HORIZONT liest (wieder) ... "Allegra" Zurückgekommen, um zu bleiben

Donnerstag, 24. April 2014
Die Revivalausgabe der "Allegra"
Die Revivalausgabe der "Allegra"

Früher war alles besser. Die Erdbeeren, das Osterfest, der Sommer, der Winter. Meistens stimmt das nicht, die Erinnerung an die eigene Jugend spielt den Menschen gerne Streiche. Nur noch einmal, wenn es um den deutschen Zeitschriftenmarkt geht, soll die Floskel bemüht werden: Denn dort war früher schon allein deswegen alles besser, weil es "Allegra" noch gegeben hat. Das beweist die Revivalausgabe, die seit heute am Kiosk liegt.

Inhalt

"Allegra" gilt als eine der Zeitschriftenikonen der 90er Jahre, als eigenwilliges Magazin mit mutigem Konzept, kontroversen Themen und schlauen Texten - eine Perle, die am Kiosk gescheitert ist. "Keine ausreichende wirtschaftliche Perspekte" hatte Axel Springer dem Blatt 2004 attestiert, bevor er es nach zehn Jahren und 123 Ausgaben vom Markt genommen hat. Heute könnte diese Aussage fast auch als Floskel durchgehen, so oft fällt sie derzeit im umkämpften Zeitschriftenmarkt.

Auch das Silicon Valley ist "Allegra"-Thema: wegen der Partnersuche
Auch das Silicon Valley ist "Allegra"-Thema: wegen der Partnersuche

Umso bemerkenswerter ist die Rückkehr des Titels gerade jetzt, auch wenn es laut Springer nur ein kurzer Besuch und die Revival- eine einmalige Sonderausgabe bleiben soll. ",Allegra' ist ein Statement", sagt Petra Kalb, Verlagsgeschäftsführerin im Axel Springer Mediahouse Berlin. Mit viel journalistischem Herzblut und Liebe zum Detail sei das Magazin entstanden, das "keine typische Frauenzeitschrift ist, aber Frauen und ihre Themen anspricht". Aber: Wollen das nicht alle anderen auch? Und gibt es überhaupt noch eine Lücke in der Nische, die "Allegra" heute besetzen könnte?

Wahrscheinlich gibt es sie mehr denn je. In Zeiten, in denen Leidenschaft kein Überlebenselixier für Journalisten mehr darstellt und es von jedem Titel gefühlt mindestens zwei Doppelgänger in den Regalen gibt, fallen all jene ins Auge, die auf den ersten Blick irgendetwas anders machen. Was genau, lässt sich meist gar nicht so genau definieren, sicherlich sind die Texte länger, die Perspektiven des Fotografen ungewöhnlicher, die Titel plakativer, die Gesichter ungeschminkter. In "Allegra" haben die Macher um die Redaktionsleiter Ulrike Morant und Joachim Hentschel zumindest qualitativ den richtigen Dreh gefunden. Denn plötzlich sind sie wieder da, die alten Tugenden, die eine Zeitschrift einst einmal haben sollte: frech, überraschend, mutig und kontrovers, in jeder einzelnen, ausführlich erzählten Geschichte - denn das alles ist die "Allegra" noch immer oder sogar noch viel mehr. Und im Zeitschriftenmarkt gibt es dafür noch genügend Platz.

Das aktuelle Heft

Politisches Statement: Der Text zum Wellenreiten in China
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Die Revivalausgabe umfasst 204 Seiten, die größtenteils einen Plan zu verfolgen scheinen: die Begeisterung am Lesen zurückzubringen. Während andere Titel im feinsten Internet- und Rushhour-Stil die kurzen Häppchen den etwas aufwendigeren, intelligenteren Lesestücken vorziehen, bietet "Allegra" in fünf Ressorts Reportagen, Fotostrecken und Autorenbeiträge, die vor allem mit Inhalt und Thema punkten. Für letztere war "Allegra" schon immer bekannt, und dieses Mal schreiben Alexa Henning von Lange und Benjamin von Stuckrad-Barre nach einer Dampferfahrt übereinander. Journalistin Paula Lambert macht sich Gedanken über Sex und Judith Holofernes über die Künstlerherberge Chelsea Hotel in New York. Der Report "Silicon Love" beschreibt die Partnersuche in der amerikanischen Technologiehochburg und das tunesische Model Hanaa Ben Abdesslem zeigt den neuen Ethno-Look.

Die Leser der seitenlangen Reportagen haben sich auch Modestrecken verdient
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Den Charme der kurz zurückgekehrten "Allegra" macht aber vor allem das "Best of" aus, in dem der Leser hemmungslos in Erinnerungen schwelgen darf - "es gab noch keine Bundeskanzlerin, keine Blogger und Brad Pitt war noch mit Gwyneth Paltrow liiert", trotzdem aber merkt, wie zeitgemäß der Titel selbst nach neunjähriger Abstinenz noch immer ist. Abtreibungen in Indien, der Kampf algerischer Journalistinnen für Meinungsfreiheit (1995), die Ausbeutung von Migrantinnen als Arbeitssklaven und - ebenfalls 1999 - der Trend bei jungen Autoren, "im Internet Tagebuch zu führen": nur Beispiele in einem Rückblick, der genauso gut das Inhaltsverzeichnis eines neu gelaunchten Titels sein könnte. Umso wichtiger ist am Ende der Lektüre deshalb die Frage, die 20 prominente Frauen im Dossier der vorliegenden Ausgabe stellen: "Und was kommt jetzt?"

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie aktuell. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In der Online-Kolumne "HORIZONT liest..." wühlt sich die Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Auflage

Die Druckauflage des "Allegra"-Revivals liegt bei 120.000 Exemplaren.

Zielgruppe

"Undogmatisch" beantworte man die Frage nach der Zielgruppe, hat Gründer und Chefredakteur Andreas Petzold schon im allerersten Editorial der "Allegra" 1995 geschrieben: "Die Leserinnen machen sowieso, was sie wollen. Ziehen an, was ihnen passt, haben ihren eigenen Stil. Ob sie nun 22 oder 32 sind, studieren, jobben oder heftig Karriere machen, ob sie aus dem Koffer leben oder in einem irre schicken Loft." Zwar beschreiben Petzolds Zeilen eine Zeit vor 20 Jahren - an Aktualität haben sie allerdings nichts eingebüßt. Deshalb spricht auch die Revivalausgabe all jene Frauen an, die gerne gut geschriebene Artikel lesen und sich nicht in die Schublade Fitness-Frisur-Familie einsortieren lassen mögen, die den anderen Blick auf bekannte Themen schätzen und bei der Masse an Frauentiteln die unangepassteren zu schätzen wissen.

Facts

Die Revival-Ausgabe der "Allegra" ist im Axel Springer Mediahouse Berlin erschienen. Der Copypreis liegt bei 4,90 Euro. kl
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