Google-News-Lab-Chefin Isabelle Sonnenfeld "In den Redaktionen herrscht Aufbruchstimmung"

Donnerstag, 23. Februar 2017
Isabelle Sonnenfeld leitet das Google News Lab in der DACH-Region
Isabelle Sonnenfeld leitet das Google News Lab in der DACH-Region
Foto: Google
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Google Isabelle Sonnenfeld Journalismus


Es ist ein hoher Anspruch - für beide Seiten: Gemeinsam mit deutschen Zeitungsredaktionen will Google in seinem News Lab am Journalismus der Zukunft arbeiten, neue Geschäftsmodelle finden und das digitale Storytelling revolutionieren. Vor allem bei lokalen Zeitungen soll es dafür in diesem Jahr noch mehr Workshops geben, auch das Fellowship-Programm startet demnächst mit einigen Veränderungen in die zweite Runde. Das kündigt Isabelle Sonnenfeld, Leiterin des Google News Labs in der DACH-Region, im Interview mit HORIZONT an.
Seit Oktober 2015 steht die 32-Jährige an der Spitze von Googles "Journalistenschule". Die 32-Jährige, die zuvor bei Twitter Deutschland die Themenbereiche Medien und Politik verantwortete, ist nahezu ständig in den Redaktionen unterwegs, schaut Reportern über die Schultern, koordiniert Workshops. Im Interview mit HORIZONT schwärmt Sonnenfeld von der „Aufbruchstimmung“ und von „Neugier und Experimentierfreude“ vor Ort.
Frau Sonnenfeld, was sind 2017 die größten Trends im Journalismus? Virtual Reality wird ein Experimentierfeld bleiben. Erklär- und Faktencheckstücke werden sich dagegen weiter etablieren. Die Verifizierung von Informationen wird 2017 eine große Rolle spielen, gerade im Hinblick auf den anstehenden Wahlkampf und die Bundestagswahl. Ich denke, wir werden außerdem mehr kollaborative datenjournalistische Projekte wie bei Panama Papers sehen. Und sicherlich wird es spannende Experimente mit Chatbots und Audio geben, selbst wenn sich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer vorhersagen lässt, wie sich die Themen hier etablieren werden.

Wo sehen Sie dabei die größten Herausforderungen für die Redaktionen? Die Digitalisierung folgt unterschiedlichen Dynamiken. Für manche Teams ist die Umstellung und die Schnelligkeit schwieriger als für andere. Hier wollen wir unterstützen und die Journalisten an die neuen Technologien heranführen. Es geht nicht um große Investitionen, sondern teilweise um ein grundsätzliches Umdenken. 2017 wollen wir vor allem in lokalen Redaktionen noch mehr Trainings anbieten, dort ist das Interesse sehr groß.
„Es geht nicht um große Investitionen, sondern um ein grundsätzliches Umdenken “
Isabelle Sonnenfeld, Google News Lab
Wie würden Sie grundsätzlich die Stimmung in den Redaktionen beschreiben – auch Google gegenüber? Meine direkten Ansprechpartner sind die Journalisten – und hier spüre ich vor allem Neugier und Experimentierfreude. In den Redaktionen herrscht Aufbruchstimmung. Nicht nur, was digitale Tools oder journalistische Darstellungsformen angeht, sondern auch in Bezug auf Kooperationen über Redaktionen hinaus. Hier werden wir in diesem Jahr noch sehr viel mehr sehen. Oft reicht es schon, wenn wir den Impuls geben, sich in einer heterogenen Gruppe zusammenzusetzen und 48 Stunden lang an einem übergeordnetem Thema zu arbeiten, beispielsweise bei einem Hackathon. Unsere Technologie steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um das gemeinsame Experimentieren.

Trotzdem, Google gilt nicht gerade als bester Freund der Verlagsbranche. Spüren Sie keine Ressentiments? Natürlich haben viele Journalisten die Sorge, dass Strukturen, die bislang erfolgreich waren, durch die Digitalisierung in Frage gestellt werden. Aber gleichzeitig sehen sie auch die Chance, dadurch einen neuen und besseren Journalismus entwickeln zu können. So entsteht auch diese Aufbruchstimmung. Klar werden wir auch gefragt, warum wir uns in dieser Form engagieren. Unsere Antwort ist einfach:  Google hat ein Interesse an gutem, digitalen Journalismus und daran, dass er sich inmitten des aktuellen Strukturwandels entfalten kann.

Wo liegen in den nächsten Monaten die Schwerpunkte für das Google News Lab? Wir werden unsere Workshops in den Redaktionen fortführen. Im Fokus steht hier wie gesagt die Verifizierung von Informationen und Quellen, Erfahrungen dazu sammeln wir ja bereits laufend in der vom Google News Lab mitgegründeten First Draft Coalition und beim gerade vorgestellten CrossCheck Projekt in Frankreich. Ein zweiter wichtiger Bereich ist unser Fellowship-Programm, mit dem wir demnächst mit einigen Veränderungen in die zweite Runde starten. Geplant ist zudem die Etablierung des Google News Lab University Netzwerks, bei dem wir mit mehr als 60 Universitäten und Journalistenschulen aus aller Welt zusammenarbeiten und die Herausforderungen der Digitalisierung in einem globalen Kontext diskutieren. – und auch die Rolle großer Technologiekonzerne wie Google kritisch hinterfragen. kan
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