komplexe Abhandlungen auf Zeitgeist-Themen herunterzubrechen, ohne dass den Thesen ihre philosophische Kraft genommen wird.

Das "Philosophie Magazin" zeigt eindrucksvoll: Philosophie kann Alltag. Und wenn auch hier nicht alles letztbegründet werden kann: Im Zweifel wird eben gebührend gezweifelt.

Auflage

Das "Philosophie Magazin" erscheint in einer Auflage von 70.000 Exemplaren. Die verkaufte Auflage liegt laut Verlag bei etwa 30.000 Exemplaren, davon gehen 7000 an Abonnenten. Nach eigenen Angaben erreicht der Titel damit bis zu 150.000 Leser.

Zielgruppe

Horizont liest...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Der durchschnittliche Leser des Magazins ist laut Philomagazin Verlag 46 Jahre alt, gebildet, gut verdienend und schätzt die Qualität des Hefts als deutlich wichtiger ein als den Preis. 55 Prozent der Rezipienten sind männlich. Generell will sich die Redaktion an ein breites, nicht-akademisches Publikum richten und sich keiner Weltanschauung, Religion und politischer Richtung verpflichtet sehen. Als Leitsätze der redaktionellen Auswahl geben die Verantwortlichen Vielstimmigkeit, Relevanz und Offenheit an.

Facts

Das "Philosophie Magazin" erscheint alle zwei Monate (6 Ausgaben pro Jahr) zu einem Copypreis von 6,90 Euro. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet 7295 Euro. Der Philomagazin Verlag gibt das Heft unter der Leitung von Inhaber Fabrice Gerschel, Gründer des in Frankreich seit 2006 bestehenden Verlag Philo Éditions, heraus. In Frankreich erscheint das Schwestermagazin "Philosophie Magazine", mit dem die deutsche Redaktion laut eigenen Angaben in engem kreativen Austausch steht. Gemeinsam bilde man die größte philosophische Redaktion Europas. Herausgeberin des deutschen Verlags ist Anne-Sophie Moreau. tt
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