HORIZONT liest ... "The European" Print ist tot - lang lebe Print!

Donnerstag, 08. Mai 2014
Die aktuelle Ausgabe
Die aktuelle Ausgabe

Bekanntlich sagen Taten mehr als Worte. Im deutschen Zeitschriftenmarkt, in dem Worte immerhin eine recht zentrale Rolle spielen, hat das vor zwei Jahren "The European" gezeigt. Allen Unkenrufen zum Trotz brachten die Macher des Onlinemagazins damals ihre Inhalte erstmals auch als Printmagazin an den Kiosk - und untermauerten damit wohl mehr als viele andere die Stärken des Mediums.

Inhalt

Meinung statt Meldung: Diesen Grundsatz hat sich "The European" auf seine Fahnen geschrieben. Ein Debattenmagazin möchte die Zeitschrift sein, eine Plattform für unterschiedliche Einschätzungen, Kommentare und Sichtweisen internationaler Experten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Der Diskurs, der gleichberechtigte Austausch widersprüchlicher Meinungen, ist für die Macher um Herausgeber und Chefredakteur Alexander Görlach nicht nur Markenkern, er ist auch wesentliches Merkmal der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte deshalb auch der Name "The European".

Eine typische Seite im Debattenmagazin: Text, Autor, Meinung
Eine typische Seite im Debattenmagazin: Text, Autor, Meinung

Der Titel startete im Jahr 2009 als reines Onlinemagazin, erst seit September 2012 gibt es "The European" in gedruckter Form. Der Weg aus der Welt des Internets in die klassische Heimat des Journalismus, den Kiosk, wirkte ungewöhnlich in einer Zeit, in der verkaufte Auflagen wegbrechen wie schmelzende Gletscherstücke. Doch in Berlin waren es die sonst abtrünnigen Printleser selbst, die nach einer gedruckten Ausgabe begehrten, die die komplizierten Debatten aus dem Netz zum Mitnehmen und Nachlesen am Wochenende wollten. Mit dem Fokus auf lange, meinungsstarke Texte gelingt "The European" dabei genau das, was auch Titel wie "Die Zeit" souverän über Wasser hält: Er liefert Hintergründe, ordnet ein und bietet Interpretationsvorschläge für die Nachrichtenflut, die das World Wide Web täglich in den Alltag der Menschen schwemmt. Ein Urteil muss sich der Leser im Anschluss selbst bilden. Dass es ein möglichst fundiertes ist, dafür will "The European" sorgen.

Das aktuelle Heft

Schon alles einmal gelesen zum Thema Liebe? "The European" beweist das Gegenteil
Schon alles einmal gelesen zum Thema Liebe? "The European" beweist das Gegenteil

"Glauben Sie noch an die Liebe?" Diese Frage stellt nicht nur Chefredakteur Görlach den Lesern und sich selbst in seinem Editorial (das übrigens auf der letzten, nicht auf der ersten Seite des Heftes erscheint), sie beherrscht auch den thematischen Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe. Acht Autoren - Soziologen, Philosophen und Kommunikationswissenschaftler - debattieren auf knapp 20 Seiten über "das stärkste Gefühl der Welt" - mit Herzblut, aber ganz ohne Beziehungs- oder Trennungstipps. "Nirgends gibt es mehr Unglück und mehr katastrophale soziale Verläufe als in unglücklichen Liebesbeziehungen, scheiternden Ehen und zerrütteten Familien", schreibt beispielsweise die Soziologin Barbara Kuchler und analysiert: "All dies gehört zu den Risiken und Folgeschäden der modernen Gesellschaft - genauso wie etwa die regelmäßigen Wirtschafts- und Finanzkrisen einer ausdifferenzierten Geldwirtschaft. Die hohe Zahl von Enttäuschungen und Trennungen hängt systematisch mit dem Vorherrschen des romantischen Liebeskonzepts zusammen." Die Verklärung der Liebe in Romanen und Filmen führe letztlich dazu, dass Menschen fast zwangsläufig von ihren eigenen Beziehungen enttäuscht sind.

Neurowissenschaftler Andreas Bartels wiederum beschreibt Liebe als die "gleichzeitige Ausschüttung der Neurohormone Oxytocin und Arginin-Vasopressin, zusammen mit Dopamin", welche wiederum zu einem Lernprozess im Kern des Belohnungssystems des Gehirns führt. Und Wilhelm Schmidt, der Philosophie an der Universität Erfurt lehrt, schreibt: "Wenn ich auf einen einzigen Nenner bringen soll, was ich in den vielen Jahren der Arbeit über die Liebe gelernt habe, dann dies: Dass sie unter Bedingungen der modernen Zeit auf ein großes Wohlwollen angewiesen ist, das zwei einander entgegenbringen, sonst geht gar nichts mehr."

Eine etwas andere Form der Vorberichterstattung zur Fußball-WM
Eine etwas andere Form der Vorberichterstattung zur Fußball-WM

Weitere lesenswerte Debatten im aktuellen Heft: die über die Wirtschaft des Teilens und die zur gegenwärtigen Lage des Kommunismus, das Gedankenexperiment über deutsche Masseneinwanderung in die Türkei oder den Blick auf soziale Medien im Wandel der Zeit - mit "Beiträgen" von Wladimir Bukowski ("Wie sich Witze in der Sowjetunion verbreiteten") und Albrecht Dürer ("Virale Verbreitung im 16. Jahrhundert").

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie aktuell. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In der Online-Kolumne "HORIZONT liest..." wühlt sich die Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Auflage

"The European" ist nicht in der IVW-Statistik erfasst. Der Verlag vermeldet eine Auflage von 50.000 Exemplaren, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertrieben wird.

Zielgruppe

Die Zeitschrift kommt aus dem Netz, dementsprechend online-affin ist seine Leserschaft. Für das Heft birgt das eine Chance: Die dort zentrale Debattenkultur ist der überwiegend männlichen Leserschaft bereits aus dem Internet bekannt, so wandern die Themen schnell vom Netz ins Heft und wieder zurück. Außerdem sind die "European"-Leser nach den Angaben der Macher mehrheitlich Meinungsmacher und Entscheidungsträger, vor allem aus den Bereichen Wirtschaft und Medien, im Alter zwischen 25 und 55 Jahren mit einem monatlichen Nettoeinkommen von mehr als 3000 Euro im Monat.

Facts

"The European" erscheint vierteljährlich in der The European Magazine Publishing GmbH, Berlin. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet laut Preisliste 9500 Euro. Der Copypreis liegt bei 8 Euro. kl

Ab und an schleicht sich auch eine Bilderseite zwischen die Debatten
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