Große Transformation bei Gruner + Jahr Was sich nun ändert

Dienstag, 10. September 2013
Gruner + Jahr gibt den Startschuss zur großen Transformation
Gruner + Jahr gibt den Startschuss zur großen Transformation


Die große "Transformation" ist auf dem Weg: Gruner + Jahr hat endlich bekannt gegeben, wie sich der Verlag für die Zukunft fit machen will. HORIZONT.NET analysiert, was der Wandel bei Gruner + Jahr mit sich bringt.

Content is King

Mit der neuen Struktur will Gruner + Jahr dafür sorgen, dass die Leser auf dem Gebiet, das sie interessiert, idealerweise mehr wissen als die Leser konkurrierender Titel. Der Verlag bezeichnet das als "radikales Denken in Inhalt": Ob Bericht, Reportage oder Interview, ob Fotostrecke, Video oder Community-Inhalte - die Leser sollen jederzeit ihrer jeweiligen Nutzungssituation entsprechend darauf zugreifen können. Diese Inhaltekompetenz soll G+J außerdem dazu befähigen, entsprechende Zusatzgeschäfte - Werbevermarktung, Paid Content und Paid Services - um die Inhalte herum aufzubauen (siehe Punkt 5: E-Commerce und Paid Services). Das heißt auch, dass es den viel zitierten Verkauf von Tierfutter wie bei Burda nicht geben soll. "Wir werden keine Diversifikation in Geschäfte betreiben, die losgelöst sind von unseren Communities. All unsere Akquisitionen und Investitionen stehen im Zusammenhang mit unseren Inhalten", verspricht Vorstandschefin Julia Jäkel.

Das Medium tritt in den Hintergrund

Die Ausrichtung nach Communities of Interest sorgt dafür, dass der entsprechende Kanal zur Verbreitung je nach Geschichte und Zielgruppe gewählt wird. Das konkrete Medium - Print, Online oder eine App - ist zweitrangig. Alle Inhalte werden zunächst plattformneutral erstellt. Maßgeblich ist allein, dass das Nutzerinteresse bedient wird. Das könnte für die eine oder andere Machtverschiebung im Hause sorgen - immerhin ist damit formal ein Print-Redakteur des "Stern" nicht mehr automatisch wichtiger als der Redakteur eines Kochportals.

Bündelung in Hamburg

Die einzelnen Marken sollen künftig stärker miteinander kommunizieren und kooperieren, um die jeweilige CoI-Strategie stringent umsetzen zu können. Hierfür ist auch eine räumliche Nähe der Redaktionen und Verwaltungsbereiche vonnöten. Was das konkret bedeutet, sieht man insbesondere an den bislang in München ansässigen Redaktionen von "Neon", "Nido", "P.M." oder der Eltern-Gruppe: Diese sollen nun bis Mitte 2014 nach Hamburg umziehen. Den betroffenen Mitarbeitern, rund 120, wurden entsprechende Umzugsangebote gemacht. Wer dazu nicht bereit ist, wird gehen müssen. Krach dürfte hier vorprogrammiert sein.

Publisher und Digital Business Director

Die CoIs werden nicht aus einer Hand geführt: Für den Analog-Bereich ist ein "Publisher" zuständig, der in seinem Bereich Themen erspüren und setzen und über die verschiedenen Kanäle bestmöglich ausspielen soll. Im Idealfall erfolgt das in Abstimmung mit dem jeweiligen "Digital Business Director", der die digitalen Geschäfte einer CoI führen und ausbauen soll. Dieses Modell ist mutig, birgt aber auch gewisse Risiken. Denn es setzt permanente Einigkeit bzw. möglicherweise langwierige Einigungsprozesse voraus - und dabei drohen Reibungsverluste. Andererseits erzeugt Reibung Wärme. Und für den Fall der Fälle gibt es ja mit Soheil Dastyari und Frank Stahmer auch zwei neue starke Männer, die die Richtung vorgeben können.

E-Commerce und Paid Services

Die Zeiten, in denen Gruner + Jahr E-Commerce nur mit spitzen Fingern anfasste, sind mit dem Umbau endgültig passé: Man werde seine "Lizenzgeschäfte deutlich ausbauen und in Commerce und Paid Services investieren", teilt der Verlag mit. Im Frühjahr hat sich Gruner + Jahr bereits an dem Baby- und Kinderartikel-Händler Tausendkind beteiligt und die Einrichtungscommunity Roomido aus der Taufe gehoben. Weitere eigene Portale und Akquisitionen sollen folgen. Allerdings gibt es Einschränkungen: Gemäß der Strategie eines "Inhaltehauses" müssen die E-Commerce-Aktivitäten zu den "Communities of Interest" passen. Also: Tierfutter wird es auch künftig mangels redaktioneller Umfelder nicht geben. Schnuller und Lätzchen wie bei Tausendkind dagegen schon - passend zur Community Family. ire/dh
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