Gruner+Jahrs "Frei" im HORIZONT-Check Mit Happy-Haltung ins Weekly-Getümmel

Freitag, 12. Februar 2016
Die erste Ausgabe von "Frei" wird gratis unter die Leute gebracht
Die erste Ausgabe von "Frei" wird gratis unter die Leute gebracht
Foto: G+J

Wer hätte das gedacht? Der "Bergdoktor" groß in einem Gruner + Jahr-Magazin! Auf einer Doppelseite, als eine von sieben "Top-Storys der Woche" gar. Nun denn, "Frei", das neue Women’s Weekly, mit dem sich der Verlag in ein für ihn neues Segment wagt, macht's tatsächlich möglich.

Und die Geschichte über die TV-Serie ist gleich auf dreifache Weise symptomatisch für das neue Magazin: Als Beispiel für die Themenauswahl – ein fröhliches Servus an alle ZDF-Zuschauer! Als Beispiel für die kritiklose, beschützende Haltung des Heftes seinen Protagonisten gegenüber – "Der Bergdoktor auf dem Erfolgsgipfel", lautet die Überschrift. Und drittens werden in dem Text, als über die Gründe für die Quotengaudi der ZDF-Serie räsoniert wird, unter anderen "lebensnahe Umstände" genannt, wenig Leid und Happy Ends. Womit zugleich ein paar der Zutaten erwähnt sind, die auch "Frei" zum Erfolg führen sollen.

Überzeugt die erste Ausgabe, die G+J an diesem Freitag in einer Druckauflage von 900.000 Heften als Supermarkt-Sampling und Beilage der drei DuMont-Boulevardzeitungen in Berlin, Hamburg und Köln gratis in den Markt pumpt (ab kommender Woche werden 500.000 Stück zum Copypreis von 1,90 Euro an die Kioske geliefert)? Bei dieser Frage sollte man als Medienjournalist der lustigen Versuchung widerstehen, sich dem Feuilleton näher zu wähnen als dem Wirtschaftsteil und über bunte Blätter zu lästern, die gar nicht für einen gemacht sind. Nichts ist einfacher, nichts ist billiger als ein solcher Verriss – geschenkt. Abgesehen davon, dass jedes Lästern über bunte Blätter ja eigentlich ein Lästern über die Leser ist, die diese kaufen, in Auflagenhöhen, von denen das Feuilleton nur träumt.

 In jeder Ausgabe gibt es sieben "Top-Storys"
In jeder Ausgabe gibt es sieben "Top-Storys"
Also, ist "Frei" (gemessen an der 1. Ausgabe) gelungen, möglichst objektiv und, so gut das eben geht, aus den Augen der Zielgruppe (Frauen zwischen 30 und offiziell 60 Jahren, sicher auch noch älter, und wohl in niedrigeren Einkommens- und Bildungsschichten als bei anderen G+J-Titeln) betrachtet? Nur teilweise. Denn ein Erfolg wird es nur dann, wenn sich das Heft, erstens, von anderen im Genre erkennbar und positiv differenziert. Und zweitens, wenn die Zielgruppe das Blatt trotzdem als Women's Weekly erkennt – und nicht fremdelt damit.

Das (erst ab kommender Woche verkaufsentscheidende) Cover erfüllt beide Punkte: Es wirkt weniger wie Ü-50 als die Cover anderer Magazine, allein durch den ungewöhnlichen Titel ohne Frauennamen. Und mehr Weißraum, leichter, luftiger. Zugleich sind aber alle Genre-üblichen Themen angerissen: Promi-Leben (Maria Furtwängler, Angela Merkel), Reisen, Kochen, Wellness, Mode, Service – als Themenexperten grüßen etwa Jorge Gonzalez und Tim Mälzer – und, für die Sparfüchsinnen, Waren-Rabattcoupons. Also: Abgehakt, läuft.
Die erste Ausgabe von "Frei" wird gratis unter die Leute gebracht
Die erste Ausgabe von "Frei" wird gratis unter die Leute gebracht (Bild: G+J)
Für das 84-seitige Heft dahinter gilt hingegen: Unverkennbar Women’s Weekly, allerdings eben auch ohne klar erkennbare inhaltliche Differenzierungen zu anderen im Segment. Alles hat man so oder so ähnlich schon oft gesehen: Hefteinstieg mit Text- und Bild-Schnipseln, von allem etwas, Auf- und Absteiger, Deutschlandkarte mit Eventtipps. Das Layout indes wirkt tatsächlich höherwertiger, moderner – also: besser als die meiste Konkurrenz.

Es folgen die besagten "Top-Storys der Woche", allesamt glückselig gewählt, gedreht und getextet: Furtwängler (Überschrift: "Ich fühle mich unendlich glücklich!"). Fast mehr Mann-kuschelt-mit-Tieren-Fotos als Zeilen über den "attraktivsten Tierarzt der Welt". Eine Glück-gehabt-beim Skiunfall-Fotomeldung. Merkel und ihre Kraftquellen (Umfeld, Uckermark, Obst). Die herzige Bildergeschichte einer Dreijährigen aus Irland, die ihren Stoffhasen verlor und auf lustige Weise wiederfand. Die Traumhochzeit einer Engländerin, und das so ganz ohne Weddingplaner! Der Bergdoktor.
Ungewöhnlich: "Der Bergdoktor" in einem G+J-Magazin
Ungewöhnlich: "Der Bergdoktor" in einem G+J-Magazin
Und dann noch ein paar Zeilen über Topmodell Toni Garrn und ihre Mutter, eine Foto-Notiz über die schwangeren Schweden-Prinzessinnen sowie ein Selfie zweier junger Frauen mit Thomas Gottschalk, aufgenommen vor dem – namentlich genannten – Hamburger Restaurant "Die Bank", bei dem die Frau des "Stern"-Chefredakteurs Christian Krug die Geschäfte führt.

Dieser kess mit "News" überschriebene Heftteil soll derjenige sein, mit dem sich "Frei" von anderen Women's Weeklys unterscheiden will. Der Anspruch: Dieser Teil soll bei wichtigen Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Sport und Gesellschaft "über die Nachricht hinaus von deren Lebensumfeld" erzählen. Dieses Ziel erreicht das offenbar so wichtige "News"-Ressort, das nur ein Fünftel des Seitenumfangs ausmacht, in der 1. Ausgabe nicht ganz: Nur drei der sieben "Top-Storys" handeln von "wichtigen" Leuten. Hinter kaum einer Story stecken wirkliche Nachrichten; außerdem sind die Texte meist viel zu kurz, um über mögliche News hinaus noch etwas erzählen zu können. Und ob die Happy-Haltung, die ohne exklusive Promi-Zugänge mit spannenden Infos oder Homestorys schnell leichtgewichtig und langweilig wirken kann, als positives Differenzierungsmerkmal dienen kann, bleibt abzuwarten. Das Layout immerhin hebt sich gegenüber der Konkurrenz ab: aufgeräumter, dezenter, wertiger.

Es folgt das mit einem Seitenanteil von knapp 50 Prozent größte Ressort "Service" mit Mode, Beauty, Reise, Kochen, Wohnen, Gesundheit und Partnerschaft. Fazit hier: Modernes Handwerk mit allen bekannten Elementen, teils recht hübschen Präsentationsideen (Valentinstag-Styling, 60-Minuten-Spa für Zuhause, Klamotten-Ausmist-Checkliste) und bisweilen auch echt opulenter Optik (Wochenende in Wien). Irritierend wirkt hingegen die vierseitige Präsentation des Freizeitparks Tropical Islands bei Berlin, mit allen Preisnennungen und arg werblichen Texten ("Warum Sie unbedingt hinfahren sollten"). Am Heftende schließlich der "Spaß"-Teil mit TV-Tipps, Kino, Musik, Büchern, Horoskop, Rätseln und einer Tierreportage.

Fazit

Kann Gruner + Jahrs wohl größtes Print-Abenteuer seiner jüngeren Geschichte funktionieren? Wohl nur dann, wenn die Redaktion unter den Chefredakteuren Hans-Peter Junker, bisher und auch weiterhin Boss des monatlichen "Stern"-Ablegers "View", und Philipp Jessen (Chef von Stern.de) im potenziell differenzierenden "News"-Teil noch zulegt, quantitativ und qualitativ. Schließlich kann sie hier aus dem Nachrichtenfluss von Stern.de und "View" schöpfen.

Ein Erfolg im Vertrieb – deutlich sechsstellig sollten die Verkäufe angesichts der hohen Druckauflage schon werden – könnte auch Anzeigenkunden ansprechen, die sich bisher nur selten ins G+J-Portfolio verirrten, Modemarken der einfacheren Art etwa und Pharmafirmen. Im Premierenheft sind rund ein Dutzend Anzeigenseiten erschienen, aus mehreren Branchen, etwa Sparkasse, Plantur, Opel, Almased, MSC-Kreuzfahrten, Pantene Pro-V und Kneipp. rp

Meist gelesen
stats