HORIZONT liest ... "Titanic" Texte für Anarchisten und Menschen, die Wurst mögen

Donnerstag, 10. Oktober 2013
Die aktuelle Ausgabe
Die aktuelle Ausgabe

Womöglich markiert der Wurstkoffer die Grenze. Eine, die darüber entscheidet, wer die "Titanic" mag oder nicht. So wie es auch bei Helge Schneider ist, und bei Ursula von der Leyen sowieso. Liebe oder Hass - so einfach. Wem also das Speck- und Sülzensortiment, das es vom Anzeigenmotiv mittlerweile auch auf Postkarten geschafft hat, Appetit auf ein Heft macht, das seit mehr als 30 Jahren die Grenzen des guten Geschmacks auslotet, überschreitet und dann noch einmal kräftig mit Chili bestreut, der liebt die "Titanic", das endgültige Satiremagazin. Für immer.

Inhalt

Die "Titanic" ist eine deutsche Institution. 1979 von ehemaligen Mitarbeitern des Satiremagazins "Pardon" gegründet, galt das Magazin damals vor allem als Stimme der sogenannten Neuen Frankfurter Schule. Der Name orientiert sich an der von Theodor Adorno und Max Horkheimer begründeten Frankfurter Schule, aus der in den 30er Jahren die Kritische Theorie der Gesellschaft hervorging. Herrschaft und Unterdrückung, Ideologie und Aufklärung: Der Bezug der beiden Schulen zueinander ist dabei nicht ausschließlich satirisch zu verstehen. Der kritische Kern, der Horkheimers und Adornos Analysen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft prägt, kommt auch in der "Titanic" zum Vorschein. Mit politischer Satire, die sich mit ernstem Hintergrund über die Gesellschaft lustig macht, einem anarchischen Kern und jeder Menge Ärger, der gleichwohl eine Art Mythos begründet.

Seit der Gründung des Heftes stritt die " Titanic" in mehreren Gerichtsverfahren, unterschrieb diverse einstweilige Verfügungen und Unterlassungserklärungen. Die Ausgabe beispielsweise, die anlässlich der Jagd auf den sogenannten Problembär Bruno den damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck mit dem Untertitel "Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab" zeigt, darf nicht mehr nachgedruckt werden. Dass Satire, wie von Kurt Tucholsky im Jahr 1919 behauptet, alles darf, stimmt in Deutschland dementsprechend nicht.

Analyse zur Bundestagswahl
Analyse zur Bundestagswahl

Weniger aggressiv macht das die Redaktion um den derzeit noch amtierenden Chefredakteur Leo Fischer (er wird in den nächsten Tagen von Tim Wolff abgelöst) nicht, im Gegenteil. Ein Lacher folgt auf den nächsten, selbst wenn der vorherige noch im Halse steckt. Was dabei immer geht: aktuelle Bundeskanzler, der Vatikan oder Adolf Hitler - Herrschaft und Unterdrückung, Sünden und Sauereien findet die "Titanic" überall.

Das aktuelle Heft

"Von Raute, Hitlergruß & Co - Powergesten für den Alltag" über "NSA, GCHQ, BND - Die besten Hörgeräte" bis hin zu "Gehirnjogging: 10 Sekunden täglich genügen": Auch die Titelseite der aktuellen Oktober-Ausgabe hält für den Leser diverse Tipps parat, und das nicht ohne Grund. Von der Redaktion als "Pflichtblatt für Muskelkatzen" deklariert und optisch einer "Fit for fun" nicht unähnlich, lässt das Magazin gleich auf dem Cover keinen Zweifel daran aufkommen, wer das amtierende Fitnessvorbild dieser Tage ist: Angela Merkel.

Luxus-Geistlicher T-Bartz van E. im großen "Titanic"-Interview
Luxus-Geistlicher T-Bartz van E. im großen "Titanic"-Interview

In der Analyse der wichtigsten Wählerwanderungen gibt die Redaktion dementsprechend alles, untersucht die Trends des Wahlabends und prüft das Wählerverhalten hinsichtlich Ort der Abstimmung, Telefonnummern und dem Energiebedarf des neuen Bundestages. Zur bayrischen CSU beispielsweise heißt es: "360.000 Ex-CSU-Wähler marschierten im Wahlmorgengrauen los, finster entschlossen, dieses Mal wirklich NSDAP zu wählen. Die Hälfte von ihnen fiel kurz vor Stalingrad unangenehm auf, die andere Hälfte wurde von den Westalliierten gezwungen, das kleiner Übel zu wählen (AfD)." Und? Was halten Sie eigentlich vom Wurstkoffer?

Neben der aktuellen Bundespolitik ist noch ein Thema nahezu prädestiniert, die "Titanic" zum Ortstermin zu rufen: der umstrittene Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst samt seinem Prachtbau. Vor Ort trifft Michael Ziegelwagner den Luxus-Geistlichen T-Bartz Van E., zum Interview und zeigt ihn stilecht abgelichtet vor Michelangelo-Graffiti. "Sein neuer Bischofssitz ist gerade für amtliche 20 Trillionen Euro fertig geworden, mit seinen Neidern gab's deswegen ordentlich Beef. ,Alles Spießer', pariert der umstrittene Gangsta-Katholik und lädt rotzfrech zur Churchwarming-Party."

"Titanic"-Klassiker Rattelschneck
"Titanic"-Klassiker Rattelschneck

Weitere Lesetipps: Das redaktionelle Special "55ff Die guten Seiten" zum Thema Heilung, der "Titanic"-Selbstversuch mit dem Nervengas Sarin und der Themenschwerpunkt Fracking, wenig freundlich illustriert an der Stadt Bad Hersfeld ("An einem trüben Donnerstagmittag speit uns der Zug in das Elend, das Bad Hersfeld heißt. (...) Die dominierende Farbe Bad Hersfelds ist grau. Grauer Himmel, graue Häuser, graugrüne Menschenleiber - personell wie strukturell wirkt die Stadt völlig vergreist, verrentet fast.") Die "Titanic" selbst wird zwischen solchen Texten vor allem durch Karikaturen und Comics bunt, die dafür sorgen, dass die nach oben gezogenen Wundwinkel nicht abrutschen.

Auflage

Bei der Auflagenstatistik der IVW ist die "Titanic" nicht gelistet, eigenen Angaben zufolge lesen 20.000 Abonnenten das Magazin monatlich. Die Druckauflage liegt bei knapp 100.000 Exemplaren.

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Zielgruppe

Wer über die Eigenanzeige "Verwesung nervt - Ein Titanic-Abo schützt" mit einer in "Titanic"-Cover gehüllten Mumie lachen kann und zudem den "Deutschlandführer für Asylanten" humoristisch brauchbar findet, der Beate Zschäpe als Streetworkerin ausweist, der ist in der "Titanic"-Zielgruppe recht gut aufgehoben. Geschätzt besteht diese wohl vor allem aus einem Pool vorwiegend männlicher, linksorientierter Intellektueller, die glauben, in der Lage zu sein, die satirischen Parodien mit all ihren Untertönen und Feinheiten zu verstehen. Marktforschung oder Leseranalysen gibt es nicht.

Facts

"Titanic" erscheint monatlich im Berliner Titanic Verlag, Redaktionssitz ist Frankfurt am Main. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet 2800 Euro (sw) beziehungsweise 4500 Euro (4c) - so steht es zumindest in der Preisliste: Bis auf wenige Ausnahmen enthält das Satireblatt so gut wie keine Anzeigen. Der Copypreis liegt bei 4 Euro. kl

Auch in der "Titanic" bekommen tiefgründige Analysen ihren Platz
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