HORIZONT liest... "Beef" Gruner + Jahrs maskuline Antwort auf Alice Schwarzer & Co

Donnerstag, 17. Oktober 2013
Die Bayern können nicht nur Fußball, sondern auch Kochen
Die Bayern können nicht nur Fußball, sondern auch Kochen

Echte Männer am Herd? Man stelle sich vor, "Beef" hätte es bereits Ende der 1970er Jahre gegeben - Alice Schwarzers Feministenzeitschrift "Emma" wäre wohl nie auf den Markt gekommen. Oder wobei, vielleicht gerade doch: Schließlich ermuntert "Beef" Männer nicht nur zum Kochen, sondern auch zum Mann-Sein. Ein wahres Männermagazin, allerdings ohne Autos, Sex und Rasierwasser - die einzigen nackten Brüste stammen vom Geflügel-Metzger um die Ecke. Gewürzt mit einer Prise Ironie und einem Löffel Machismus wird "Beef" dennoch zu einem der männlichsten Magazine am Kiosk. So viel Testosteron wird belohnt - bei den Lead Awards 2013 mit einer Nominierung in der Kategorie Magazin des Jahres.

Inhalt

Das Konzept ist eigentlich einfach: qualitativ hochwertige Lebensmittel gemischt mit kreativen Rezepten und opulenten Bildern, ergibt angereichert mit interessanten Reportagen eine der seltenen Print-Erfolgsgeschichten jüngeren Datums. Dabei hatte es das Magazin am Anfang alles andere als leicht. Hervorgegangen ist das Heft aus dem Gruner + Jahr Ideenwettbewerb "Grüne Wiese 2009". Damals setzte sich "Beef" gegen hochkarätige Konkurrenz durch, unter anderem gegen das mittlerweile ebenfalls erfolgreich verlegte "Business Punk". Anschließend musste sich das Magazin erst in einer Testausgabe bewähren - seit 2010 erscheint es nun regelmäßig.

Drei der vier "Beef"-Gründerväter und -mütter (damals alle bei "Healthy Living") sind auch heute noch mit an Bord: Jan Spielhagen als Chefredakteur, Birte Lindlahr als seine Stellvertreterin und Textchefin sowie Monique Dressel als Leiterin der Fotoredaktion. Nur Elisabeth Herzel hat es mittlerweile zum etwas konventionelleren "Essen & Trinken" verschlagen. Sie sind das Herzstück von "Beef" - eine große Redaktion braucht das Magazin als Autorenheft nicht.

Frisch serviert: Das Inhaltsverzeichnis ist wie eine Zeitleiste aufgebaut
Frisch serviert: Das Inhaltsverzeichnis ist wie eine Zeitleiste aufgebaut

Mittlerweile erscheint "Beef" sechsmal im Jahr, immer mit einem thematischen Schwerpunkt. Je nach Saison geht der von der Zubereitung der besten Oster-Lämmer über Würste-Selbermachen und Extreme Barbecue hin zu kreativer Küche in der Weihnachtszeit. Stammleser erwartet ein klar strukturiertes Heft, dass sich an einigen Routinepunkten entlang hangelt (etwa das Menü des Monats oder die kuriosesten Facts zum Thema Küche & Co), aber auch immer wieder durch fantastische Fotos und lesenswerte Erzählstrecken besticht - denn davon gibt es in "Beef" reichlich. Warum das Konzept offenbar ankommt? Spielhagen weiß die Antwort: "Männer wollen kochen, während Frauen kochen müssen", sagte er einst dem "Hamburger Abendblatt".

Das aktuelle Heft

Die Rekord-Saison des FC Bayern ist zwar bereits vorbei, aber "Beef" legt noch einen nach und kürt Bayern erneut zum Meister - diesmal in der Küche. Pünktlich zum Oktoberfest hebt Chefredakteur Spielhagen, seit kurzem übrigens auch für das "Chefkoch Magazin" zuständig, die Klassiker der bayerischen Kochkunst auf den Titel. Ansonsten überrascht das Heft mit kuriosen Rezeptideen, etwa den wichtigsten Infos zu Tierfüßen oder "tödlich"-guten Rezepten mit der (zurecht?) unterschätzten Zutat Blut.

O'zapft is! Pünktlich zum Oktoberfest bringt "Beef" bayerische Schmankerl auf den Tisch
O'zapft is! Pünktlich zum Oktoberfest bringt "Beef" bayerische Schmankerl auf den Tisch

Dabei wandelt "Beef" stets zwischen Rezeptebibel, hintergründigem Leseheft und kurzweiliger "auf-der-Toilette-Lektüre". Unterhaltsam sind zum Beispiel die 32 Facts über Cola - bis in die 1950er Jahre in den USA übrigens als Verhütungsmittel verwendet - oder die Liste der Henkersmahlzeiten von Personen der Zeitgeschichte. Waren es bei RAF-Mann Andreas Baader in der Stammheimer Haft lediglich zwei hartgekochte Eier, speiste Lady Diana vor ihrem tödlichen Unfall in Paris sehr edel: Rührei mit Steinpilzen, Seezunge mit Jakobsmuscheln und Spargeln. Unnützes Wissen olé!

"Beef"-Kalauer at it's best - der Titel zur Story über die Grill-WM in den USA
"Beef"-Kalauer at it's best - der Titel zur Story über die Grill-WM in den USA

Tiefgründiger wird es, wenn sich die "Beef"-Autoren auf die Suche nach den Geschichten machen, die man für den stolzen Preis von 9,80 Euro erzählen muss (damit spielt "Beef" übrigens etwa in der Preisklasse einer Wiesn-Maß). Zu den vielen längeren Lesestücken gehört in dieser Ausgabe die Reportage über den Thunfisch-Fang vor der australischen Küste. Die Autoren Marc Bielefeld und Birte Lindlahr liefern einen hochinteressanten Artikel, der wohl alle Vegetarier, die das Heft zufällig in die Hände bekommen, in ihrer Überzeugung bestätigten wird. Lesenswert ist auch Bernhard Schmidts Reportage von der Grill-Weltmeisterschaft in Kansas City, Missouri - auch wenn der Titel ("Yes we Kansas") schon ein bisschen sehr gewollt rüber kommt. Ein Auszug:

"Überall auf dem Gelände raucht es aus kleinen Schornsteinen der mobilen Feuerstellen, die manchmal stark an eine Lokomotive erinnern. Die Akteure sind männlich, tragen Baseballkappen, Bierdosen und ihre "Konfektionsgrößen" - nun ja, wir sind in Amerika, das ist das Land unendlicher Weiten. Es wirkt ein bisschen größenwahnsinnig, dieses Event, auf dem Niveau vor Tractor-Pulling oder Monster-Truck Car Crush. Die Teams tragen Namen wie "Better after 3 Beers [...]."

Zu einem guten Essen gehört natürlich auch das passende Getränk, weswegen "Beef" in der vorletzten Ausgabe des Jahres nicht nur eine Reportage über den schottischen Whiskey-Hersteller Glenfiddich im Angebot hat, sondern auch "sieben Drinks, die Sie umhauen werden". Challenge accepted!

Der letzte Schrei: Am Ende des Hefts interpretiert "Beef" das Meisterwerk von Edvard Munch
Der letzte Schrei: Am Ende des Hefts interpretiert "Beef" das Meisterwerk von Edvard Munch

Auflage

Bei der Auflagenstatistik der IVW ist "Beef" nicht gelistet, nach Verlagsangaben liegt die verkaufte Auflage bei 60.000 Exemplaren, gedruckt werden 100.000 Hefte. Jeder vierte Leser (15.000) bezieht "Beef" im Abonnement.

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Zielgruppe

Wohl nicht immer identifiziert sich ein Chefredakteur derart mit seiner Zielgruppe wie "Beef"-Chef Jan Spielhagen. Das Magazin wende sich an Männer, "die so sind wie ich. Die stundenlang reden können über Espressomaschinen, japanischen Whiskey, Induktionsherde und dry aged Steaks. Männer, die sich in Kochclubs zusammen tun und versuchen, einmal im Monat auf Sterne-Niveau kochen." Die letzte Leserbefragung ist mittlerweile aber bereits drei Jahre alt. Ergebnis damals: 87 Prozent der Leser sind männlich, in der Regel zwischen 20 und 49 Jahren sowie mit einer Hochschulreife ausgestattet.

Facts

"Beef" erscheint seit 2009 bei Gruner + Jahr in Hamburg, seit diesem Jahr im Zwei-Monats-Rhythmus. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet im Innenteil 16.900 Euro. Der Copypreis liegt bei 9,80 Euro. fam
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