HORIZONT liest... "Asterix bei den Pikten" Ein schottischer Zaubertrank für die gallische Kultmarke

Donnerstag, 07. November 2013
"Asterix bei den Pikten" spielt in Schottland
"Asterix bei den Pikten" spielt in Schottland

Asterix und Obelix sind weitaus mehr als zwei knollennasige Comic-Helden: Den Franzosen gelten sie als die Verkörperung ihres Nationalcharakters, für ganze Generationen deutscher Comicleser waren sie eine unverzichtbare Jugendlektüre, doch vor allem sind sie ein höchst lukratives Medienimperium. Daher ist "Asterix bei den Pikten" auch mehr als nur ein weiterer Band in der Saga rund um die rebellischen Gallier. Der Neustart mit dem Kreativteam Jeans-Yves Ferri und Didier Conrad soll der vom Mitgründer Albert Uderzo zuletzt konsequent heruntergewirtschafteten Kultmarke endlich wieder neue Kraft verleihen. Bei dem Neustart geht es für den neuen Mehrheitsgesellschafter um viel Geld. 2012 übernahm der Verlag Hachette Livre den die Mehrheitsrechte verwaltenden Verlag Albert René und versucht die Serie nun fit für die Zukunft zu machen. Seit ihrem Start 1959 verkauften sich die Abenteuer von Asterix und Obelix weltweit rund 330 Millionen mal; ein Drittel der verkauften Exemplare entfallen auf den deutschsprachigen Raum. Die schon erschienenen Bände sollen bis heute jährlich 10 Millionen Euro Umsatz in die Kassen des Verlags Albert René spülen. Damit ist die Comicserie in Deutschland sowohl für den Pressevertrieb wie auch für den Buchhandel eine verlässliche Erlösquelle. Doch damit dieses Medienimperium auch in Zukunft weiter funktioniert, braucht es dringend neuen Stoff in Form erfolgreicher Comic-Bände.

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Der Inhalt

Der besondere Reiz von Asterix war über die Jahre stets seine Fähigkeit, verschiedene Altersgruppen und verschiedene Themengebiete gleichermaßen bedienen zu können. In seiner Anfangszeit war Asterix mit Bänden wie "Asterix der Gallier" und "Asterix und die goldene Sichel" vor allem eine humorvolle Abenteuerserie, die sich primär an ein jugendliches Publikum richtete.

Später erweiterte das Duo Goscinny und Uderzo die Themenpalette um die Porträts nationaler Kulturen wie "Asterix bei den Briten", "Asterix in Spanien" und auch das von Fans besonders geschätzte "Asterix auf Korsika". Gleichzeitig lotete die Serie mit Bänden wie "Streit um Asterix" und "Asterix und der Seher" die zwischenmenschlichen Beziehungen im gallischen Dorf auf eine Weise aus, die die Serie endgültig zum Lesestoff für Jugendliche und Erwachsene machten. Damit erarbeitete sich die Serie seit den 60er Jahren eine Fangemeinde, die den tapferen Galliern auch nach dem Tod Goscinnys im Jahre 1977 treu blieb.

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Das Problem daran: Zwar waren auch misslungene Hefte wie "Gallien in Gefahr" wirtschaftlich erfolgreich, aber die Comic-Bände wurden zunehmend zum Pflichtkauf der Hardcore-Fans. Jüngere Altersgruppen lernen Asterix meist nur noch als Film- oder Zeichentrickfigur kennen.

Das aktuelle Heft

Um die Spannung um Band 35 hochzuhalten, verpflichtete der Verlag alle PR-Leute und Buchhändler bei Androhung einer Vertragstrafe von 5000 Euro zur strikten Verschwiegenheit über den Inhalt. Aus PR-Sicht ein guter Schachzug, denn das Erstlingswerk von Ferri und Conrad liegt im Vergleich zum Gesamtopus im oberen Mittelfeld. "Asterix bei den Pikten" liefert einen Mix bewährter Elemente der Klassiker: Wie Teefax in "Asterix bei den Briten" begleiten die Gallier den jungen MacAphon zurück zu seinem Stamm, um diesen im Kampf gegen böse Ursupatoren beizustehen. Dazu kommt eine Liebesgeschichte, die sehr an "Asterix als Legionär" erinnert: Während damals Asterix und Obelix im Auftrag der schönen Falbala nach ihrem geliebten Tragicomix suchen, ist es jetzt MacAphon, der seine geliebte Camilla verloren hat. Nicht zuletzt hat man den Kampf der Häuptlinge im Showdown des Piktenabenteurs schon einmal gesehen: im gleichnamigen "Kampf der Häuptlinge".

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Dem gegenüber steht, dass Zeichner und Texter aus der piktischen Kultur nicht sonderlich viel herausholen, das von erwachsenen Lesern als Anspielung auf die modernen Nachfahren verstanden werden könnte. Die Pikten unterscheiden sich von den Galliern im wesentlichen nur durch ihre Schottenröcke, ihr Malzwasser und ihren Lieblingsport Baumstammwerfen. Auch Loch-Ness-Monster Fafnie ist nicht unbedingt der kreativste Einfall zum Thema Schottland. Damit liegen sie zwar immerhin qualitativ schon weit über den Geschichten, mit denen Albert Uderzo die Langzeitfans zuletzt vergraulte, haben aber zum pointensicheren Realitätsbezug von Klassikern wie "Asterix und die Trabantenstadt" noch einen Weg zu gehen.

"Asterix bei den Pikten" ist damit im wahrsten Sinne ein Weg zurück zu den Anfängen. Ähnlich wie 1959 "Asterix der Gallier" liefert der Band ein humorvolles Abenteuer, dass vor allem Kinder als Leser amüsieren dürfte. Ob es Ferri und Conrad gelingen wird, auch die erkaltete Leidenschaft der erwachsenen Fans wieder zu entflammen, müssen die künftigen Bände zeigen. Aber Kinder haben jetzt wieder die Chance, die Welt der Gallier kennen und schätzen zu lernen, wie sie von dem ursprünglichen Erfinderteam Goscinny und Uderzo einmal gedacht war. Das macht Hoffnung für die weitere Entwicklung.

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Auflage

In Deutschland erscheint "Asterix bei den Pikten" in einer Startauflage von 1,5 Millionen Exemplaren. Damit ist Deutschland nach Frankreich (Startauflage 2 Millionen Exemplare) der wichtigste Markt weltweit (Gesamt-Startauflage 5 Millionen Exemplare).

Zielgruppe

Asterix ist im heutigen Comicmarkt, der sich klar zwischen auflagenstarken Titeln für Kinder und anspruchvolleren Serien in Kleinauflage für älter Leser spaltet. eine seltenen Ausnahmen. Das Comic gehört zu den wenigen, das seine Leser sowohl bei kindlichen wie auch erwachsenen Lesern findet. Allerdings dürfte zumindest in Deutschland die Kaufentscheidung meist von erwachsenen Fans getroffen werden, die die Serie noch aus ihrer Jugend kennen.

Facts

In Deutschland wird "Asterix bei den Pikten" vom Verlag Egmont Ehapa betreut. Der Band kostet als Softcover 6,50 Euro und als gebundene Ausgabe 12 Euro. "Asterix bei den Pikten" ist der 35. Band der seit Jahrzehnten laufenden Comicserie. cam
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