HORIZONT-Preisträger Bernd Reichart „Erst mal ist jede Idee gut“

Freitag, 23. Dezember 2016
Der Medienmann des Jahres: Bernd Reichart
Der Medienmann des Jahres: Bernd Reichart
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Bernd Reichart hat Vox mit erfolgreichen Eigenproduktionen zum Sender der Stunde gemacht. Dafür wird er am 17. Januar 2017 beim HORIZONT Award als Medienmann des Jahres ausgezeichnet. Im Interview mit HORIZONT erklärt er, wie er in der deutschen TV-Branche Fuß fasste und wie bei Vox aus Ideen TV-Formate werden.
Vox konnte in diesem Jahr 15-mal den Primetime-Sieg bei den 14- bis 59-Jährigen davontragen – etwas, das dem 23 Jahre alten Sender vorher nur einmal gelungen ist. Die Siege holten neue Formate wie „Höhle der Löwen“ und „Club der roten Bänder“, die auch den Deutschen Fernsehpreis bekamen. Während fast alle anderen großen privaten Kanäle Marktanteil verlieren, gewinnt Vox im Jahresvergleich. Im Gesamtpublikum zieht der Sender sogar an Pro Sieben vorbei. Der Erfolg geht auf das Konto von Geschäftsführer Bernd Reichart.  

"Nähen ist nun wirklich kein Primetime-Thema"

Herr Reichart, Sie sind vor ziemlich genau vier Jahren von der spanischen TV-Gruppe Antena 3 zu Vox gewechselt. Wie kamen Sie zum Sender? Ich war Geschäftsführer Multichannel bei Antena 3 und habe dort mitgeholfen, mehrere Sender aufzubauen. Ich hatte immer Kontakt zu verschiedenen Mentoren in der RTL Group, die an Antena 3 beteiligt ist, und auch zu Co-CEO Anke Schäferkordt, die auch Chefin der Mediengruppe RTL Deutschland ist. Wir trafen uns mehrfach in Cannes bei der Mipcom und einmal sagte sie: „Ich habe etwas für Dich: Die Perle.“ Ich wusste sofort, welchen Sender sie meint, und habe nicht lange gebraucht, um zuzusagen.

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Hierzulande kannte Sie kaum jemand. Wie schwer war es, Fuß zu fassen? Mitarbeiter und Produzenten haben es mir leicht gemacht. Es hat keine zwei Wochen gedauert und wir haben einfach zusammengearbeitet. Mein Vorteil war ein gewisser Vertrauensvorschuss. Sie sagten: „Den kennt hier zwar keiner. Aber wenn Anke Schäferkordt ihn aussucht, muss er o.k. sein, denn mit Vox macht sie keine leichtfertigen Experimente.“

Welchen Arbeitsauftrag haben Sie von Frau Schäferkordt bekommen? Vox stand in Sachen Quote ja gut da und die Stelle wurde nur vakant, weil Frank Hoffmann Schäferkordts Aufgaben als RTL-Senderchef übernommen hat. Das stimmt. Der Sender hatte keine Baustellen. Daher war die Ansage eher: Bitte nichts kaputtmachen (lacht). Anke hatte allerdings schon antizipiert, dass die Versorgung mit US-Serien schwierig wird, die ein Kernstück in der Vox-Primetime sind. Große Eigenproduktionen für den Abend zu produzieren, war daher der wichtigste Auftrag. In der Daytime haben wir 2012 auch noch viel Scripted Reality gezeigt. Die Frage war, ob wir dort eine Alternative mit sehr vielem, facettenreichen Programm anbieten können. Das Ziel war, sich damit unabhängiger von Zyklen zu machen. Bei allen Sendern kann man sehen, was passiert, wenn solche Genre-Zyklen schwächeln. Da leidet dann der ganze Kanal. Aber darüber hinaus sollten wir auch ein bisschen lauter und frecher werden.

Der Jahresauftakt der Branche

Medien und Marken im 21. Jahrhundert – Kommunikation in der digitalen Welt: So lautet das Motto des Deutschen Medienkongresses am 17. und 18. Januar. Chefredakteure von Kai Gniffke („Tagesschau“) bis Julian Reichelt (Bild.de) diskutieren über die Herausforderungen, denen sich der professionelle Journalismus im Wahljahr 2017 gegenübersieht. Marketingchefs wie Barbara Haase (TUI), Dagmar Nedbal (Mastercard) und Hans-Christian Schwingen (Deutsche Telekom) sagen, wie sie es als Werbungtreibende mit den Medien halten. Und der Bestseller-Autor Richard David Precht fragt aus philosophischer Perspektive nach der Zukunft der Mediengesellschaft. Das sind nur einige Highlights unseres Kongresses, der traditionell den Jahresauftakt der Kommunikationsbranche darstellt. Außerhalb der Podien bieten wir Gelegenheit, alte Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen, insbesondere beim HORIZONT Award am Abend des ersten Kongresstages. Zur Anmeldung
Ihre erste Entscheidung war, die vielgelobte Sänger-Casting-Show „X Factor“ einzustellen, die 2012 in der 3. Staffel nur noch mit im Schnitt 6,9 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 59-Jährigen gelaufen war. Ist Ihnen das leicht gefallen? Ja, „X Factor“ … Diese Entscheidung lag zuoberst auf dem Schreibtisch. Es war das dickste und größte Format von Vox. Vermutlich war nicht schwer abzuschätzen, dass jemand, der neu kommt, sagen würde: Wir produzieren keine 4. Staffel. Das zu entscheiden war erst mal relativ leicht, aber dann kommt die nächste Frage: Was machen wir stattdessen?

Wie haben Sie diese beantwortet? Erst mal haben wir uns angesehen, welche Kernkompetenzen man unmittelbar mit Vox assoziiert. Sind wir damit zu eng aufgestellt? Themen wie zum Beispiel Kochen und Auswandern waren anfangs beinahe exklusiv etwas für die zweite Sendergeneration. Mittlerweile besetzen das Feld auch Nischensender und non-lineare Anbieter. Deshalb hatten wir das Gefühl, wir müssen uns als vielseitiger, breiter Entertainmentsender aufstellen, uns schnell groß machen. Und uns dabei nicht eingrenzen. Das beinhaltete auch, dass wir bei Genres wie Fiktion angreifen wollten, ein Thema, bei dem Vox bislang noch nicht aktiv war. Aber es ist so ein wichtiges und schönes Genre, da konnten wir die Chance nicht vergeben, es auf unsere Art zu interpretieren.

Was folgte, war „Sing meinen Song“ und ein paar andere Musikthemen. „Sing meinen Song“ war unser erster Treffer. Das hat uns viel Beachtung beschert. Nicht nur bei den Zuschauern, auch bei den Künstlern und in der Musikindustrie. Nächstes Jahr werden wir sogar die „Echo“-Verleihung zeigen, die zuletzt bei der ARD lief, und programmlich eine gesamte Woche darauf ausrichten.

Aber dabei ist es nicht geblieben. Sie haben Shows in allen möglichen Richtungen gelauncht. Warum so vielfältig? Uns ging es nicht darum, immer weitere Formate daraus abzuleiten, wenn wir mit einem Format auf eine Goldader treffen. Deshalb haben wir uns nach „Sing meinen Song“ um 180 Grad gedreht und die „Höhle der Löwen“ gemacht. Dann kam die nächste Drehung mit den Koch-Shows „Kitchen Impossible“ und „Grill den Henssler“, dem überaus erfolgreichen Nachfolger der „Kocharena“. Dann unsere erste eigene Serie „Club der roten Bänder“. An unserem wichtigsten Eigenproduktions-Tag, dem Dienstag, hatten wir 2016 kein einziges Primetime-Format, das bereits 2013 im Programm war. Wir sind breiter und vielseitiger geworden. Damit fühlen wir uns sehr wohl.

Sie wollen die Themen „voxig“ aufbereiten. Was bedeutet das? Sport passt eigentlich nicht zu Vox, aber die Sportler-Doku „Ewige Helden“, in der bekannte Sportler – wie die Olympiasieger Fabian Hambüchen, Evi Sachenbacher-Stehle und Nils Schumann in der nächsten Staffel – gegeneinander antreten, schon. Nähen ist nun wirklich kein Primetime-Thema. Wenn es bei „Geschickt eingefädelt“ von Guido Maria Kretschmer interpretiert wird, aber doch. Die Gründer-Show „Höhle der Löwen“ ist ein sehr herbes, männliches, angelsächsisches Thema, das bei Vox ebenso außergewöhnliche 21 Prozent Marktanteil bei jungen Männern schafft, aber wir bekommen es auch für Frauen attraktiv erzählt. Und nun wagen wir uns mit „The Story of my Life“ an eine sehr besondere Talk-Show mit Désirée Nosbusch: Darin erzählen Paare wie Boris Becker und Lilly, Schauspieler Tom Heinze und Ehefrau Jackie Brown aus ihrem Leben – und zwar aus der Perspektive, wenn sie zum Beispiel 20 und 40 Jahre gealtert sind. Was sich dabei zwischen den Paaren abspielt, ist sehr berührend. Das ist wieder etwas ganz anderes.

Wie kommt man auf all diese Ideen? Solche Ideen können nur von heterogenen Teams stammen, die aus ganz unterschiedlichen Richtungen an Ideen herangehen. Diese Mitarbeiter zu haben, ist die ganz große Stärke von Vox. Und unsere Kultur: Wir sind offen. Erst mal ist jede Idee gut. Wenn man Ideen so behandelt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie einen besuchen.

Eine Zeitlang hatte man eher den Eindruck, dass in der Mediengruppe nur Platz für Formate ist, die in den USA und UK schon erfolgreich gelaufen sind. Natürlich versucht man ein kreatives Klima zu schaffen, in dem man nicht erst an einem Vorschlag herumnörgelt. Wir versuchen es umgekehrt: Wir machen Projekte, wenn wir drei gute Gründe dafür finden. Die Liebe, an einer Idee so lange herumzubasteln, bis sie doch noch zündet, das ist etwas, was man sich miteinander aneignen kann. Auch die Lust am Pitch. Jemand, der etwas mit Feuer und Flamme verteidigt, der hat immer meine volle Aufmerksamkeit.

Gerade im Showbereich sind alle Sender stets auf der Suche nach guten Konzepten – vor allem die der ersten Generation. Wie kann man sich als Vertreter der zweiten Generation in diesem Wettbewerb bei den Produzenten durchsetzen? Was uns sehr hilft, ist, dass unsere anerkanntesten Projekte auch hohe Reichweiten erzielen. Wir haben dieses Jahr bei den Zuschauern ab 3 Jahren Pro Sieben überholt. Wir legen auch bei 14- bis 59-Jährigen wieder zu – und das in einem Sportjahr. Die Vox-Prestigeformate würden viele Produktionsfirmen gerne machen und wir merken nun, dass wir Ideen häufiger als Erste und exklusiv präsentiert bekommen.

In Sachen Zuschauermarktanteil liegen Sie derzeit im Jahrestrend bei 6,8 Prozent bei den 14- bis 59-Jährigen – 0,2 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Nicht nur das: Wir schaffen es sogar immer mal wieder, ganz vorne zu sein. Vox war in seiner ganzen Sendergeschichte nur einmal 2014 an einem Abend Marktführer. Dieses Jahr haben wir das mit drei verschiedenen Eigenformaten insgesamt 15-mal geschafft. Außerdem sind wir im Oktober bei den 14- bis 49-Jährigen an unser Jahres-Alltime-High vom Oktober 2007 herangekommen. Es gibt wenig Sender, die das noch schaffen – ich würde sogar sagen: wahrscheinlich keinen. Aber fast noch wichtiger: Unser Genre-Mix hat sich komplett gedreht. Damals waren es die US-Serien, die uns zweistellige Marktanteile bereitet haben, heute sind diese unsere Achillesferse. Die Quote machen wir jetzt mehrheitlich mit Eigenformaten. Das gibt uns das gute Gefühl, unsere Performance und die Markenführung weitgehend selbst in der Hand zu haben.

Das sagt die Jury ...

Der Jury hat imponiert, mit welchem Gespür für Formate und Talente Bernd Reichart Vox in kurzer Zeit erneuert und das Profil geschärft hat. Der Sender steht seit seinem Antritt für Innovation, Verjüngung und – auch das rar gewordene Tugenden im Fernsehgeschäft – für Mut und Durchhaltevermögen. Das zahlt sich aus. In dem sich fragmentierenden TV-Markt konnte Vox den Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen als einziger der großen Privatsender steigern – um 0,3 Prozentpunkte auf 6,9 Prozent (Januar bis November 2016).
Auch die Daytime haben Sie renoviert. Dort ist Vox ebenfalls mit einem ganz schönen Gemischtwarenladen unterwegs – von „Zwischen Tüll und Tränen“ über „Shopping Queen“ bis zu „Hautnah: Die Tierklinik“. Ich würde sagen: Wenn man mit bis zu sieben verschiedenen Formaten unterwegs ist, können wir entsprechend reagieren, wenn eines der Formate mal abschmieren sollte. Dann erhält das nächste Format aus der Entwicklungs-Pipeline seine Chance, aber es bricht nie die ganze Daytime zusammen. Da fühlen wir uns wahnsinnig sicher aufgestellt.

Das Wortpaar „authentisch und emotional“ taucht in vielen Interviews mit Ihnen auf. Ist das auch die gemeinsame Klammer über den Formaten? Vox muss schon sehr echt sein, sonst haben wir ein Glaubwürdigkeitsproblem. Dass wir wahnsinnig emotional sein können, haben wir mit dem „Club der roten Bänder“ gezeigt. Wenn wir die Zuschauer wirklich berühren und bewegen, ist ihr Zuspruch zum Sender schon sehr hoch – und zeigt sich über alle Plattformen. Unser Zielpublikum sind in erster Linie junge Frauen – und die stürzen sich gerne Kopf voraus in das, was wir ihnen an emotionalem Fernsehen bieten.

In Zielgruppen-Positionierungscharts sieht man immer, dass Vox und RTL fast genau aufeinanderliegen. Soll das so bleiben? Im Werbemarkt ist das ganz gut so. Allerdings versuchen wir das etwas zu entzerren, indem wir Vox ein bisschen jünger positionieren wollen. Wir schauen bei jedem neuen Format, wie man diesem strategischen Anspruch gerecht wird, sind dabei aber nicht hysterisch. Allerdings haben alle unsere neuen Topformate bei jungen Erwachsenen wahnsinnig eingeschlagen. Das hat uns in dieser Hinsicht deutlich nach vorne gebracht.

Die Serie „Club der Roten Bänder“ um sechs schwerkranke Jugendliche hat eingeschlagen wie eine Bombe. Die 2. Staffel hatte im Schnitt 17,2 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. Davon kann Sat 1 nur noch träumen. Trotzdem wollen Sie nach der 3. Staffel Schluss machen. Warum? „Club der roten Bänder“ ist ein Stoff, der mich seit meiner Zeit in Spanien bei Antena 3 begleitet. Die Geschichte hat ein großes Finale verdient – sie hat unser Team auch hier immer fasziniert und liegt uns sehr am Herzen. Autoren, Produzenten und wir hatten das Gefühl, nach der 2. Staffel ist die Geschichte noch nicht vorbei. Autor Albert Espinosa, auf dessen Erinnerungen „Club der roten Bänder“ basiert, sprach in seiner Vision immer von einer Trilogie. Mit dieser Idee hat er uns bei der Bucharbeit alle überzeugt. Wenn man die Geschichte ewig weitererzählt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Immer wieder Rückfälle im Krankheitsbild der Protagonisten. Das ist unrealistisch und macht keinen Spaß. Oder es gibt immer neue Clubmitglieder. Das haben wir von vornherein ausgeschlossen. Der Club ist der Club.

Warum haben Sie die Entscheidung schon jetzt bekannt gegeben? Damit nehmen Sie sich die Möglichkeit, 2017 doch zu verlängern – zweistellige Quoten fallen schließlich nicht vom Himmel. Wir wollten die Entscheidung unabhängig von den Quoten fällen. Ich glaube, die Vorfreude der leidenschaftlichen Fans – und davon hat der „Club“ viele – auf diese letzte Staffel wird riesig sein. Der „Club“ hat es verdient, durch die große Pforte abzutreten. Dann werden wir hoffentlich alle stolz auf das Finale sein und für Vox gilt es, die nächste Geschichte zu finden.

Welche könnte das sein? Wir sprechen mit vielen Produzenten. Aber bislang haben wir noch nichts gefunden. Die Latte liegt auch echt hoch. Wir brauchen wieder etwas ganz Unkonventionelles. Wir sind in der glücklichen Situation, für eigenproduzierte Fiction noch keine festen Sendeplätze füllen zu müssen. Fiction ist für Vox immer noch die Kür. Wenn wir etwas Neues starten, dann aus hundertprozentiger Überzeugung. Sonst gibt es bis auf weiteres keine zweite Serie.

Für ihre quotenstarken Formate hat es auch Preise geregnet: zum Beispiel den Deutschen Fernsehpreis für „Sing meinen Song“, „Club der roten Bänder“ und „Die Höhle der Löwen“, aber auch die Dokumentation „Asternweg“. Außerdem den Grimme- und andere Preise für den „Club“. Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen? Preise sind vor allem eine tolle Rückmeldung und verdiente Anerkennung für das Team. Es zeigt uns, dass wir auch 2016 neue Programm-Marken etablieren konnten, die sowohl aus dem Stand die größten Reichweiten in der Sendergeschichte schaffen, als auch bei Kritikern und Beobachtern als qualitativ wertig angesehen werden. pap
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