HORIZONT liest ... "Musikexpress" Weil der wahre Kampf zwischen Hosen und Ärzten entschieden wird

Donnerstag, 01. August 2013
Das aktuelle Sonderheft
Das aktuelle Sonderheft

Während der Mega-Deal zwischen Axel Springer und der Funke Mediengruppe seit mittlerweile einer Woche die Medienwelt beschäftigt, werden die wirklich wichtigen Debatten in einem Blatt geführt, das immerhin auch weiterhin im Besitz des Berliner Verlages bleibt: im "Musikexpress". Die Toten Hosen oder Die Ärzte? Wer ist die größte, die beste, die am schönsten aussehendste Band Deutschlands, wenn nicht der ganzen Welt? Sich auf nicht weniger als 106 Seiten mit diesem Thema zu beschäftigen, zeugt von journalistischem Mut, vor allem aber ist es ein Indiz für die Begeisterungsfähigkeit eines Teams und die Liebe zur Musik.

Inhalt

Alles ist Pop - diese drei Wörter beschreiben seit 1971 die Welt des Musikexpress". Eine Welt, die nicht nur alternative mit kommerzieller Musik vereint, sondern sich in allen Bereichen des Heftes zwischen Rock'n'-Roll-Rebellion und gesellschaftlichem Mainstream bewegt. Das kann man den Machern um Chefredakteur Severin Mevissen vorwerfen, muss man aber nicht. Denn - dem glücklicherweise noch immer bunten Markt der Musikzeitschriften sei Dank - für die Freunde elektronischer Musik gibt es die "Intro", für die etwas intellektuelleren die "Spex", die "Visions" versorgt die Indiefans. Und weil ein derartiger Überblick meist sowieso nur Klischees enthält, lässt man ihn beim "Musikexpress" einfach weg. Hauptsache, es kracht.

Titelhelden der regulären "Musikexpress"-Ausgabe: "The Clash"
Titelhelden der regulären "Musikexpress"-Ausgabe: "The Clash"

Offiziell bietet das monatlich erscheinende Magazin deshalb einen soliden Einblick in Popkultur und Lifestyle, die Themen wandern vorbei an Mode, Design, Hightech, Kunst und Film und begegnen auf ihrem Weg einer Band nach der anderen. Da gibt es die 14 Seiten lange Coverstory über die 70er-Jahre-Punkrocker The Clash unmittelbar vor dem Artikel über das Berliner Elektronik-Trio Moderat, ein Interview mit Kultregisseur David Lynch, nachdem Smartphones unterschiedlicher Hersteller auf ihre Musik- und Videotauglichkeit getestet werden. Dazwischen die unabkömmlichen Basics für den Musikfan: Plattenrezensionen, die Neuerscheinungsbewertung der Redaktion samt der wunderbaren Kolumnen von Davide Bortot (Hip Hop), Albert Koch (Elektro) und Dirk Peitz (Pop) sowie Buch- und Filmtipps.

Das aktuelle (Sonder-)Heft

Der junge Farin Urlaub (l.) - und die jungen Toten Hosen
Der junge Farin Urlaub (l.) - und die jungen Toten Hosen

Ja, man muss Punkrock mögen und ihn verteidigen können, wenn man die aktuellen Ausgaben des Musikexpress gut finden will. Mögen, weil sich die aktuelle reguläre Nummer im Schwerpunkt mit The Clash beschäftigt, einer der wichtigsten und - laut "Musikexpress" - besten Punkrockbands aller Zeiten. Verteidigen, weil es im Sonderheft um Die Toten Hosen und Die Ärzte geht. Bands, deren Fans sich bei der Frage nach dem Punkgehalt der jeweiligen Songs die Haare raufen, diesen aber mindestens genauso inbrünstig verteidigen können. Und Bands, zu denen fast jeder Musik-Interessierte eine Verbindung hat und zumindest einen Song mitsingen kann, wenn auch unfreiwillig. Spätestens jedoch nach der Lektüre des 106 Seiten starken Sonderheftes.

Wir geben Redaktionsleiter Oliver Götz zumindest Recht, wenn er sagt: "Die beiden Bands gehören einfach zum Größten, was die jüngere deutsche Musikgeschichte hervorgebracht hat. Ihre Songs, ihre Auftritte, aber auch ihre Konkurrenz und Kämpfe, sind legendär. Wir haben uns gedacht: Genug Stoff für ein eigenes Magazin." Beispiele? Es gibt ein exklusives Interview mit den Ärzten, 14 Seiten Fotogalerie mit seltenen Aufnahmen der Bands aus Düsseldorf und Berlin, Lobeshymnen von Martin Vandreier (alias Doktor Renz von Fettes Brot) und Thees Uhlmann sowie essentielle statistische Daten. Veröffentlichte Songs? Hosen: 301, Ärzte: 310; Konzerte in einer Höhe über 2000 Meter über dem Meeresspiegel? Hosen: 4, Ärzte: 0; Songtitel, in denen das Wort "Punk" vorkommt? Hosen: 1, Ärzte: 7; Pseudonyme? Hosen: 15 (Tangobrüder, Die Gewissen Extras), Ärzte: 10 (Die Ulkigen Pulkigen, Die Geilen Greise). Und so weiter, und so fort - bei 30 Jahren Bandgeschichte freut sich die Informationsgesellschaft.

Fleißige Recherche in den Tiefen der Bands
Fleißige Recherche in den Tiefen der Bands

Und wer sich nach mehr als 100 prall gefüllten Seiten dann doch die Frage aller Fragen - Ärzte oder Hosen - stellt, dem empfiehlt die Redaktion einen Blick in die Fan-Foren des Internets (das sich laut Redaktion selbstverständlich nicht mit dem gedruckten Sonderheft vergleichen lässt). Vielleicht lohnt aber auch ein Anruf bei der Springer-Redaktion. Dort hat es dem Vernehmen nach im Intranet sogar eine Abstimmung zur Frage gegeben.

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Auflage

Die verkaufte Auflage des "Musikexpress" bewegt sich seit 2009 relativ konstant im Bereich der 50.000 verkauften Exemplare. Aktuell (IVW II/2013) liegt die Zahl bei 50.744 Stück (siehe auch Ausweisung im Mediaradar). Wesentlich sentimentaler werden die Töne dagegen bei den Einzelverkäufen, die im 2. Quartal 2013 im Vergleich zum Vorjahr erneut um rund 36 Prozent auf momentan 8836 Stück eingebrochen sind (II/2012: 13.880). Und auch die Abozahlen verdeutlichen die schwierige Situation des Titels zwischen angespannter Musikindustrie und schwächelnder Printbranche: Hier vermeldet die IVW 6980 Stück, im 2. Quartal 2012 waren es noch 7653, 2009 noch über 8000 abonnierte Exemplare.

Zielgruppe

Laut Mediadaten schreiben die "Musikexpress"-Redakteure "für den trendbewussten Meinungsführer unter den jungen erwachsenen Musikfans". Die Leser seien aufgeschlossen und leicht entflammbar für neue Trends - hängen offenbar aber auch an den Wurzeln ihrer jeweiligen musikalischen Laufbahn, worauf die aktuellen Titel zur Punkrocklegende The Clash beziehungsweise das Sonderheft-Duell zwischen Hosen und Ärzten schließen lassen.

Facts

Der "Musikexpress" erscheint monatlich neben den Musiktiteln "Rolling Stone", "Me.Style" und "Metal Hammer" im Axel Springer Mediahouse Berlin, einer 100-prozentigen Tochtergesellschaft des Verlags Axel Springer. Sie ist seit 2009 an die Welt-Gruppe angegliedert und nicht im Verkaufspaket an die Funke Gruppe enthalten. Eine 1/1-Anzeigenseite im Musikexpress" kostet laut Preisliste 9400 Euro. Der Copypreis liegt bei 5,90 Euro (inklusive CD), das Sonderheft kostet 8,90 Euro. kl

Den Clinch zwischen Farin Urlaub und Campino gibt es auch als Poster
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