Grosso-Verbandschef Nolte "Wir brauchen eine Politik pro Print"

Montag, 02. September 2013
Presse-Grosso-Chef Frank Nolte
Presse-Grosso-Chef Frank Nolte


Es ist eine „Bastion der Vielfalt“, die den Wandel der Verlagsbranche quasi vor Ort miterlebt – und die alles dafür tut, um dadurch nicht ins Wanken zu geraten: das deutsche Pressevertriebssystem. In der Jahrespressekonferenz des zuständigen Bundesverbandes Presse-Grosso in Berlin stellte Vorsitzender Frank Nolte deshalb die eigene Positionierung als „starker und unabhängiger Marktpartner aller Verlage“ in den Vordergrund. Diese Rolle werde, im Speziellen wegen des angekündigten Deals zwischen Axel Springer und der Funke Mediengruppe, immer bedeutender, „je marktmächtiger einzelne Verlage, große Player und deren Joint Ventures werden“.
Vor allem die beabsichtigte Gründung einer gemeinsamen Vertriebsgesellschaft verstärke die Oligopolisierung im Markt: Aktuell erzielt das Presse-Grosso mit den vier Verlagen Springer, MZV (Burda Media/Funke), der Verlagsgruppe Bauer und DPV (Gruner + Jahr) rund 80 Prozent seines Umsatzes. Mit dem Verkauf von „Berliner Morgenpost“, „Hamburger Abendblatt“, „Hörzu“ und Co halbiert sich der Anteil von Springer am Presse-Grosso-Umsatz um knapp die Hälfte. Insgesamt verzeichnet der Bundesverband für das Jahr 2012 einen Umsatz von rund 2,48 Milliarden Euro (2011: 2,54 Milliarden). Das ist zwar ein kaum erwähnenswertes Minus, doch natürlich spiegelt sich auch im Vertrieb die schwierige Lage der Branche, veränderte Lesegewohnheiten und die Konkurrenz durch die digitalen Medien wider: In den vergangenen zehn Jahren hat das Presse-Grosso rund 20 Prozent seines Umsatzes eingebüßt. Ein Drittel aller Grossisten haben seit Mitte der 90er Jahre fusioniert oder ihren Betrieb verkauft.

Dennoch wehrte sich Vorsitzender Nolte gegen den gegenwärtigen Fatalismus in Bezug auf Printmedien: „Es gibt kein Gattungsschicksal Print!“ Vor allem im Bereich der Publikumszeitschriften sei die Investitionsbereitschaft von Verlagen und Pressehandel unverändert groß. Allein im 1. Halbjahr 2013 seien 243 neue periodische und 374 aperiodische Titel auf den Markt gekommen. „Print ist und bleibt das mit Abstand glaubwürdigste Informationsmedium“, betonte der Grosso-Chef, verbunden mit der Forderung an die Politik, in der nächsten Legislaturperiode mögliche Terrainverluste von Print von vornherein zu verhindern: „Nach den völlig richtigen Debatten über Netzpolitik in den letzten Jahren muss eine Politik pro Print auch in Zukunft ihren adäquaten Stellenwert behaupten.“

Auch die im Zuge der jüngsten Novellierung des Kartellrechts erfolgte Legalisierung zentraler Branchenvereinbarungen – diese gelten als essentielle Wurzeln des Grossosystems –, ist laut Nolte ein wichtiger Beitrag der Politik im Interesse von Demokratie und Bürgern. Die Regelungen sicherten allen Titeln und Verlagen den freien Marktzutritt zu fairen, vergleichbaren und transparenten Bedingungen zu, so der Vorsitzende weiter, der die Entscheidung der Politiker anerkannte. Ungeachtet der komplexen Materie aus unterschiedlichen Rechtsgebieten hätten sich alle Parteien im Bund und in den Ländern für die „Bewahrung des Public Value unseres einmaligen Pressevertriebssystems“ eingesetzt. Um eine „Lex Presse-Grosso“ sei es in den vergangenen zwei Jahren nie gegangen, so Nolte weiter, sondern um grundlegende Bedingungen zum Erhalt einer vitalen Presselandschaft. kl
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