Gruner + Jahr Die Hintergründe des großen Sparhammers

Mittwoch, 27. August 2014
Muss den Gürtel enger schnallen: G+J-Chefin Julia Jäkel
Muss den Gürtel enger schnallen: G+J-Chefin Julia Jäkel
Foto: Foto: G+J

Nun ist es bestätigt: Wie bereits vor zwei Wochen an dieser Stelle angedeutet und in der HORIZONT-Printausgabe (33/2014) beschrieben, will das Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr in Deutschland in den kommenden drei Jahren dauerhaft 75 Millionen Euro Sach- und Personalkosten einsparen und dabei schrittweise bis zu 400 Stellen streichen - in allen Bereichen, auch in den Redaktionen. HORIZONT.NET analysiert die Hintergründe.
Sommerzeit ist in Unternehmen Urlaubszeit - und Zeit für Zwischenbilanzen, auch für Verlage. Axel Springer? Hat jüngst mit seinen Halbjahreszahlen wieder mal gezeigt, wie man sich mit viel Geld eine neue Geschäftssäule (Rubrikportale) hinzukauft. Bauer? Schickt sich mit schierer Größe, Zukäufen und rigider Kostenführung an, Europas größter Zeitschriftenverlag zu werden. Burda? Kann mit E-Commerce das sinkende Print-Geschäft halbwegs kaschieren. Und Gruner + Jahr? Schwierig.
Gruner + Jahr Zentrale
Bild: Gruner + Jahr

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Gruner + Jahr Verlag bestätigt Abbau von bis zu 400 Stellen

Denn auch am Baumwall erodieren die klassischen Erlöse aus Print-Vertrieb und -Anzeigen, im Ausland und in diesem Jahr wohl auch wieder in Deutschland. Natürlich hat G+J in den vergangenen zwölf Monaten digital investiert und akquiriert, für geschätzt über 60 Millionen Euro: Die Onlineshops Delinero und Tausendkind, den Bewegtbild-Vermarkter Advideum in Frankreich, den Empfehlungswerbung-Dienstleister Trnd, die CRM-Software Bitmanager, den Performance-Vermarkter Veeseo. Hinzu kommen einige Dutzend Eigenentwicklungen, in Print ("Chefkoch", "Flow", Sonderhefte) und Digital, etwa die Living-Community Roomido.

Alles prima. Doch die dickeren Brocken stehen auf der Verkaufsseite: Die US-Druckerei Brown Printing hat G+J für 70 Millionen Euro verkauft, den Münchner Fachverlag G+J Entertainment Media für einen höheren einstelligen Millionenbetrag. Hinzu kommen latente Rückzugsgedanken aus Kroatien und - Kaufinteressenten vorausgesetzt - auch für Frankreich, Spanien und Italien. Fazit: G+J schrumpft und hat Nachholbedarf im Digitalen, weil seine Eigner Bertelsmann und die Jahr-Familie über Jahre mehr an Ausschüttung als an Investitionen interessiert waren. Und weil der frühere Vorstand über dem abgeschmetterten Plan, eine neue Sparte Fachinformation zu kaufen, anderes vernachlässigt hatte.

Gruner + Jahr muss sparen
Gruner + Jahr muss sparen (Bild: Foto: G+J)
Dabei könnte G+J noch mehr in seine Zukunft stecken - theoretisch. "Wir sind bereit, in G+J zu investieren", hatte Bertelsmann-CEO Thomas Rabe zu Jahresanfang gesagt. Und man sei "sogar bereit, dafür in den nächsten Jahren teilweise auf Gewinne und Dividenden zu verzichten". Rund eine halbe Milliarde Euro - 200 bis 300 Millionen Euro für Investitionen in Technik und E-Commerce-Zukäufe plus etwa noch einmal so viel für Restrukturierung, vor allem für sozialverträglichen Stellenabbau - lassen sich die Gesellschafter den G+J-Umbau in den kommenden Jahren kosten.

Allein: Wenn die Investitionen über Gewinnausschüttungsverzicht finanziert werden sollen, müssen Gewinne erst mal erwirtschaftet werden. Und das gelingt G+J immer schlechter. Nach HORIZONT-Informationen aus Aufsichtsratskreisen ist das operative Ergebnis im 1. Halbjahr 2014 um rund 30 Millionen Euro auf knapp 80 Millionen Euro gesunken - etwa um ein Viertel. Bereinigt um die Verkäufe sind die Umsätze dagegen "nur" um rund 100 Millionen Euro auf rund 900 Millionen Euro gesunken - ein Minus von 10 Prozent.

Ein G+J-Sprecher will die Zahlen mit Verweis auf die Bertelsmann-Halbjahresbilanz am Freitag dieser Woche nicht kommentieren. Grundsätzlich habe man bereits zum Start der "Transformation" im vergangenen September immer wieder darauf hingewiesen, dass man durch Portfoliobereinigungen und den strukturell schrumpfenden Printmarkt in den kommenden Jahren mit rückläufigen Umsätzen und Ergebnissen rechne.

Wenn der Gewinn schneller sinkt als der Umsatz, heißt das aber auch: G+J hat ein gewaltiges Kostenproblem. Wer das Lineal an die aktuelle Ergebniskurve anlegt, kreuzt bald die Nulllinie. Bis auf die Jahre 2009 und 2012 hat der Verlag immer Gewinn gemacht; 2012 hatten die Sonderaufwendungen für die Schließung der "FTD" für ein Minus gesorgt. Auch der nun angekündigte Personalabbau verursacht hohe Kosten: Der Sonderaufwand für Abfindungen wird laut "FAZ" intern auf rund 40 Millionen Euro geschätzt.

Und nun fragen sich alle: Welche Bereiche trifft es (am meisten)? Der Branchendienst Meedia schätzt, dass beim "Stern" - in früheren Sparwellen eher verschont - rund 60 Stellen wegfallen dürften, bei "Brigitte" (wo erst vor knapp zwei Jahren etliche Jobs gestrichen wurden) etwa 30 Stellen und bei "Geo" rund 15. rp
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