Gründerszene-Chefredakteur Schmiechen "Die Knotenpunkte der medialen Macht lösen sich auf"

Sonntag, 14. Februar 2016
"Manche Journalisten haben noch nicht realisiert, was um sie herum passiert"
"Manche Journalisten haben noch nicht realisiert, was um sie herum passiert"
Foto: Gründerszene

Alle Medien reden von digitaler Transformation, doch viele sind im digitalen Zeitalter noch gar nicht angekommen, sagt Frank Schmiechen. Im HORIZONT-Online-Interview kritisiert der Gründerszene-Chefredakteur die nach wie vor bestehende Arroganz, mit der Journalisten auf ihre Leser herabblicken: „Wir wollen sie vor Katzenvideos beschützen, weil wir ihnen nicht zutrauen, selbst zu entscheiden, was für sie relevant ist und was nicht.“

FAZ-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron hat in einem Gastkommentar in HORIZONT Online behauptet, es habe in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren kein Start-up zu journalistischer Relevanz gebracht. Das hat Dich ziemlich geärgert. Ich habe das gelesen und habe mich in der Tat gewundert. Gründerszene ist vor zehn Jahren als Blog gestartet und hat sich seitdem zu einer relevanten Online-Medienmarke entwickelt. Auch im letzten Jahr ist nicht nur FAZ.NET gewachsen, sondern auch wir. Vielleicht hat Herr Müller von Blumencron Gründerszene und andere erfolgreiche junge Medienmarken nur vergessen. Ich vermute eher: Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ist in der digitalen Medienrealität noch nicht so angekommen.

Mathias Müller von Blumencron
Bild: Manfred Witt

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Ist dieses Urteil nicht zu beckmesserisch? Der Chefdigitale einer großen Tageszeitung  hat zwangsläufig andere Medien und Marken vor Augen als der Chefredakteur einer anerkannten, aber vergleichsweise kleinen Special-Interest-Website. Mag sein. Dennoch zeigt so eine Aussage, dass viele noch nicht gelernt haben, was gerade um sie herum passiert. Auf der einen Seite gibt es eine Globalisierung  digitaler Medienmarken. Angebote wie The Verge, Politico oder Medium.com spielen auch in Deutschland eine zunehmend Rolle. Sie sind zwar klein, aber relevant. Und zweitens verändert sich die Bedeutung des Attributs „groß“. Im digitalen Zeitalter können auch Manpower- oder umsatzmäßig kleinere Medien eine wichtige und damit große Rolle spielen und für ihre Zielgruppen ungeheuer relevant sein. Die großen Knotenpunkte der Macht lösen sich auf und verteilen sich im Netz. Das gilt auch für einstmals große Medienmarken, die heute nicht mehr in der Lage sind, das komplette Leben von Menschen und Unternehmen abzubilden.

Das Business-Modell von Gründerszene

Gründerszene ist nach eigener Auskunft das führende Onlinemagazin für die Startup-Szene und die digitale Wirtschaft in Deutschland. Mit tagesaktuellen News und Hintergründen, Fach- und Videobeiträgen sowie Analysen, Meinungsartikeln und Reportagen erreicht Gründerszene etwa eine Million Unique User im Monat und liefert seinen Lesern die interessantesten Informationen über die Branche aus erster Hand. Zusätzlich bietet Gründerszene seinen Lesern folgende Services:
Seminare
In den Seminaren vermitteln ausgewählte Experten der Digitalwirtschaft Unternehmern, Gründern und Startup-Mitarbeitern praxisnahes Wissen zu brandaktuellen Themen und geben Teilnehmern die besten Werkzeuge und Tipps für ihr Berufsleben an die Hand.
Jobbörse
Die Jobbörse ist die zentrale Job-Plattform für die Startup-Szene und die digitale Wirtschaft, um die spannendsten Arbeitergeber mit den besten Arbeitnehmern zusammenzubringen: Täglich landen hier die interessantesten Jobangebote von etablierten Unternehmen der Branche sowie neuen Startups.
Deals
Die Deals sind spezielle B2B-Angebote für Startups und Unternehmen aus der digitalen Wirtschaft. Gründerszene-Partner bieten effiziente Services und Produkte zu günstigen Konditionen, um Startups und etablierten Unternehmen in ihrer Arbeit mit vielfältigen Lösungen zu unterstützen.
Datenbank
Die Datenbank ist ein kostenloses Verzeichnis und Recherchetool mit den aktuellsten Informationen zu Unternehmen, Investoren und Personen aus der deutschen Digitalwirtschaft. Die Datenbank ist ein ideales Recherchetool, um schnell die wichtigsten Fakten auf einen Blick zu erhalten.
Lexikon
Das Lexikon ist das zentrale Nachschlagewerk für alle relevanten Themen und Begrifflichkeiten aus der Digitalszene. Auf leicht verständliche Weise werden Begriffe, Mode- und Schlagwörter aus den unterschiedlichen Themenbereichen der Branche vorgestellt und erläutert.
Branchen-Verzeichnis
Das Branchen-Verzeichnis bietet Personen in der Digitalwirtschaft umfassende Informationen zu Dienstleistern und Serviceanbietern: von Marketing- und PR-Agenturen über SEO-Experten und IT-Service-Providern bis hin zu Anwälten oder Co-Working-Spaces.



Die Start-ups, die du eben erwähnt hast, sind allesamt US-Angebote. In Deutschland fällt die Ausbeute an jungen Medienunternehmen wesentlich bescheidener aus. Liegt das daran, dass der Markt und damit die wirtschaftliche Perspektive für Verleger und Investoren zu klein ist? Ein Problem, das wir haben, ist die Sprache. Wer ein englischsprachiges Medium aufbaut, hat potenziell ein globales  Publikum. Ein weiterer Punkt ist, dass es in den USA einfach sehr viel Geld gibt, das investiert werden will. Und die Amerikaner sind beim Ausprobieren neuer Dinge viel mutiger als wir. Last but not least gibt es in den USA viel mehr Gründer, die aus dem Hardcore-Technikbereich kommen. Hier kommen Gründer eher aus dem Management und BWL-Bereich.

Gründerszene gehört seit 2014 zum Axel-Springer-Imperium. Wie macht sich das bemerkbar? Wir agieren unabhängig und haben alle  Freiheiten. Für Finanzen und Controlling haben wir sehr gute Hilfe von Axel Springer erhalten. Und ich bin von der „Welt“ als Chefredakteur zu Gründerszene gekommen, um Ruhe und langfristige Perspektive in die redaktionelle Entwicklung zu bringen. Also die richtige Verstärkung an wichtigen Stellen.

Burda nutzt die Reichweite von Focus Online, um mit Linktausch das Burda-Linzenzprodukt Huffington Post voranzubringen. Gibt es bei Axel Springer ähnliche Modelle? Das haben wir schon erfolgreich gemacht, als ich „Welt Kompakt“ aufgebaut habe. Und natürlich machen wir das mit Gründerszene auch,  indem wir regelmäßig Artikel aus dem „Welt“-Tech-Ressort einbinden und gegebenenfalls auf Artikel von Business Insider Deutschland verlinken. Die Entscheidung über Kooperationen liegt bei uns.

Ist Gründerszene profitabel? Ja. Wir haben im operativen Geschäft 2015 schwarze Zahlen geschrieben.

Mit welchem Businessmodell? Unser Kernprodukt ist Journalismus, der durch Onlinewerbung inklusive Sponsored Posts finanziert wird. Um die Marke herum gibt es eine ganze Reihe anderer Aktivitäten, angefangen von Kongressen und Seminaren bis hin zu Networking-Events für Gründer. Hinzu kommt eine sehr erfolgreiche Jobbörse.

Welche Wachstumsperspektive hat ein Angebot wie Gründerszene? Eine richtig gute. Denn unsere Kernthematik ist quasi nur die Spitze eines Eisbergs, nämlich der Digitalisierung der Wirtschaft. Dieser Umbruch lässt sich streng genommen nicht auf das Thema Startups verengen und steht noch ganz am Anfang.

Ist dann der Name Gründerszene eigentlich noch der richtige? Darüber denken wir in der Tat nach, wobei man genau abwägen muss. Entweder behält man den Namen, erweitert aber seine inhaltliche Ausrichtung. Das „Handelsblatt“ beispielsweise schreibt ja nicht nur über Handel. Oder man verfolgt eine andere Strategie, etabliert eine Dachmarke, mit beispielsweise Gründerszene als Vertical unter dieser Dachmarke.

Zu welcher Variante tendiert der Gründerszene-Chefredakteur? Ich kann mir die zweite Variante sehr gut vorstellen, sage aber gleich: Das müssen wir nicht in den nächsten Wochen übers Knie brechen.

Mathias Müller von  Blumencron hat in seinem Kommentar das Jahr 2016 zum Jahr des Digitaljournalismus ausgerufen. Bist du hier mit dem FAZ-Digitalchef einer Meinung? Ja, auch ich glaube, dass im Digitaljournalismus in diesem Jahr viel passieren wird, was Formate und Qualität angeht. Der Punkt ist nur: Das wird sich nicht auf die wenigen, sogenannten Leitmedien beschränken? Die Dezentralisierung von News, Inhalten und Angeboten wird weiterhin zunehmen. Und ich bezweifle ganz stark, dass man mit abgeschlossenen Artikeln und einer schicken Tageszeitungs-App, was beispielsweise FAZ Plus bietet, junge Menschen erfolgreich ansprechen kann. Die Jugend tickt anders.

Wie tickt sie denn? Die fühlen sich wohl im Strom von Infos, die sie den ganzen Tag bekommen. Und sie sind in der Lage, genau herauszufiltern, was für sie wichtig ist. Sie brauchen keine Betreuung, sie sind sehr selbstständig. Wir Journalisten müssen aufhören, die Leser immer dahin zurückzuführen, wo wir sie gerne hätten. Motto: Hier hast Du ein fertiges  Produkt, jetzt lies‘ das gefälligst.

Was bedeutet das für den Journalismus, wenn die Menschen ihre Informationen über Snippets, Headlines, Newsletter und Nachrichten von Freunden auf sozialen Netzwerken beziehen? Dies wird zu einer vollkommen neuen Wahlmöglichkeit bei Info-Angeboten führen – das ist doch prima. Es gibt im Moment ein überragendes Beispiel für den Vertrieb von Nachrichten auf dem Smartphone und das sind Facebooks  Instant Articles. Die ganzen Debatten über Sinn und Unsinn von Instant Articles halte ich für absurd. Man kommt um Facebook derzeit nicht herum. Was mich ebenfalls begeistert, ist Blendle. Blendle-Leser sind Menschen, die gleichzeitig kuratieren. Dies führt zu einer sehr genauen sozialen Auswahl von Artikeln. Dies könnte ein Info-Modell für die Zukunft sein, weil es dafür sorgt, dass Informationen, die von anderen für gut befunden wurden, in meine Kanäle gespült werden.

Auf dem Deutschen Medienkongress hattest Du viel Beifall, aber auch viele Lacher für Deine Rehabilitierung  von Katzen-Content bekommen. Waren wir alle nicht froh, Katzenvideos hinter uns gelassen zu haben?  Wenn ich auf Medienkongressen bin, spüre ich immer noch eine gewisse Arroganz gegenüber dem Publikum. Wir schauen auf unsere Leser immer noch etwas herab und wollen sie vor Katzen-Content beschützen, weil wir ihnen nicht zutrauen, selbst zu entscheiden, was für sie relevant ist und was nicht. Glauben wir wirklich nicht, dass die Menschen ein Katzenvideo von einer Videoreportage über Syrien unterscheiden können?

Was waren für dich die drei beeindruckendsten deutschen Start-ups 2015? Ascribe aus Berlin hat eine neue Version der Blockchain programmiert und gerade in San Francisco vorgestellt. Diese Technik ist in der Lage, das Internet zu revolutionieren. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Basslet lässt uns die Musik spüren. Mit eine Impulsgeber-Armband, das Bässe auf die Haut des Hörers überträgt. Sollte man als Musikfan unbedingt ausprobieren. Und dann erwarte ich mir einiges vom Fintech-Startup Cookies, das in einigen Tagen sein Produkt vorstellen wird. Geld wird bald per Messenger übertragen. Mit einem Klick auf dem Smartphone. Mall schauen, ob das klappt. Das, was ich gesehen habe, sieht sehr vielversprechend aus.

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