HORIZONT liest … "Capital" Schräge Seitenblicke in die Welt der Wirtschaft

Donnerstag, 03. April 2014
Das Cover der aktuellen Ausgabe von "Capital"
Das Cover der aktuellen Ausgabe von "Capital"

Um mal im Klischee zu bleiben: Als sich vor fast einem Jahr die "Capital"-Leser das Magazin von ihrer Sekretärin reichen ließen, dürften ihnen vor Schreck die Zigarren auf den Lackschuh gefallen sein. Nicht wiederzuerkennen war der einzig verbliebene große Wirtschaftstitel aus dem Hause Gruner + Jahr. "Capital" hatte sich komplett neu erfunden, sogar mit neuem Chefredakteur (Horst von Buttlar, zuvor Ressortleiter Agenda bei der "FTD"), neuem Team (frühere Berliner "FTD"-Redakteure) und neuer Produktionsstätte (Berlin). Hatte "Capital" früher über 50 Jahre lang mit konzeptioneller Beständigkeit Top-Entscheider und -Verdiener mit Finanz- und Anlegerjournalismus sowie mit Geschichten aus der Welt der Großkonzerne angesprochen, kommt der Traditionstitel seit einem Jahr daher als - ja, als was eigentlich?

Inhalt

Wirtschaftsmagazin? Lifestyle-Blatt? "Neon" für Wirtschaftsinteressierte, wie HORIZONT zum Neustart schrieb? Ein Unterhaltungs- und Orientierungsheft für reflektierte Leute, die ahnen, dass Wirtschaft mehr ist als Soll und Haben - dass sie nämlich unser Leben bestimmt? Ja, von allem etwas. "Wirtschaft ist Gesellschaft", so lautet seit einem Jahr der Untertitel. Eine kluge Perspektive, die die sonst in Wirtschaftsmagazinen üblichen Trennungen zwischen Unternehmens-, Volkswirtschafts- und Politikberichterstattung aufhebt. Stattdessen heißen die vier "Capital"-Ressorts ganz anders: Den Heftauftakt ("Start") bilden regelmäßige Kurzformate. Es folgen der Hauptteil ("Welt der Wirtschaft") mit großen Reportagen und Analysen sowie, drittens, die Lifestyle-Seiten ("Leben") mit etlichen Expertenkolumnen. Den Abschluss macht der unverzichtbare Anlageratgeber ("Invest") als eine Art Heft im Heft.

Natürlich, auch "Capital" liefert noch große Unternehmensberichterstattung - aber weniger auf die Tiefen der Bilanzen fixiert oder auf die Ränkespiele in den Chefetagen, sondern eher als Reportage angelegt. Wie tickt dieser CEO? Wie hat jenes Unternehmen den Turnaround geschafft - und was kann man daraus lernen? Besonderen Charme entwickelt "Capital" jedoch immer dann, wenn es die großen Themen anhand kleinerer Unternehmen oder gar etwas abseitiger Beispiele erzählt. Manchmal mit Augenwinkern zwischen den Zeilen wie einst bei der "FTD", manchmal auch mit ein bisschen Staunen. Und oft ebenso großzügig wie humorvoll bebildert. Überraschende Gedanken und gegen den Strich gebürstete Mainstream-Scheingewissheiten finden sich auch in den zahlreichen Rubriken und Kolumnen. Das alles zeigt: Auch schräge Blicke auf die Wirtschaft können zu geradlinigen Gedanken führen.

So empfiehlt sich "Capital" als Alternative für jene, denen bei der Lupenperspektive des "Manager Magazins" auf die Dax-Vorstände der Blick fürs große Ganze fehlt, bei der "Wirtschaftswoche" Lesevergnügen, Optik und Humor sowie bei "Brand Eins" Relevanz und Faktenvermittlung.

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Das aktuelle Heft

Die Titelgeschichte der April-Ausgabe beschreibt den Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg des Spielzeugherstellers Lego, mit Blick für liebevolle und lustige Details in Wort und Bild. Es geht um Betriebswirtschaft, Strategie und Spielverhalten - und darum, dass es in fünf Jahren auf der Erde mehr Lego-Männchen als Menschen geben wird. Noch mehr Lesespaß macht und Einsichten vermittelt das Stück über die französische Hausgeräteholding SEB, die aus der französischen Provinz heraus auch die deutschen Traditionsmarken Krups und Rowenta führt. Merke: Die Deutschen wollen ein Klickgeräusch beim Handmixer und eine bestimmte Art von Milchschaum, die Amerikaner grillen speziell, die Russen mögen Karotten am liebsten gewürfelt - und die Japaner bügeln im Knien. Alltagskultur meets Produktdesign .

Weitere Highlights: Der Report aus der Schattenwirtschaft des Internet, in der jüngst libertäre Staatsskeptiker von Kriminellen um ihre Bitcoin-Ersparnisse betrogen wurden. Die Reportage über die Kindergewerkschaft in Bolivien, die aber nicht gegen Kinderarbeit kämpft - sondern dafür. Gegen Verbote, die die Kinder korrupten Beamten, Schattendasein und größerer Armut ausliefern. Das Interview mit dem Freak, der sich selbst zur Aktiengesellschaft gemacht hat und Aktionäre über sein Leben mitbestimmen lässt (aber trotzdem kluge Gedanken äußert).

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Investigativ liest sich die Story über eine Briefkastenfirma auf Sylt als Sitz insolventer Schiffsfonds, hintergründig das Stück über die Wiederbelebungsversuche bei Opel, nachdenklich der Essay über die Gefühlslage Russlands und Wladimir Putins. Abseitig - und gerade deshalb spannend - der Report über die eher selten beleuchtete Pilgerindustrie. Und humorvoll die unvermeidlichen Modeseiten: Was muss etwa ein Betriebsrat heute tragen?

Einige Perlen finden sich auch in den Kurzformaten im Hefteinstieg, etwa das Editorial des Chefredakteurs (Bilden wir uns den so viel beklagten Stress unserer Zeit nicht auch ein wenig ein?), die Seiten "Menschenkette" (Wer sind die Köpfe hinter bekannten Produkten?) und "Straßenökonom": Wie spürt Rasidi Panwi, Friseur in Singapur, staatliche Interventionen? Und natürlich der fiktive Streit zwischen den Ökonomenlegenden Friedrich August von Hayek und John Maynard Keynes über aktuelle Fragen. Und Hayek hatte doch Recht.

Auflage

Ein Risiko der Neuerfindung war, dass viele bisherige "Capital"-Leser ihr Heft nicht mehr wiedererkennen und abspringen - ohne dass genügend neue Käufer nachkommen. Die Gefahr ist noch nicht gebannt: Im 4. Quartal 2013 sanken die Abos gegenüber Vorjahreszeitraum um 15,6 Prozent auf 46.231 Stück. Immerhin: Die Einzelverkäufe blieben fast stabil (minus 1,9 Prozent auf 5233 Hefte). Nur durch hohe Lesezirkel-, Bord- und Sonstige Verkäufe liegt die verkaufte Auflage bei 137.306 Stück. Das sind - auch wegen der massiven Reduzierung (minus 29,6 Prozent) der Bordexemplare - deutliche 16,7 Prozent weniger als im Vorjahr.

Horizont liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie aktuell. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In der Online-Kolumne "HORIZONT liest..." wühlt sich die Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Zielgruppe

Sind die derzeitigen und künftigen "Capital"-Leser weiterhin vermögende Top-Entscheider - oder eher nur Wirtschaftsinteressierte? Ist die (neue) Zielgruppe interessant genug für die (bisherigen) Anzeigenkunden? Laut MA 2014/I erreicht "Capital" jeden Monat 920.000 Leser, 60.000 weniger als bei der Vorjahres-MA 2013/I. Der Anteil der studierten Leser ist seitdem um drei Prozentpunkte auf 50 Prozent gesunken, der Anteil der Top-Verdiener (Haushaltsnettoeinkommen über 3000 Euro) um vier Prozentpunkte auf 69 Prozent. Trotz dieser leichten Verschiebungen erreicht "Capital" also weiterhin Premium-Zielgruppen.

Facts

"Capital", 1962 gegründet, erscheint monatlich (in den Jahren 2000 bis 2008 war es 14-täglich) im Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr (Redaktionssitz seit 2013: Berlin). Der Copypreis beträgt 7,50 Euro. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet laut Preisliste im Durchschnitt 29.633 Euro. Die Vermarktung obliegt G+J Media Sales. rp

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