Google-Manager zur DNI "Es geht um ein komplett neues Denken"

Mittwoch, 27. Juli 2016
Gerrit Rabenstein verantwortet die Digital News Initiative und koordiniert seitens Google die Zusammenarbeit mit den Verlagen. Von den neuen Bewerbern wünscht er sich kollaborative Projekte mit messbaren Zielen.
Gerrit Rabenstein verantwortet die Digital News Initiative und koordiniert seitens Google die Zusammenarbeit mit den Verlagen. Von den neuen Bewerbern wünscht er sich kollaborative Projekte mit messbaren Zielen.
Foto: Google

Seit April 2015 manifestiert sich das freundliche Gesicht Googles in einem eigenen Projekt: der Digital News Initiative (DNI). Über 160 Partner konnte der Internetkonzern bisher von den Vorteilen einer Zusammenarbeit überzeugen - und hat auch selbst profitiert: "Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und wissen, dass wir unsere Art der Zusammenarbeit gerade im Bereich des Journalismus anders angehen müssen", sagt Google-Manager Gerrit Rabenstein im Interview mit HORIZONT. In der Vergangenheit habe man mehr über- als miteinander geredet. "Das ändert sich jetzt."


Herr Rabenstein, vor kurzem ist die Einreichungsphase der zweiten Runde des Förderfonds zu Ende gegangen, mit dem die Digital News Initiative seit April 2015 digitalen Journalismus unterstützt. Auf was werden Sie bei Ihrer Auswahl, auch angesichts der Erfahrungen aus der ersten Runde, besonders Wert legen?
Das Ziel unseres Fonds ist es generell, Innovationen im digitalen Journalismus zu fördern. Die Offenheit in dieser Formulierung ist bewusst gewählt: Jeder soll selbst entscheiden, was er als Journalismus begreift und wo Innovation in diesem Bereich möglich ist. In der ersten Runde haben wir dann trotzdem gesehen, dass es durchaus ein unterschiedliches Verständnis von Innovation gibt. Für unsere Partner in der DNI und uns ist Innovation nicht die Fortschreibung des Bestehenden, kein Relaunch oder die zusätzliche App zusätzlich zu einer Website. Es geht nicht um Modernisierung, sondern um ein komplett neues Denken. Deshalb legen wir in der zweiten Runde Wert auf Projekte, die deutlich neu sind, die ein neues Geschäftsmodell oder einen neuen Vertriebsweg aufzeigen. Dazu gehören auch messbare Zielgrößen, die die Wirkung des Projekts belegen. Auch kollaborative Projekte finden wir spannend.


In der ersten Bewerbungsrunde wurden zwischen Dezember und Februar weit mehr als 1000 Projekte eingereicht. Welche großen Trends für digitalen Journalismus lassen sich daraus ableiten? Die Projekte, die letztlich gefördert werden, decken schon eine sehr große Breite ab: Mobile ist natürlich ein zentrales Thema, dem wir uns gesondert auch mit unseren Accelerated Mobile Pages widmen, genauso wie Video und Virtual Reality, wenngleich sich Letzteres noch in einem sehr frühen Stadium befindet. Die großen Trends sind sicherlich Personalisierung im Allgemeinen und Datenjournalismus im Besonderen, Roboterjournalismus und maschinelles Lernen. Ich bin sehr gespannt, welche Projekte uns in der zweiten Runde erwarten.

Der Partner

Gerrit Rabenstein betreut Googles Partner aus der Verlags- und Nachrichtenbranche in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Rahmen der neu gegründeten Digital News Initiative. Der 40-Jährige studierte in St. Gallen und an der London School of Economics. Nach verschiedenen Führungspositionen in der Verlagsgruppe Handelsblatt, unter anderem war er Leiter Produktmanagement & Neue Geschäftsfelder, wechselte er 2012 zu Google.

Mit den Accelerated Mobile Pages (AMP) bietet die Digital News Initiative Publishern ein schnell ladendes mobiles und Plattform-unabhängiges Webseiten-Format, mittlerweile können Vermarkter speziell darauf zugeschnittene Werbeanzeigen einsetzen. Ein neuer Youtube Player für Publisher soll das nächste große Ding werden. Wie weit sind die Pläne hier bereits vorangeschritten? Es gibt noch einige offene Fragen, die wir aktuell in Arbeitsgruppen mit unseren Mitgliedsverlagen  klären. Grundsätzlich möchten wir mit dem Youtube Player für Publisher die Einbindung und die Vermarktungsmöglichkeiten für Bewegtbildinhalte der Verlage deutlich verbessern. Wir glauben, dass diese Neuerung in den Häusern eine ähnlich starke Hebelwirkung entfalten wird wie die AMPs, Kosten reduziert und gleichzeitig neue Erlöse schafft. Das Interesse der Publisher ist schon jetzt sehr groß.


Was hat Google von all dem? Google hat ein langfristiges Interesse daran, dass es guten Journalismus im Netz gibt. Die freie Verfügbarkeit von Informationen, aber auch von Meinungs- und Pressevielfalt ist das Herz der Mission von Google. Dazu kommt unser Streben nach Innovation: Über eine Plattform wie die DNI schaffen wir es, viele unterschiedliche Akteure an einen Tisch zu bringen, um das Ökosystem Internet gemeinsam weiterzuentwickeln. Für unser AMP-Projekt haben wir beispielsweise mit sehr vielen Firmen aus der Werbetechnologie gesprochen, aber auch mit anderen Plattformen wie Twitter, Linkedin und Pinterest. Ein Akteur allein, egal ob er aus der Publishing- oder aus der Adtech-Industrie kommt, kann ein Projekt wie AMP nicht global ausrollen. Es bedarf eines Mittlers, der wir mit der DNI sein wollen. Letztlich haben wir auch aus unseren Fehlern aus der Vergangenheit gelernt und wissen, dass wir unsere Art der Zusammenarbeit gerade im Bereich des Journalismus anders angehen und transparenter kommunizieren müssen. In der Vergangenheit wurde mehr über- als miteinander geredet. Das ändert sich jetzt. Wir haben in den letzten Monaten so viel kommuniziert wie möglich, haben bei Veranstaltungen Rede und Antwort zur DNI gestanden, haben Videokonferenzen mit Verlagen und Bewerbern abgehalten. Ich denke, dass uns mittlerweile auch Akteure, die uns bislang kritisch beobachtet haben, anders wahrnehmen und merken, dass sie sich in der DNI so einbringen können, wie sie möchten.


Facebook geht mit seinen Instant Articles ebenfalls mit offenen Armen auf die Verlage zu. Wie stark empfinden Sie den Konkurrenzkampf um die besten Inhalte? Gerade in den letzten 18 Monaten hat sich in diesem Bereich extrem viel getan. Das zeigt uns, dass der Wettbewerb sehr gut ist. Letztendlich begrüßen wir alles, was hilft, in die digitale  Zukunft zu gehen – auch andere Angebote.


Auch das klingt wieder sehr großherzig – ein Altruismus, den ich Ihnen nicht ganz abnehme. Grundsätzlich ist es einfach die Entscheidung der Verlage, welchem Ansatz sie folgen wollen. Die einen fühlen sich auf einer geschlossenen Plattform wohler, die anderen – zu ihnen gehört Google – finden es besser, wenn ihre Inhalte im Internet frei verfügbar und auf unterschiedlichen Plattformen zugänglich sind. Und vielleicht nutzt Facebook ja sogar eines Tages AMPs? Im Ernst, Verlage bilden sich inzwischen immer schneller und fundierter eine Meinung, welchen Weg sie gehen wollen, weil sie sich in immer kürzeren Abständen mit immer neuen Technologien auseinandersetzen und entscheiden müssen, wie sie damit umgehen. Je besser ihr Technologie-Verständnis, desto besser können sie sich auf Kooperationen einlassen, die künftig immer mehr Wahlmöglichkeiten und große Freiheitsgrade beinhalten werden.

Das Projekt

Als Google im April 2015 die Digital News Initiative (DNI) gemeinsam mit elf europäischen Nachrichtenorganisationen startet, darunter deutsche Verlage wie FAZ, Süddeutsche Zeitung und Zeit Online, ist die Neugier genau wie die Skepsis groß. 15 Monate später steht fest: Neugier siegt, Skepsis verfliegt. Insgesamt 128 Projekte werden in der ersten Runde mit Geld aus dem 150 Millionen Euro starken Innovationsfonds gefördert, mehr als 1000 wurden eingereicht. Selbst Häuser wie Gruner + Jahr und Axel Springer (Upday), die im Streit um das Leistungsschutzrecht vehement gegen Google kämpfen, finden sich auf der Liste der nunmehr über 160 DNI-Partner wieder und arbeiten mit dem Konzern am digitalen Journalismus der Zukunft.

Wie schaffen es Verlage, an diesem Büfett der Möglichkeiten am Ende auch satt im Sinne von wirtschaftlich erfolgreich zu sein? Es gibt hier sicher kein Patentrezept. Aber auch hier möchten wir mit dem Fonds der DNI einen Beitrag leisten. Mit dem Geld können Verlage Neues ausprobieren und ganz andere Wege beschreiten. Und sie werden in Zukunft mehrere Wege parallel beschreiten müssen, um Leser und Käufer zu finden. Wir entwickeln uns weg von den beiden großen Strömen Vertrieb und Anzeigen hin zu einem Umsatz, der sich aus sehr vielen Quellen zusammensetzt. Künftig wird es ein stärkeres Nebeneinander von unterschiedlichen Ansätzen geben, die allein kleiner, aber in Summe relevant sind und die Häuser finanzieren können.


Sie sind als Head of Strategic Relations, News & Publishers auch zuständig für die DACH-Region. Gibt es in Ihren Themen Unterschiede zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz? Natürlich sind die Märkte verschieden, aber ich kann keine systematischen Unterschiede in der Herangehensweise der Akteure feststellen. Die Verlage sind jeweils ähnlich rührig. Grundsätzlich ist es aber sicherlich so, dass ein einheitlicher europäischer digitaler Markt für alle Akteure im digitalen Journalismus attraktiv und interessant wäre als Basis für Innovation. kan

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