Google-Manager Richard Gingras "Das Internet steckt in einer Krise"

Mittwoch, 15. Juni 2016
Richard Gingras beim BDZV-Kongress Zeitung Digital
Richard Gingras beim BDZV-Kongress Zeitung Digital
Foto: BDZV / David Ausserhofer

Lektionen in Demut, die gab es am heutigen Morgen für die Besucher des BDZV-Kongresses Zeitung Digital in Berlin. "Wir müssen uns bewusst sein, dass wir bis heute das ganze Ausmaß der Digitalisierung nicht verstanden haben", sagte Springer-Vorstand Jan Bayer einleitend – während man hier diskutiere, werde wahrscheinlich gerade das nächste Buzzfeed oder Snapchat entwickelt.

Die Zeiten der Selbstbeweihräucherung, die bei Branchenveranstaltungen jeglicher Art jahrelang üblich waren, scheinen endgültig vorbei zu sein. Das gilt nicht nur für Bayer, der die rund 300 anwesenden Zeitungsverleger darauf einschwor, den Nutzer, aber auch aktuelle Herausforderungen wie Bewegtbild, Adblocking sowie Plattformen wie Facebook und Snapchat, ernst zu nehmen.

Selbstkritisch gab sich auch Johann Jungwirth, Chief Digital Officer bei Volkswagen, und – tatsächlich – Google-Manager Richard Gingras, der beim Suchmaschinenkonzern die Bereiche News und Social Products verantwortet. "Das Internet steckt in einer Krise und muss repariert werden", sagte der beispielsweise. Dem Web fehle ihm zufolge nicht nur die Geschwindigkeit ("40 Prozent der Mobile-User verlassen eine Site, wenn sie länger als 3 Sekunden lädt"), auch die Werbewirtschaft funktioniere online nicht mehr richtig. "Onlinewerbung nervt einfach, das sehen wir an den steigenden Adblockerraten."

Die Lösung, und jetzt ist die Stimmung nicht mehr ganz so demütig, liegt für Gingras im AMP-Projekt, das im Rahmen der Digital News Initiative von Google entstanden ist. Dabei handelt es sich um speziell für Mobile optimierte Websites, die durch ihre geringere Datenmenge deutlich schneller laden als konventionelle Sites. Die Erfahrungen der beteiligten Medienhäuser (unter anderem "FAZ", Spiegel und Zeit Online) sprächen für das Angebot, sagt Gingras in Berlin. "Google und die Publisher haben gemeinsame Ziele. Wir alle wollen ein offenes Internet, das Wissen zur Verfügung stellt und ordnet."Die Frage, ob der Internetkonzern, der mit den deutschen Verlagen seit Jahren über ein Leistungsschutzrecht streitet, nun Freund oder Feind der Printbranche ist, war für den Redner deshalb schnell beantwortet: "Ich würde nicht bei Google arbeiten, wenn ich nicht wissen würde, dass Google eine gute Rolle im Ökosystem Internet einnimmt." Stattdessen müsse die Zusammenarbeit intensiviert werden: "Wir brauchen neue Medienformen, neuen Journalismus, neue Geschäftsmodelle, und wir müssen uns fragen: Wie können wir dem Leser mehr Informationen zur Verfügung stellen?"

Dass der Nutzer mehr denn je in den Fokus aller Bemühungen gehört, darüber waren sich am Mittwochvormittag alle einig. "Wir müssen uns ehrlich fragen, was wir über den Nutzer und sein Leseverhalten wirklich wissen, welche Bedürfnisse er hat, welche Inhalte ihn begeistern und auch, ob Unternehmen wie Facebook solche Fragen vielleicht besser beantworten als wir", betonte Bayer auch in seiner Rolle als Vizepräsident des BDZV. Vorgefertigte Antworten und Patentrezepte gebe es in der heutigen Zeit nicht mehr, vor allem, weil permanent neue Herausforderungen entstehen.

Wenn also Volkswagen, wie von CDO Jungwirth in Berlin angekündigt, "in 3 bis 5 Jahren Tesla eingeholt haben" wird und sich mit vollautomatisierten Fahrzeugen zum Google-Konkurrenten gemausert hat, müssen Zeitungen News für die Unterhaltung im Auto parat haben. "Das ist ein riesiges Potenzial, und natürlich werden wir nach Partnerschaften mit Medien suchen, die uns dann den perfekten Multimedia-Content zur Verfügung stellen", betonte der VW-Manager. kan

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