HORIZONT liest ... "Visions" Weil sich über Musikgeschmack hervorragend streiten lässt

Donnerstag, 20. Februar 2014
Die aktuelle Ausgabe der "Visions"
Die aktuelle Ausgabe der "Visions"

Es ist ja immer so eine Sache mit Fans. Engstirnig sind sie, intolerant, versessen ins Detail - um nur die harmloseren Eigenschaften zu nennen. Geht es um Musik, wird das Ganze noch schlimmer, weil sich über Geschmack bekanntlich am besten streiten lässt. Fundierte Argumente liefert seit den späten 80er Jahren die Zeitschrift "Visions". Weil es Künstler wie Frank Turner oder The Gaslight Anthem eben nicht geben würde, hätte der große Mike Ness nicht einst auf dem Social-Distortion-Album "Prison Bound" seine Liebe zu Country und Hillbilly ebenbürtig neben den Punkrock gestellt. Oder?

Inhalt

Auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt gilt "Visions" als Klassiker unter den Musiktiteln. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf Independent- und Alternative-Rock, doch wenn die Redaktion um Chefredakteur Dennis Plauk in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum feiert, dröhnt sicherlich auch Heavy Metal, Hardcore, Britpop und Punkrock aus den Boxen. Die musikalische Offenheit - wenn auch vor allem innerhalb der Indie-Szene - zeichnet das Magazin seit seiner Gründung 1989 aus, und seit jeher verfolgen die Artikel den Ansatz, hintergründig zu informieren und Oberflächlichkeit zu vermeiden.

Der kultig verehrte Mike Ness und ein Überblick über sein Werk
Der kultig verehrte Mike Ness und ein Überblick über sein Werk

Dabei stellt "Visions" monatlich unter Beweis, dass in der Zeitschrift noch immer recht viel von dem Fanzine steckt, das Gründer Daniel Oeding Ende der 80er Jahre in einer gedruckten Auflage von 300 Exemplaren verteilt hat. Akribisch befasst sich die Redaktion regelmäßig mit Newcomern und Aufsteigern, mit CD- und Plattenrezensionen, gibt Film- und Literaturtipps und berichtet von Konzertbesuchen der letzten Wochen. Im Laufe der Jahre sind die Seiten bunter geworden, die Bilder größer, das Layout abwechslungsreicher. Vom Häppchenjournalismus ist der Titel dennoch meilenweit entfernt, und wer nicht bereit ist, eine gänzlich unillustrierte, 200 Zeilen starke Seite über die Band Mogwai und deren achtes Album zu lesen, gehört nicht zur Zielgruppe.

Das aktuelle Heft

"It's sabotage": Nicht ohne Grund heißt das Editorial der Februar-Ausgabe genau wie der Klassiker der Beastie Boys. Ging doch während der Produktion des aktuellen Heftes so ziemlich alles schief, was schief gehen konnte. Zuerst der Autounfall der Grafikerin, dann der Crash des Redaktionslaufwerks, ein misslungenes Titelshooting: Längst nicht alle Beispiele, wie "Visions"-Chefredakteur Plauk dem Leser einleitend mit einem Augenzwinkern mitteilt.

Immerhin ist am Ende doch alles gut gegangen, wie die vorliegende Ausgabe beweist. Über fünf Seiten erstreckt sich beispielsweise die Titelgeschichte über die amerikanische Band Against Me!, in der Britta Helm den Bogen über die Geschichte der seit 16 Jahren existierenden Combo, die Transsexualität der Sängerin Laura Jane Grace und das neue Album schlägt. Interessant: Zusätzlich zu ihrem lesenswerten Portrait verweist die Autorin auf ein Special auf Visions.de, in dem der Titel auf mehreren Seiten das Thema Transgender in der Musik beleuchtet.

Gut Ding will Weile haben: der "Visions"-Jahresrückblick 2013
Gut Ding will Weile haben: der "Visions"-Jahresrückblick 2013

Zentraler Kern der Februar-Ausgabe ist allerdings der Jahresrückblick, dessen Erscheinen unter anderem wegen der 250. Jubiläumsausgabe im Januar nach hinten gerückt ist. Doch wie schreibt "Visions" selbst: "Es ist wie mit den Weihnachtsplätzchen: Die einen denken schon ab September an nichts anderes mehr, ärgern sich darüber und sind dann doch mit dabei, während die anderen erst mal abwarten und dann anfangen zu horten, zu sammeln und auszulesen." Das Ergebnis ist eine gute Mischung aus einordnendem Journalismus - André Bosse etwa schreibt über die Entwicklung im Streaming-Bereich, Christian Wiensgol über die Situation türkischer Konzertveranstalter nach den Unruhen im Istanbuler Gezi-Park - und diversen Charts. Die von der Redaktion gekürten 50 Platten des Jahres 2013 werden ergänzt durch die Einordnung der Leser, die wiederum frische Themenhinweise und Diskussionsgrundlagen für die kommenden Monate liefern. Denn ob "I appear missing" von Queens of the Stone Age Song des Jahres war, darüber lässt sich nun aber wirklich streiten.

Auflage

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie aktuell. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In der Online-Kolumne "HORIZONT liest..." wühlt sich die Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Wie viele andere Musikzeitschriften auch bekommt "Visions" sowohl die Krise der Musikindustrie als auch die der Printbranche zu spüren. Im 4. Quartal 2013 liegt die Auflage bei 28.169 Exemplaren, das sind rund 14,5 Prozent weniger als im Vorjahresquartal (IV/2012: 32.937 Exemplare). Allerdings vermeldet die IVW im Einzelverkauf 17.507 Exemplare und damit ein riesiges Plus von 173,5 Prozent im Vergleich zum 4. Quartal 2012 (6401 Exemplare). Die Abozahlen bewegen sich relativ konstant zwischen 9000 und 10.000 Stück, aktuell sind es 9342 Abonnenten im Vergleich zu 9669 im 4. Quartal 2012.

Zielgruppe

Laut Mediadaten ist der klassische "Visions"-Leser zwischen 25 und 34 Jahre alt, zu 70 Prozent männlich, überdurchschnittlich gebildet und einkommensstark. Zentrale Motivation der Käufer ist - kaum überraschend - die Begeisterung für Musik. Das zeigen auch folgende Zahlen: 46 Prozent lesen das Magazin vom ersten bis zum letzten Wort, stattliche 81 Prozent archivieren jedes einzelne Heft.

Facts

"Visions" erscheint monatlich im Dortmunder Visions Verlag. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet laut Preisliste 7890 Euro. Der Copypreis liegt bei 5,50 Euro. Liegen einer Ausgabe zwei CDs statt wie üblich eine bei, werden 6,90 Euro fällig. kl

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