HORIZONT liest ... "Blonde" Wie aus einem "e" zu viel ein Modemädchen wird

Mittwoch, 02. Oktober 2013
Mit Schneewittchen auf dem Cover: Die "Blonde" 05/2013
Mit Schneewittchen auf dem Cover: Die "Blonde" 05/2013

"Blond" ist tot, es lebe "Blonde"! Über viele Jahre hinweg erschien das Lifestyle-Magazin "Blond" als selbstironischer, manchmal zynischer und stets unterhaltsamer Titel im Hamburger Verlag B&D, ohne dabei auf eine geschlechtsspezifische Leserschaft zu schielen. Seit 2009 gibt es den Nachfolger "Blonde" - der zwar ebenfalls unter Herausgeber Wolfgang Block erscheint und seinen zum Verwechseln ähnlichen Titel wohl nicht grundlos trägt, ansonsten aber thematisch wenig mit dem bekannten Vorgänger gemeinsam hat. Seit nunmehr 22 Ausgaben heißt es deswegen: Herzlichen Glückwunsch - Es ist ein Modemädchen!

Inhalt

Der Untertitel von "Blonde" mit "e" umschreibt die Zielgruppe schon ziemlich treffend. Junge, modeinteressierte Frauen will man ansprechen. Modemädchen eben. Ganz wichtig ist es dem Magazin dabei, sich von der Masse an wöchentlichen und zweiwöchentlichen Lifestyle-Titeln absetzen. Das gelingt den beiden Chefredakteurinnen Anna Baur und Turid Reinicke bereits durch die Optik: Auf dem Cover finden sich keine Glitzer-Stars aus Hollywood, sondern fantasievoll fotografierte Models aus den Modestrecken im Heft. Nach ungewöhnlich wenigen Seiten Werbung verweist das Inhaltsverzeichnis auf die Rubriken, denen sich das vorwiegend weibliche Redaktionsteam widmet: Im "Radar" zeigen die Autorinnen Ideen oder Shops, die sie selbst gut finden - inklusive unverblümter Hinweise darauf, wo die Dienstleistungen und Produkte zu erwerben sind. In den Rubriken "Style" und "Beauty" inszeniert "Blonde" Trends und Stil-Inspirationen abseits der Laufstege. Hinzu kommen die Rubriken "Culture", in dem Interviews und bunte Geschichten zu Hause sind, sowie "Movement" - hier gibt es grob gesagt alles, was sich außerhalb der "Blonde"-Redaktionsräume abspielt.

Das aktuelle Heft

Jede "Blonde"-Ausgabe steht unter einem thematischen Schwerpunkt - diesmal hat sich das Magazin im "Fairytale Issue" ganz und gar dem Thema Märchen verschrieben. Und dieser rote Faden zieht sich konsequent durch das Heft, angefangen beim Editorial, in dem die beiden Chef-Schreiberinnen selbst Porträt stehen, und der Vorstellung der aktuellen "Miss Blonde": Queen Elisabeth II.

Fotograf Reno Mezger inszeniert seine Models als Märchen- und Disneyfiguren
Fotograf Reno Mezger inszeniert seine Models als Märchen- und Disneyfiguren
Die Stärken der "Blonde" zeigen sich vor allem im optischen Bereich - zu kurz sind in der ersten Hefthälfte bisweilen die Texte. Richtig blätternswert wird das Heft auch für Nicht-Modemädchen dann, wenn die Fotografen und Art Direktoren ihre Finger im Spiel haben. In der großartigen Fotostrecke "Es war einmal" inszeniert der Hamburger Mode-Fotograf Reno Mezger seine Models als Prinzessinnen und Märchenfiguren, darunter Arielle, Aschenputtel oder Pocahontas. Schneewittchen hat es sogar bis auf das Cover geschafft. Ebenso sehenswert: Die faszinierenden Bilder von Fotografin Marlen Stahlhuth zum Thema "The last unicorn". Schon beim Durchblättern der Fotostrecke macht sich der gleichnamige Ohrwurm der Band America im Kopf breit - da passt es doch umso besser, dass die Redaktion als Gimmick gleich ein Einhorn-Poster im DIN-A-2-Format beigelegt hat.

Sprachlich lesenswert ist "Blonde" dann, wenn sie über die bloße Empfehlung von Produkten und die etwas schmallippigen Interviews hinausgeht. Immerhin zeigt sich auch hier der rote Märchenfaden - das Musiker Macklemore nach seinem Lieblingsmärchen gefragt "Hans und die Bohnenranke" und sein Produzenten-Kollege Ryan Lewis "James und der Riesenpfirsich" antworten, zeigt, dass die beiden Chart-Stürmer nicht gerade mit Märchen aus dem Hause Grimm sozialisiert worden sind.

Die unverblümte Abrechnung mit den Böswichten unsere Zeit von Agi Habryka
Die unverblümte Abrechnung mit den Böswichten unsere Zeit von Agi Habryka
Unterhaltsam und vor allem bitterböse ist der Artikel "Düstere Legenden" von Agi Habryka, die schon für Vorgänger "Blond" am Werk war. Die Autorin porträtiert aktuelle Bösewichte in Fantasy-Filmen und lässt vor allem an deren schauspielerische Interpretation kein gutes Haar. So heißt es über Angelina Jolie, die in der neuen Dornröschen-Verfilmung von Robert Stromberg die böse Hexe Malefiz spielt:

"Sie ist nicht gut. Das wollte sie nie sein. Und mal ganz ehrlich: Die Gutmensch-Rolle der neuen Jolie, die "InTouch" & Co. uns verkaufen wollen, die nehmen wir der einstigen Blut-im-Röhrchen-als-Kette-Trägerin auch nicht so recht ab. [...] In Wahrheit glauben wir an Vampirismus. Was sonst wäre für ihre alterslose Optik verantwortlich, für diese fast schon unheimliche Aura, ihren Sex-Appeal, der ausnahmslos alle Männer sich die Lippen belecken lässt, und ihren Ultra-Astral-Überkörper, der sogar auf Brüste verzichten kann?"

Geschlossen wird das Blonde-Märchenbuch mit einem Porträt über das Reiseziel Irland, erneut ganz im Sinne des Issue-Themas und, tatsächlich, mit Lars Jacobson von einem Mann geschrieben. Ein guter Abschluss für "Blonde", das in Extravaganz und Eigensinnigkeit seinem Vorgänger in nicht nach steht - ihm textlich aber auch nichts voraus hat. Mit Ausnahme eines Buchstabens zu viel.

Der Ohrwurm lässt grüßen: "The last Unicorn" von Fotografin Marlen Stahlhuth
Der Ohrwurm lässt grüßen: "The last Unicorn" von Fotografin Marlen Stahlhuth

Auflage

"Blonde" ist nicht bei der IVW gemeldet - nach Angaben des Verlags beträgt die Druckauflage 55.000 Exemplare, die verkaufte Ausgabe belief sich im 4. Quartal 2012 auf 19.827 - aktuellere Angaben und Referenzen zu den Vorjahren gibt es leider nicht.

HORIZONT liest ..

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Zielgruppe

Die Leserschaft von "Blonde" ist schnell umrissen: Frauen, nach Verlagsangaben sogar zu 100 Prozent. Das "Modemädchen", das auch zum Untertitel des Magazins gehört, ist demnach zwischen 20 und 35 Jahre alt und interessiert sich insbesondere für Mode, Wohnen & Design und Kultur.

Facts

Herausgegeben wird "Blonde" von Pulse Publishing in Hamburg und erscheint im Zwei-Monats-Rhythmus. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet laut Preisliste 6500 Euro, der Copypreis liegt bei 3,50 Euro. fam
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