HORIZONT liest ... "Fräulein" Alles andere als damenhaft

Donnerstag, 13. Februar 2014
Die aktuelle Ausgabe
Die aktuelle Ausgabe

Wer Wohlfühlrezepte für kalte Wintertage oder die schönsten Kleider für den Frühling sucht, sollte jetzt nicht weiterlesen. Und eigentlich kann er auch "Fräulein" getrost im Kioskregal stehen lassen. Vielleicht gerade aber auch nicht: Denn das Magazin zeigt in der exklusiven Nische des guten Geschmacks, was eine Frauenzeitschrift außer einer austauschbaren Sammlung von Mode-, Beauty- und Sextipps noch alles sein kann. Diskursiv, authentisch und voller Stil - und alles andere als damenhaft.

Inhalt

"Fräulein" ist ein Magazin, das sich auf das Detail konzentriert, und gerade dadurch wirkt es wohl immer ein bisschen emotionaler und authentischer als die Masse der konkurrierenden Titel. Jede Ausgabe ist einem anderen Fräulein gewidmet. Und diese sind alles andere als altmodisch, sollte das der Titel suggerieren: Alle Frauen, die in dem Berliner Magazin portraitiert werden, haben etwas Besonderes geleistet oder sind dabei, die Welt zu verändern.

Einblicke ins Leben von Rainer Judd
Einblicke ins Leben von Rainer Judd

Durch eine persönliche Fotostrecke auf der ersten Doppelseite des Heftes, die mit privaten Bildern und handgeschriebenen Kommentaren versehen werden, kommt der Leser den jeweiligen Persönlichkeiten dabei ungewöhnlich nahe.

Der wichtigste Bestandteil von "Fräulein" ist die Mode: Umfangreiche Stilseiten folgen auf opulente Fashionstrecken, es gibt ausführliche Interviews mit den wichtigsten Modemachern unserer Zeit sowie umfassende Portraits stilbildender Marken. Künstlerische Collagen aus Beautyprodukten und wilde Malereien mit Nagellacken ergänzen tiefgründing recherchierte Reportagen preisgekrönter Journalisten und Fotografen, die emotionale Geschichten von einem Leben jenseits des behüteten Alltags erzählen. Dem Anspruch von Magazinmacher Götz Offergeld, unter anderem auch Chefredakteur des Luxus-Männertitels "L'Officiel Hommes", ein serviceorientiertes Blatt zu machen, das gleichzeitig auch cool ist, wird sein "Fräulein" mehr als gerecht.

Das aktuelle Heft

Modestrecke auf "Fräulein"-Art
Modestrecke auf "Fräulein"-Art

Das Selbstverständnis "Fräuleins" skizziert Offergeld im Editorial der aktuellen Ausgabe so: ",Fräulein' ist ein Independent-Magazin. Wir sind stolz auf unsere Unabhängigkeit und wollen weiter genau die Geschichten und Biografien erzählen, die uns wichtig sind." Die Story über die New Yorkerin Schauspielerin und Autorin Rainer Judd etwa, die das Werk ihres Vaters an der Spitze der Judd Foundation fortsetzt und sich für Kunst und künstlerische Bildung stark macht, ziert den Titel, und auf den folgenden persönlichen Bildern bekommt der Leser tatsächlich eine vage Vorstellung vom Privatleben der Künstlerin.

Überhaupt zeigt das aktuelle Heft die Stärke der regelmäßigen Rubriken. Als "Legende" portraitiert Lorenz Schröter Judith Malina, die Gründerin des Living Theatre, eine der wichtigsten Off-Broadway-Institutionen. Das - ebenfalls immer wiederkehrende - Schnittmuster stammt diesmal von Zac Posen, das Autorin Sina Braetz so beschreibt: "Für uns brach er die dreidimensionale Kunst seiner Kleider herunter auf ein beeindruckendes Schnittmuster, das sicher nichts für Laien ist. Dafür vermittelt es aber einen Eindruck, wie aufwändig ein solches Stück entsteht."

Für alle, die sich einmal selbst an einem Zac-Posen-Kleid versuchen möchten: das Schnittmuster
Für alle, die sich einmal selbst an einem Zac-Posen-Kleid versuchen möchten: das Schnittmuster

Und weil hier fast jede andere Geschichte auch erwähnenswert wäre - etwa die über das Gespräch mit der japanischen Bondagekünstlerin Coco Katsura oder die über das immer erfolgreicher werdende Medienunternehmen Vice -, an dieser Stelle nur noch ein Verweis auf ein richtiges Schmankerl: der Essay "Hört auf zu naschen!" von Willy Katz. Darin beschreibt der Autor unter anderem die App "AOK mobil vital", die die eigenen sportlichen Aktivitäten aufzeichnet und auf die Gesundheitsplattform der Krankenkasse überträgt: "Noch vor kurzem hätte man sich bei zunehmendem Übergewicht Laufschuhe gekauft. Oder ein Abo für das Fitnessstudio. Man wäre nicht joggen gegangen, wäre nach dem ersten Krafttraining und der so wunderbaren Zigarette danach wieder zu Hause auf dem Sofa geblieben und hätte Kochprogramme geschaut, Nicht so mit der AOK. Immerhin ist Gesundheit ein Investment und ,Un'-Gesundheit ein Kostenfaktor. Und da hört bekanntlich der Spaß auf."

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie aktuell. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In der Online-Kolumne "HORIZONT liest..." wühlt sich die Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Auflage

Die Auflage von "Fräulein" wird nicht in der IVW-Statistik erfasst, laut Verlag werden pro Ausgabe 100.000 Exemplare gedruckt.

Zielgruppe

Der nicht ganz moderne Name der Zeitschrift hat nichts mit dem Alter der Leser zu tun. Vor allem Frauen zwischen 25 und 44 Jahren schätzen die etwas andere Unterhaltung in "Fräulein". Die meisten von ihnen, 36 Prozent, leben übrigens in Berlin, das zeigt zumindest die geographische Anordnung der Zielgruppe. Stark ist das Heft aber auch unter gebildeten, karriereorientierten und anspruchsvollen Münchnern (18 Prozent) und Hamburgern (15 Prozent) vertreten. Und - das betonen die Macher explizit - auch Männer finden ihren Platz und stellen immerhin 25 Prozent der Leserschaft.

Facts

"Fräulein" erscheint viermal jährlich im Off One's Rocker Verlag mit Redaktionssitz in Berlin. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet laut Preisliste 11.500 Euro. Der Copypreis liegt bei 2,90 Euro. kl

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