Google-Europachef Matt Brittin "Deutsche sprechen ständig über Gefahren und Bedrohungen"

Freitag, 24. November 2017
Will das Geschäft Googles in Europa ausbauen: EMEA-Chef Matt Brittin
Will das Geschäft Googles in Europa ausbauen: EMEA-Chef Matt Brittin
© Google

Google und Europa? Das ist nicht gerade eine Liebesgeschichte. Im Sommer hat die EU-Kommission dem Internetkonzern wegen seiner Shopping-Suche eine Wettbewerbsstrafe von 2,42 Milliarden Euro aufgebrummt. Nie zuvor hat es in der EU-Geschichte eine höhere Strafe gegeben. Außerdem brodelt es wegen der Steuern: Immer lauter kritisieren einige EU-Minister die Tatsache, dass Digitalunternehmen wie Google nur dort besteuert werden können, wo sie einen Firmenstandort haben – obwohl sich ihre Geschäftsaktivitäten deutlich darüber hinaus erstrecken. Auch deshalb gibt es wohl kaum einen anderen Landstrich, auf dem Google mehr Gegenwind spürt.

Der Mann, der sich mit all diesen Problemen herumschlagen muss, ist Matt Brittin. Seit Dezember 2014 verantwortet er das Geschäft Googles in Europa, dem Mittleren Osten und in Afrika, vorher kümmerte er sich schon um den Markt im UK und um Nord- und Zentraleuropa. Im Interview mit HORIZONT positioniert sich der 49-Jährige erwartungsgemäß als Kämpfer für den Fortschritt und Tech-Optimist: "Es ist ein großer Fehler zu glauben, die USA wären die führende Digitalnation. Die wirklichen technologischen Innovationen finden in Europa statt."

Außerdem äußert sich Brittin zu...

... der Klage der EU-Kommission:

 "Wir sind gerade dabei, einige Veränderungen an Google Shopping vorzunehmen, um den Anforderungen der EU-Kommission zu entsprechen. Das tun wir, obwohl wir den Vorwurf nicht nachvollziehen können. Wenn Sie online einkaufen, wie gehen Sie da vor? Sie nutzen die Google-Suche, aber Sie nutzen genauso Amazon, Ebay oder Tripadvisor. Die EU-Kommission tut so, als gäbe es letztgenannte Angebote nicht. Das macht keinen Sinn und wird auch dem Verhalten der europäischen Bürger nicht gerecht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir respektieren die Entscheidung der Kommission und wir werden alles tun, um die geforderten Änderungen umzusetzen und unseren Nutzern auch weiterhin den bestmöglichen Service bereitzustellen. Wir haben gegen die Entscheidung Berufung eingelegt, denn nie zuvor gab es im Onlinehandel einen so starken Wettbewerb wie heute. Käufer und Verkäufer haben mehr  Auswahlmöglichkeiten und Verkaufsoptionen denn je – auch dank der Google-Suche. Sie hat vieles überhaupt erst ermöglicht."

... der Steuerpolitik Googles:

"Wir zahlen unsere Steuern nach derzeit geltendem Recht wie jeder andere auch. Der absolute Großteil unserer Produkte entsteht in unserer Unternehmenszentrale in den USA, deshalb zahlt Google dort auch die meisten Steuern. Wenn sich das internationale Steuersystem ändert, werden wir uns natürlich daran orientieren und den neuen Regeln folgen. Aber haben Sie sich schon einmal überlegt, was die Besteuerung nach Umsatz für deutsche Unternehmen wie BMW und Volkswagen bedeuten würde, die einen Großteil ihrer Autos in China verkaufen? Ich habe nichts gegen eine Modernisierung des Steuersystems, aber ich will mich eigentlich lieber darauf konzentrieren, unser Geschäft hier auszubauen, mein Team zu vergrößern und neue Innovationen auf den Markt zu bringen. Das hilft der Digitalwirtschaft in Europa letztlich mehr."
Margrethe Vestager
© EU

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... zum deutschen Markt:

"Der deutsche Markt ist sehr komplex. Das geht schon damit los, dass es für jedes Bundesland einen eigenen Datenschutzbeauftragten gibt. Das macht es deutschen Start-ups nicht gerade leicht, und anderen, die in Deutschland Fuß fassen wollen, erst recht nicht. Das heißt nicht, dass ich das besondere Interesse der Deutschen am Schutz ihrer persönlichen Daten nicht sehr gut verstehen könnte. Im Gegenteil: Unser Tool "My Account", über das Nutzer unter anderem detaillierte Privatsphäre-Einstellungen vornehmen können, wurde von unseren Ingenieuren in München entwickelt. Grundsätzlich versucht Google, seine Sicherheits- und Datenschutz-Standards an den deutschen Standards zu orientieren. Das ist etwas, das ich an unserer Präsenz in Europa sehr schätze: Dass wir von anderen lernen können."

... zur E-Privacy-Verordnung: 

"Ich wundere mich oft über den Pessimismus der Deutschen. Sie sprechen ständig über Gefahren und Bedrohungen, dabei ist die Absicht, die hinter der Datenschutz-Grundverordnung und der E-Privacy-Richtlinie steckt, doch eine sehr gute. Schließlich geht es darum, den Nutzer und seine Privatsphäre zu schützen. Natürlich verursachen Regelungen wie diese viel Arbeit und viele Kosten für die Unternehmen. Google ist groß genug, um das zu stemmen, kleinere Unternehmen stehen hier sicherlich vor größeren Herausforderungen." kan 

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